ZEIT ONLINE: Senhor Luiz Fernando?

Luiz Fernando da Costa: Genau der. Alles klar?

ZEIT ONLINE: Guten Tag. Danke, dass Sie mich hier empfangen.

Da Costa: Sie sprechen ein gutes Portugiesisch.

Da sitzt er, einen knappen Meter entfernt, auf einem Plastikstuhl. Der Kartellchef lächelt, man kann seine Zähne sehen. Er trägt eine Art Pyjama aus hellblauem Stoff. Auf dem Hemd und der Hose steht "Gefangener Nummer 102".

Der Gefangene Nummer 102 heißt mit bürgerlichem Namen Luiz Fernando da Costa und ist 50 Jahre alt. In Brasilien kennt ihn fast jeder unter seinem Bandennamen: Fernandinho Beira-Mar. Übersetzt etwa: der kleine Ferdinand von der Waterkant. Kollegen nennen ihn auch "der Psychopath". Seit 2001 sitzt da Costa in wechselnden Hochsicherheitsgefängnissen, so wie diesem hier in der Amazonas-Metropole Porto Velho. Er ist wegen Drogenhandels, Bandenbildung, Mordes und zahlreicher anderer Delikte zu mehr als 200 Jahren Haft verurteilt.

Wüsste man das alles nicht, könnte man da Costa für einen reizenden Menschen halten. Er redet schnell und detailreich, bisweilen amüsiert, er scherzt. Unterbricht man seinen Redefluss mit einer Frage, reagiert er zuvorkommend, hört zu, schaut sein Gegenüber kalt und aufmerksam an.

Aber draußen auf dem Gefängnisgang wartet während des Interviews ein Pulk von Wachleuten. Angespannt lugen sie in die Zelle hinein, bewaffnet mit Schlagstöcken, Pistolen und Taserwaffen. Die Bedingungen für das Interview wurden genau festgelegt: Nicht zu nah an den Gefangenen ran! Nicht berühren! Kein Handschlag!

Denn da Costa – so erläuterten es Polizeifahnder und Strafvollzugsbeamte im Vorgespräch – sei einer der gefährlichsten Häftlinge der Welt. Er sitze zwar in seiner Zelle ein, aber von dort aus führe er noch ein international verzweigtes Drogenkartell. Er gilt als der Kopf des "Comando Vermelho", des Roten Kommandos, einer der größten Drogenbanden in Lateinamerika überhaupt. Wenn in Brasilien Gewaltexzesse unter Drogenbanden ausbrechen, zeigen Nachrichtenmagazine auf ihrem Cover da Costas Bild. Nach dem Motto: Morde in Rio, Beira-Mar greift wieder an!

Fernandinho Beira-Mar ist Häftling Nummer 102. © Thomas Fischermann für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Darf ich das Aufnahmegerät anstellen?

Da Costa: Nehmen Sie alles auf! Wir werden uns unterhalten. Wie heißen Sie?

ZEIT ONLINE: Thomas.

Da Costa: Thomas.

ZEIT ONLINE: Wir machen eine Reportage darüber, wie der Drogenhandel funktioniert, und dachten uns: Reden wir mit Ihnen, dann haben wir einen Experten vor uns. Deshalb bin ich hier. Mir ist klar, dass Sie auf einige Dinge antworten können und auf andere nicht.

Da Costa: Kein Problem. Ja, bei einigen Dingen würde es eher stören, wenn man darüber spräche. Einiges von dem, was ihr Reporter, was die Medien schreiben, ist absurd. Da gibt es Meldungen à la: Der Dealer soundso kauft in Bolivien ein Kilo Kokain, verkauft es weiter, und damit macht er soundso viel Gewinn. Aber so ist es nicht, verstehen Sie? Es gibt andere Faktoren. Aber die Informationen werden falsch wiedergegeben. Die Leute glauben dann, der Gewinn sei dieser ganze Betrag.

ZEIT ONLINE: Ich höre Ihnen zu.

Da Costa: Genau. Logisch.

ZEIT ONLINE hatte um das Gespräch mit da Costa gebeten, weil wir den Drogenhandel und seine Folgen besser verstehen wollten. Wir wollten auch wissen, ob einer wie da Costa Ideen hat, wie man den Drogenhandel eindämmen kann oder zumindest die Exzesse der Gewalt. Würde er darüber reden?

In den neunziger Jahren hatte er in einem Vorort von Rio de Janeiro ("Beira-Mar") als Importeur und Verkäufer von Kokain und Marihuana begonnen. Bald kontrollierte er den Fahndern zufolge 13 Favelas im Stadtgebiet, seinen Leuten wurden auch Einbrüche und Überfälle zur Last gelegt. Irgendwann galt da Costa als das Gesicht des "Comando Vermelho".

Die Polizei behauptet, dass da Costa für Hunderte, vielleicht Tausende von Morden und Folterungen verantwortlich sei: an den Dealern verfeindeter Drogenbanden, an Verrätern in den eigenen Reihen, an Nebenbuhlern in der Liebe. Den Gerichten legte sie erdrückende Beweise vor. Beira-Mar habe schon ganze Häuserkriege gegen andere Banden und die Polizei befehligt. Einige Male wurde er gefasst, aber mehrfach konnte da Costa aus den Gefängnissen wieder fliehen. In Rio soll er mal ein Massaker an den Häftlingen einer rivalisierenden Drogenbande angeführt haben. Er wurde dafür verurteilt, aber bis heute bestreitet er das.

Er bestreitet überhaupt sehr viel in diesem Gespräch – fast alles, was ihm zur Last gelegt wird. Für das Interview stellte er eine Bedingung: Es solle unverfälscht im Wortlaut erscheinen. Daher geben wir, um jedwedes Missverständnis zu vermeiden, hier die Komplettversion wieder.

ZEIT ONLINE: Darf ich mal mit einer etwas komischen Frage anfangen? Ich würde gern wissen, warum Sie mir ein Interview geben.

Da Costa: In Wahrheit ist es so: Ich will ein Buch veröffentlichen. Dieses Buch wird davon handeln, was passiert ist. Viele Leute sind schon sehr neugierig drauf, was da drinstehen wird! Erinnern Sie sich an den Unternehmer Abílio Diniz, der hier in Brasilien von zwei Personen aus Kanada entführt wurde?

ZEIT ONLINE: (schüttelt den Kopf)

Da Costa: Der Fall sorgte damals weltweit für Aufmerksamkeit. Was ist da wirklich passiert? Die Leute kennen nur die Version, die die Medien gebracht haben. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie könnten ein Buch kaufen, in dem die Version von der anderen Seite dargestellt wird. Sie haben zum Beispiel von der Invasion des Complexo do Alemão gehört? Nicht wahr?