ZEIT ONLINE: Herr Kappel, die G20 wollen die afrikanischen Länder in der Armutsbekämpfung unterstützen. Ein zentrales Instrument dafür ist der Compact with Africa – ein Plan, der ausgerechnet den ärmsten Ländern nichts bringe, sagen Sie. Was genau funktioniert da nicht?

Robert Kappel: Der Compact with Afrika (CWA) konzentriert sich auf große Infrastrukturprojekte in wirtschaftlich schon relativ entwickelten Ländern. Er will zum Beispiel eine Schnellstraße zwischen Nairobi und Mombasa finanzieren, oder Staudämme im südlichen Afrika. Er will die urbanen Zentren vernetzen und besser durch Verkehrswege, Elektrizität, Trinkwasser, Häfen und Flughäfen erschließen. 

Dahinter steckt die Idee, dass in den Städten am ehesten Wirtschaftswachstum entsteht. Prinzipiell ist das auch gut, es gibt da unglaubliche Defizite. Aber Armut ist in Afrika ländlich.  

ZEIT ONLINE: Das bedeutet, innerhalb Afrikas vergisst der CWA die armen Länder, die Fortschritte besonders nötig hätten – und in den Ländern, die er nicht vergisst, ignoriert er die armen ländlichen Regionen?

Kappel: Das kann man so sagen.

ZEIT ONLINE: Wie kommt es dazu?

Kappel: Der Compact ist ein Papier der Finanzminister, die sich vor allem gefragt haben, wie sie das Kapital lockermachen können, das gebraucht wird, um die Großprojekte zu finanzieren. Es geht um enorme Summen: Man schätzt, dass jährlich 100 Milliarden Dollar investiert werden müssten, und zwar zehn bis 15 Jahre lang, damit die Infrastruktur auf dem afrikanischen Kontinent ungefähr auf den Stand von Südostasien kommt. Nur um die wesentlichen Dinge auszubauen, also Elektrizität, Straßen, Wasserverbindungen, das urbane Transportsystem und den Transport auf dem Land, Häfen und Flughäfen.

Weil öffentliche Kassen das nicht stemmen können, sucht man nun private Investoren, die ihr Geld langfristig anlegen möchten: Pensionsfonds zum Beispiel und Lebensversicherer, unter ihnen auch die Allianz oder die großen amerikanischen Rentenfonds. Die aber werden nur in Afrika investieren, wenn sie eine bestimmte Rendite vergleichsweise sicher in Aussicht haben. In den armen Ländern können sie die nicht erwarten. Die Dokumente des CWA zeigen, dass den Investoren eine Verzinsung von 4 bis 4,5 Prozent garantiert werden soll. Das ist sehr hoch.

ZEIT ONLINE: Wenn es darum gehen soll, den Armen zu helfen, müssten die G20 sich doch zunächst einmal mit der aktuellen Hungerkatastrophe in Südsudan, Nigeria, Jemen und Somalia befassen. Doch die bleibt merkwürdigerweise unbeachtet.  

Kappel: Niemand hat Interesse, über Hunger zu sprechen. Deshalb fehlt den Hilfsorganisationen dort das Geld. Um dagegen etwas zu unternehmen, müssten die G20 jetzt, kurz vor dem Gipfel, noch eine völlig andere Richtung einschlagen. Das wird aber wohl nicht passieren. Und wenn dann Argentinien die G20-Präsidentschaft übernimmt, wird Afrika auf der Themenliste wieder nach unten rutschen.   

Hunger kommt im Kosmos der Finanzminister gar nicht vor.

Hunger kommt im Kosmos der G20-Finanzminister überhaupt nicht vor, auch nicht die Armut. 400 Millionen Menschen sind in Afrika inzwischen arm und es werden immer mehr. Die Wüste breitet sich aus, die Zahl der Hitzewellen steigt. Aber für soziale Fragen und Umweltthemen interessieren sich die Finanzminister nicht. Sie bräuchten einen ethischen Kodex.

ZEIT ONLINE: Wie hoch schätzen Sie die Chance ein, dass die geplanten Infrastrukturprojekte, also die Straßen, Dämme, Stromleitungen und Häfen tatsächlich gebaut werden?

Kappel: Die Projekte werden seit fünf bis acht Jahren immer weiter entwickelt. Jetzt geht es um ihre Finanzierung. Wenn die Investoren kommen, ist die Chance gut. Ich finde den Ansatz, die Privaten ins Boot zu holen, wenn öffentliche Gelder nicht ausreichen, auch völlig in Ordnung. Vermutlich ist das die einzige Möglichkeit, das Problem grundsätzlich angehen zu können.  

ZEIT ONLINE: Trotzdem sehen Sie den Compact with Africa sehr kritisch. Warum?