Ich bin ein großer Fan von Schorsch Kamerun. Ich lese seine Bücher, ich höre seine Platten, ich habe sogar in seinem Club getanzt. Umso verstörter war ich, als ich vor einigen Tagen sein Interview in der ZEIT gelesen habe. Darin beschreibt der Hamburger Künstler die G20 als "zusammengebaute Elite", den Gipfel in seiner Heimatstadt als "autoritären Akt" bei dem "im Interesse einiger weniger" die Ausbeutung der Armen und Schwachen vorangetrieben werde.

Kamerun steht mit dieser Sicht der Dinge allerdings keineswegs allein. Sie ist in politisch linken Kreisen allgegenwärtig und bildetet damit letztlich auch das theoretische Fundament der Proteste gegen den Gipfel, die sich dann in einer Gewaltorgie entluden, über die in den vergangenen Tagen viel geschrieben worden ist.

Das bedeutet nicht, dass ich Schorsch Kamerun und seinen intellektuellen Mitstreitern vorwerfe, der Gewalt den Weg bereitet zu haben. Mein Vorwurf lautet: Ihre Sichtweise wird der Realität nicht gerecht.

Welt ein Stück gerechter machen

Der gemeinsame Nenner aller linken Strömungen besteht darin, die herrschenden Verhältnisse als mehr oder weniger ungerecht zu begreifen. Vor diesem Hintergrund zielt eine progressive Politik darauf ab, die Welt zugunsten der Benachteiligten zu verändern.

Gerade deshalb ist die G20 aber der falsche Adressat für diese Art der Kritik. Zur Erinnerung: Sie wurden gegründet, um die Welt ein Stück gerechter zu machen – zumindest um zu verhindern, dass eine der größten Finanzkrisen der jüngeren Geschichte die ökonomischen Grundlagen der modernen Zivilisation zerstört.

Das hat bekanntlich auch ganz gut funktioniert. Anders als in den dreißiger Jahren – damals gab es keine vergleichbare Institution – erholte sich die Weltwirtschaft dank eines gewaltigen auf dem ersten G20-Gipfel in Washington international abgestimmten Konjunkturprogramms nach einem kurzen Einbruch wieder. Das mag abstrakt klingen, hat aber ganz konkret Millionen Menschen vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und dem sozialen Absturz bewahrt.

Ein Jahr später wurde in Pittsburgh eine umfangreiche Agenda zur Re-Regulierung der internationalen Finanzmärkte verabschiedet – und was entscheidend ist: in den Jahren darauf Stück für Stück weltweit umgesetzt. Dass die Banken heute deutlich stabiler sind als vor der Krise, ist ein Verdienst der G20. Und im chinesischen Hangzhou einigten sich die Staatschefs voriges Jahr darauf, die Steuertricks internationaler Großkonzerne zu bekämpfen. In Hamburg übrigens bekannten sich 19 von 20 Teilnehmern zum Pariser Klimaschutzabkommen. Das ist nach der Kündigung des Vertrags durch die USA ein extrem wichtiges Signal, von dem man in Deutschland kaum etwas mitbekommt, weil alle nur über die Krawalle reden.