Illegale Preisabsprachen sind in Deutschland keine Seltenheit: 2011 ermittelten die Behörden gegen das Matratzenkartell; im gleichen Jahr flog auch ein Feuerwehrfahrzeugkartell auf. 2013 belegte das Kartellamt Süßwarenhersteller mit einer Millionenstrafe, weil die ihre Preise aufeinander abgestimmt hatten. Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt das Schienenkartell, an dem ThyssenKrupp beteiligt war, die Gerichte – und nun gibt es offenbar auch ein Autokartell. VW, Audi, Porsche, BMW und Daimler sollen sich seit den 1990er Jahren im Geheimen abgesprochen haben, unter anderem auch über ihre Preisgestaltung.

Kartelle richten großen Schaden an: Sie bremsen die Konkurrenz aus, verhindern Innovationen und wegen ihnen zahlen Staat und Verbraucher zu hohe Preise. Einmal enttarnt, zerstören Kartelle das Vertrauen der Kunden und machen Marken kaputt. Wer aber haftet dafür: nur die Unternehmen als Organisation, oder auch ihre leitenden Angestellten? Was passiert mit den Managern, die für illegale Kartellabsprachen verantwortlich sind?

Über die Antwort streiten seit Jahren die Gerichte, und zwar im Fall von ThyssenKrupp und dem Schienenkartell. Der Konzern fordert Schadenersatz von Uwe Sehlbach, einem ehemaligen Vorstand. ThyssenKrupp wirft Sehlbach vor, von den illegalen Absprachen gewusst oder zumindest seine Kontrollpflichten verletzt zu haben und deshalb für die Buße, die das Unternehmen zahlen musste, verantwortlich zu sein.

Der Streit begann im Jahr 2012. Damals und im darauffolgenden Jahr vergatterte das Bundeskartellamt ThyssenKrupp, eine Buße von insgesamt 191 Millionen Euro zu zahlen. Hinzu kamen Anwaltskosten und Schadenersatzforderungen an den Konzern. Der Gesamtschaden belief sich auf gut 300 Millionen Euro.

Wie viel wusste der Manager?

Dafür sei Uwe Sehlbach verantwortlich, der damals Geschäftsführer bei ThyssenKrupp war, sagt der Konzern. Sehlbach soll an den Absprachen beteiligt gewesen sein. Der Manager aber weist den Vorwurf zurück. Für das operative Geschäft sei ein Kollege zuständig gewesen, er selbst habe von den illegalen Preisabsprachen nichts gewusst, sagt er.

ThyssenKrupp will Sehlbach dennoch haftbar machen. Selbst wenn er nicht aktiv am Schienenkartell beteiligt gewesen sei: Als Geschäftsführer habe er eine Aufsichtspflicht, und die habe er verletzt. Sehlbach hätte etwas wissen müssen, sagt der Konzern – und damit sei er auch verpflichtet gewesen, die Compliance-Abteilung des Konzerns zu informieren, die ständig kontrolliert, ob im Unternehmen alles mit rechten Dingen zugeht. Das aber habe Sehlbach unterlassen.

Die Fragen, wie viel der Manager wusste und ob er tatsächlich die Verantwortung für den 300-Millionen-Euro-Schaden trägt, beschäftigen seither unterschiedliche Gerichte. Eine endgültige Antwort ist noch nicht gefunden.

Im Dezember 2013 wies das Arbeitsgericht Essen die Klage von ThyssenKrupp ab (Az. 1 Ca 658/13). Der Konzern konnte die Beteiligung Sehlbachs an den Kartellabsprachen nicht belegen. In nächster Instanz wies auch das Landesarbeitsgericht Düsseldorf die Forderung des Konzerns zurück, Sehlbach solle 191 Millionen Euro an seinen ehemaligen Arbeitgeber zahlen. ThyssenKrupp ging in Revision.