Die Vorwürfe sind weitreichend. Sie richten sich gegen die größten deutschen Autohersteller und damit zugleich gegen die größten Industrieunternehmen dieses Landes. Audi, BMW, Daimler, Porsche und Volkswagen sollen sich seit sehr langer Zeit im Geheimen abgesprochen haben. Bis in die 1990er Jahre sollen die Dokumente zurückreichen, die laut einem Bericht des Spiegel von einem weitverzweigten Kartell in der Autoindustrie zeugen.

Was den größten deutschen Autoherstellern angelastet wird, trifft den Kern der bundesrepublikanischen Industrie. Die Ermittlungen über ein Kartell der fünf Automarken könnten weitreichende Folgen haben, weil damit eine für Deutschland geradezu systemrelevante Branche getroffen wird. Sollten die Autohersteller wegen des Skandals durch hohe Strafzahlungen geschwächt werden, dürfte dies auch Auswirkungen für die Wirtschaft insgesamt haben.

"Es ist die größte Industriebranche in Deutschland", sagt Christian Rammer vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW) über die Automobilindustrie. Vor einigen Jahren verfasste er zusammen mit weiteren Autoren eine maßgebliche Studie zu deren Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft. Er sagt, die Branche habe ein "weit überdurchschnittliches Gewicht" für die gesamte Wertschöpfung in Deutschland. Zur Industrie zählten aber nicht allein die Autohersteller, sondern auch viele andere Branchen, die eine Vorleistung für die bekannten Marken erbrächten. Größtenteils kämen diese Unternehmen aus der Metall-, der Kunststoff- oder Chemieindustrie.

800.000 direkte Beschäftigte

"Man darf nicht nur an Volkswagen oder Daimler denken, sondern beispielsweise auch an BASF, die einen Milliardenumsatz im Automobilgeschäft macht", sagt Rammer. Viele kleine und mittlere Firmen hätten sich darauf spezialisiert, Teile zu bauen, die wiederum von anderen Zulieferern in Komponenten verwendet würden. "Der Multiplikatoreffekt ist in dieser Branche besonders hoch."

Auch wenn man die Zahl der Beschäftigten betrachtet, erschließt sich schnell die Bedeutung für den deutschen Wirtschaftsstandort. "Wir zählen in der Autoindustrie allein 800.000 direkte Beschäftigte und bis zu 1,5 Millionen zusammen mit den indirekten Beschäftigten", sagt Rammer. Dieser Wert sei relativ stabil, es habe zwar in den 1990er Jahren einen starken Rückgang gegeben, aber das sei inzwischen wieder aufgeholt worden. Selbst durch die Weltfinanzkrise vor knapp zehn Jahren seien in der deutschen Automobilindustrie nur kurzfristig Jobs verloren gegangen. Am ehesten erreicht der deutsche Maschinenbausektor noch diese Bedeutung für den Arbeitsmarkt. Weit dahinter liegt die Herstellung von Metallerzeugnissen, gefolgt von der Nahrungs- und Futtermittelindustrie.

Die Automobilindustrie trägt außerdem maßgeblich zu Deutschlands Ruf als Exportnation bei. "Die Exportquote in der Branche lag 2015 bei 65 Prozent", sagt Rammer. "Und das ist vielleicht die größte Achillesferse dieser Industrie." Wenn Länder wie die USA unter Präsident Donald Trump beginnen sollten, den Freihandel einzuschränken und Importzölle zu erheben, wenn sich auch andere Länder einer solchen Politik anschlössen, "würde das die deutsche Autoindustrie enorm hart treffen", sagt Rammer. Es dauere viele Jahre, bis man stattdessen ein Autowerk im Zielland aufgebaut und das Know-how transferiert habe.

Die andere große Gefahr geht von einem grundlegenden Wandel aus, dem die ganze Branche unterliegt – dem Wandel hin zur E-Mobilität. Etwa die Hälfte der Jobs in der Autoindustrie hängen laut einer aktuellen Studie des ifo-Instituts in München noch am Verbrennungsmotor. Diese Jobs sind verbunden mit der Herstellung von Benzin- und Dieselmotoren, Abgasreinigungssystemen, Schaltgetrieben oder Kraftstoffen. Das mache laut ifo gut zehn Prozent der deutschen Industriebeschäftigten aus. Bisher aber zeichnet sich nicht ab, dass die Branche bereit ist, sich auf diesen grundlegenden Wandel einzustellen.

Kartellverdacht - Geheime Absprachen zwischen Autoherstellern VW, Daimler, Audi, BMW und Porsche sollen sich seit den 1990er Jahren über Technik, Kosten und Zulieferer verständigt haben. Die Autohersteller reichten dazu nach Medienberichten Selbstanzeigen bei den Behörden ein. © Foto: Julian Stratenschulte/dpa