Wir wissen es längst. Nach den Daten des Weltklimarates ist die im Paris-Abkommen vereinbarte Grenze der  globalen Erwärmung auf 1,5 bis 1,8 Grad nur erreichbar, wenn wir weltweit alle Emissionen in zehn bis 20 Jahren auf null bringen. Zugleich haben wir den Artenverlust zu stoppen und umzukehren, wie uns die globale Biodiversitätskonvention vorschreibt. Aber statt darüber zu diskutieren, wie wir uns begrenzen könnten, oder endlich politisch zu handeln, erliegen wir seit einiger Zeit einer vermeintlich einfachen Lösung: Nachhaltigkeit erreichen wir durch intelligenteren Konsum.

Indem wir uns für neue grüne Produkte und Dienstleistungen entscheiden, schaffen wir demnach magischerweise gleich zweierlei: Wir retten den Planeten und bescheren den Unternehmen und der Gesellschaft weiterhin ein sattes grünes Wachstum.

Warum darüber nachdenken, auf irgendein Produkt zu verzichten, wenn wir es doch aus beliebig nachwachsenden und recycelbaren Wertstoffen herstellen können? Es ist eine verheißungsvolle Produktwelt, die nur noch nützt und keinen Schaden mehr anrichtet: Warum Wegwerfgeschirr abschaffen, wenn wir es aus Blättern von Pflanzen herstellen können? Was soll an Autos und Häusern ökologisch problematisch sein, wenn wir sie aus nachwachsenden Rohstoffen bauen und Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien liefern? Natürlich ist dann auch eine Energie-Flatrate fürs Elektroauto möglich. Warum also nicht extra viel Auto fahren in den Wunderwagen etwa eines Elon Musk, wenn es doch öko ist? Warum nicht weiterhin reisen, wenn das sanfte Tourismus-Ressort unter Palmen den Schutz der Natur verspricht? Warum nicht noch ein Paar ökologisierte, fair produzierte Sportschuhe kaufen, wenn selbst die Stiftung Warentest behauptet: "Das richtige Paar finden – und dabei ein gutes Gewissen haben"?

Wir können nicht anders, als zu konsumieren

Doch so einfach ist es nicht, auch wenn sogenannte grüne Technik sehr wichtig ist. Oft wird nur auf einen Problembereich geschaut, etwa auf die Herstellung. Ein Auto aus vollständig essbaren Komponenten, ohne Metalle,  ist beeindruckend. Doch würde auch dieses Auto selbst dann noch Fläche verbrauchen und damit die Biodiversität und die Grundwasseranreicherung schädigen. Selbst die erneuerbaren Energien, mit denen ein solches Lunch-Auto betrieben werden sollte, sind nicht im Überfluss verfügbar. Wer die globalen Naturschutzziele erreichen will, kann auch nicht mehr Flächen zum Anbau nachwachsender Rohstoffe für pflanzliches Plastik nutzen, sondern muss der Natur und der Wildnis schlicht mehr Raum geben.

Sich auf das Klima zu fokussieren, ist wichtig, aber die Auswirkungen auf andere Umweltbereiche werden oft gar nicht gesehen. Umwelt ist aber eben nicht gleich Klima. Deshalb reicht es auch nicht, wenn eine Technik-Idee für ein paar Einzelanwendungen pfiffig ist. Die Frage ist vielmehr, ob ihre flächendeckende Anwendung funktioniert. Und daran fehlt es, wenn man statt einer Begrenzung unserer steigenden Nachfrage nach Ressourcen aller Art einfach auf nachwachsende Optionen umsteigen möchte. Auch die Blätter für das erwähnte Einweggeschirr sind nicht einfach massenhaft verfügbar; denn sie sind Teil der natürlichen Stoffkreisläufe etwa im Wald.

Sowohl häufige Fernreisen als auch neue Schuhe für jeden denkbaren Sport sind Beispiele für Produkte, die noch vor einiger Zeit eigentlich niemand brauchte. Im Prinzip dienen solche Produkte dem Versuch, einer gesättigten westlichen Welt weiterhin Absatz und Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. Aber waren wir ohne Malaysia-Urlaub und superneue Sportausrüstung in den 1980er Jahren wirklich unglücklich? Es ist eben keine Öko-Strategie, Produkte erst neu in den Markt zu drücken und dann einige grobe Auswüchse zu therapieren. Der Langstreckenflug, den man früher gar nicht unternommen hätte, wird nicht dadurch ein Gewinn für die Umwelt, dass die Düsen des Flugzeugs plötzlich total energieeffizient konstruiert werden. Die Strategie, immer reicher zu werden, und das jetzt halt ein bisschen grüner, ist aller Voraussicht nach schlicht zu wenig, um Nullemissionen im Sinne des Paris-Abkommens oder mehr Raum für die Natur zu erreichen.

Die Idee, jegliche ökologische Schädlichkeit aus Konsumgütern zu verbannen und diese dadurch immer intensiver konsumieren zu können, mag für viele traumhaft klingen. Sicherlich lassen sich darüber auch schöne Geschichten erzählen, wenn etwa Michael Braungart den Baum als Vorbild für Öko-Produkte anpreist, der schließlich auch nur nütze und der Vorbild sei. Doch schon anhand dieses banalen Bildes sieht man erneut, wie eigenartig so weitgehende Versprechungen sind: Natürlich nützt auch ein Baum nicht nur, er verhindert vielmehr beispielsweise durch seinen Schatten, dass sich bestimmte andere Pflanzen in seinem Schatten entwickeln können.

Sicherlich lassen sich viele Konflikte und Abwägungsprobleme im Leben durch bessere Technik und intelligente Lösungen minimieren. Doch das Ziel, den Umweltschutz zu einem konfliktfreien Geschehen ohne schmerzliche Abwägungen zu machen, ist ersichtlich irreal. Nicht umsonst gibt es gerade keine ethisch-rechtliche Formel "Schade niemandem" – nahezu alles im Leben ist für irgendjemanden auch unvorteilhaft. Selbst wenn alle Autos essbar wären, würden sie immer noch Menschen gelegentlich verletzen oder totfahren. Sie würden Fläche für Transportwege, Parkplätze & Co. verbrauchen und damit den Schutz von Biodiversität und Ökosystemen torpedieren.

Natürlich brauchen wir zum Beispiel den konsequenten Umstieg auf erneuerbare Energien. Doch selbst den bekommen wir nicht allein durch innovative Unternehmer und Konsumenten. Dafür sind Unternehmen und Konsumenten in ihren täglichen Entscheidungen viel zu sehr auf die Normalitäten der Vielverbrauchsgesellschaft eingeschliffen.

Diese Normalitätsvorstellungen ändern sich – wie menschliches Verhalten allgemein – mitnichten allein durch neues Wissen. Auch schlichter kurzfristiger Eigennutz, Pfadabhängigkeiten, Kollektivgutprobleme und menschliche Emotionen wie Gewohnheit, Verdrängung, Bequemlichkeit und fehlende Dringlichkeitsgefühle bei raumzeitlich entfernten Problemlagen wie dem Klimawandel stehen unserer Öko-Performance oft im Weg. Ob eher die Konzerne oder die Kunden oder die Politiker die Bösen sind, ist dabei eine Henne-Ei-Diskussion. Die einen gibt es nicht ohne die anderen. Zudem sind wir alle als Kunden, Arbeitnehmer und vielleicht noch Aktionäre in Gestalt unseres Pensionsfonds mehr oder minder eng mit den Unternehmen verflochten.

Wir brauchen neue Konzepte in allen Bereichen

Wenn wir neue Technik wie erneuerbare Energien und Energieeffizienz schnell in den Markt bringen und wir unser aller Verhalten mitunter auch genügsamer machen wollen, wird neben aller unternehmerischer Kreativität und allem Wandel von unten auch Politik nötig sein. Und zwar geografisch und sachlich breit ansetzend, sonst verlagern wir die Probleme lediglich in andere Länder oder in andere Sektoren. Das würden beispielsweise bedeuten, dass wir die fossilen Brennstoffe konsequent aus dem Markt nehmen und nicht nur durch neue Technik ersetzen, sondern manchmal auch etwas verzichten müssten.

Wahrscheinlich bedeutet eine solche ökologisch motivierte Genügsamkeit durch die Hintertür einen Ausstieg aus der Wachstumsgesellschaft. Wie aber können Unternehmen ohne Wachstum klarkommen, wenn eine ökologisch nötige Genügsamkeit ihnen mittelfristig Absatzmärkte nähme? Es gibt Unternehmen, die das bereits ausprobieren. Wir brauchen auch gute Ideen dafür, wie ein Arbeitsmarkt in einer solchen Welt ohne Wachstum als Treiber funktionieren könnte. Arbeitszeitverkürzung, Grundeinkommen, aber auch Wege der Tagesgestaltung jenseits der Lohnarbeit müssen viel konkreter als bislang debattiert, ausprobiert und angegangen werden. Solche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konzepte weiter zu vertiefen, ist mindestens ebenso wichtig wie die neuesten technischen Innovationen.