ZEIT ONLINE: Frau Bergmann, Sie und Ihre Kollegen vom Alfred-Wegener-Institut sammeln im neuen Onlineportal Litterbase Daten über Plastikmüll im Meer. Was wollen Sie mit der Plattform erreichen?

Melanie Bergmann: Wir wissen schon länger, dass die Ozeane voller Plastik sind – und die Forschung darüber entwickelt sich sehr schnell. Jeden Monat erscheinen zehn oder fünfzehn neue Veröffentlichungen. Damit Schritt zu halten, ist gar nicht so leicht, und wir hatten den Eindruck, dass die Öffentlichkeit zuweilen falsch informiert ist. Das wollen wir ändern. 

ZEIT ONLINE: Fassen Sie den aktuellen Stand der Forschung für uns kurz zusammen. Was ist die wichtigste Botschaft?

Bergmann: Der Plastikmüll ist überall. Es gibt kein Meer oder Ozean, die nicht betroffen wären. Selbst in der Tiefsee, der Arktis, der Antarktis und auf den entlegensten Inseln finden wir Müll und Plastik, und das in hohen Mengen. 

ZEIT ONLINE: Was sind die Folgen?

Bergmann: Etwa die Hälfte des Plastiks in unserem Müll ist sehr leicht und deshalb transportiert die Meeresströmung es über weite Strecken. Tiere verheddern sich in Plastikschnüren oder verlorenen Fischernetzen und sterben. Muscheln und viele andere Tiere nehmen Mikroplastik auf, das sich in Organen anreichern kann und so auch letztlich in die menschliche Nahrungskette gelangt.

Manche Arten, Entenmuscheln und Moostierchen zum Beispiel, besiedeln das Plastik. Mit der Strömung gelangen sie unter Umständen in Regionen, in denen sie natürlicherweise nicht vorkommen; und in Zeiten des Klimawandels kann es passieren, dass diese Arten sich dann dort niederlassen und ausbreiten. Sie könnten heimische Tiere und Pflanzen verdrängen. Auch mitreisende Krankheitserreger können sich auf diese Weise ausbreiten.

ZEIT ONLINE: Das Phänomen gibt es doch aber schon länger...

Bergmann: Ja, natürlich, Arten wandern auch mit Schiffen oder Treibholz. Aber durch die enorm vielen Plastikteilchen im Wasser hat sich das Verbreitungspotenzial deutlich erhöht.

Ozeane - Rettet die Meere! Ohne Meer kein Mensch. Wie wir die Zukunft der wichtigsten Ressource des Planeten gefährden

ZEIT ONLINE: Wie muss man sich die großen Müllstrudel vorstellen, von denen überall die Rede ist?

Bergmann: Die Müllstrudel werden oft dargestellt wie große Inseln aus Plastikteilen, die dicht an dicht im Meer schwimmen. Aber das ist irreführend. Die Forscher, die in diesen Gebieten arbeiten, sprechen von einer Plastiksuppe, und oft sind die Teilchen darin mit bloßem Auge gar nicht sichtbar. Man muss ein feines Netz durch die Suppe ziehen, um sie zu finden. Zum Zentrum solcher Wirbel hin werden die Konzentrationen dann immer größer.

ZEIT ONLINE: Die Müllstrudel, auch garbage patches genannt, sollen so groß sein wie ganze Staaten, zum Beispiel Deutschland, und die Strömung in ihnen zieht immer mehr Plastik an. Ist das Meer dadurch anderswo sauberer?

Bergmann: So ein Strudel hat keine klar definierten Grenzen und er verändert sich ständig mit den Wasserströmungen. Solche Größenvergleiche sind also irreführend. Dennoch sind die patches von der Wissenschaft inzwischen halbwegs gut erfasst.

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Tüten mit Tücken

Tüten mit Tücken

Plastiktüten vermüllen Europa. Stoffbeutel oder Papiertaschen gelten als Alternativen. Doch wie ökologisch sind sie wirklich?

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Auslaufmodell kostenlose Tüte

Seit dem 1. Juli 2016 gibt es Plastiktüten kaum noch umsonst, um die Umwelt zu schonen. Mehr als 240 Unternehmen in Deutschland haben sich verpflichtet, Tüten nur gegen Gebühr abzugeben.

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Was ist das Problem?

Was ist das Problem?

Plastiktüten werden aus Polyethylen hergestellt, der Rohstoff dafür ist Erdöl. Sie halten mehrere Hundert Jahre lang. Das hat Folgen.

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Der Strand als Deponie

Der Strand als Deponie

Da sich Kunststoffe erst nach 500 Jahren zersetzen, wachsen überall Müllberge. Die Abbaustoffe belasten Böden und Gewässer.

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Sie müssen drei bis vier Mal wiederverwendet werden, um ökologisch besser zu sein als Plastiktüten. Sie sind also nicht per se besser. Ihre Zellstofffasern werden chemisch behandelt. Die Tüten müssen dick sein, um nicht zu reißen, wozu man viel Holz braucht. Weil Papier schwerer ist als Plastik, werden beim Transport mehr Emissionen freigesetzt.

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Besser als Naturfasern: Schon nach dreimaligem Wiederverwenden haben Kunststofftaschen eine bessere Umweltbilanz als Einwegtüten aus Neugranulat. Meist bestehen sie aus recyceltem Material von PET-Flaschen.

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Aber der größte Teil des Plastiks scheint sich in ganz anderen Gegenden zu befinden: an den Stränden beispielsweise oder auf dem Meeresboden. Die Tiefsee ist ein Endlager. Definitiv. Die Mengen dort liegen oft hundert- oder tausendfach höher als die Mengen an lokalisierbarem schwimmendem Plastik. Das Problem ist, dass die Tiefsee für die meisten Forscher unzugänglich ist, deshalb wissen wir kaum etwas darüber, was dort vor sich geht. Und 60 Prozent der Erdoberfläche sind Tiefsee.

ZEIT ONLINE: Das heißt, man weiß überhaupt nicht, wie viel Plastik sich draußen in den Ozeanen befindet?

Irgendwann nimmt der Mensch das Plastik zu sich

Bergmann: Exakt. 

ZEIT ONLINE: Sie forschen in der Arktis. Was haben Sie dort gefunden?

Bergmann: Wir haben zum Beispiel Sedimentproben aus der arktischen Tiefsee genommen. Zunächst haben wir befürchtet, nicht genügend Material zur Verfügung zu haben, um überhaupt etwas zu finden. Aber die Sorge hätten wir uns gar nicht machen müssen. In Spektrometer fanden wir mehrere Tausend Partikel pro Kilo. Etwa 80 Prozent der Teilchen waren so klein, dass man sie unter dem Lichtmikroskop gar nicht erkennen konnte. Das ist hochproblematisch.

ZEIT ONLINE: Warum?

Bergmann: Je kleiner die Plastikteilchen sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie Zellmembrane passieren können und in Organe gelangen. Das Mikroplastik kann außerdem auch von den kleinsten Tierchen verschluckt werden– und die sind besonders nahe an der Basis der Nahrungskette. Das bedeutet, dass dieses Plastik sich in den Organismen entlang der Nahrungskette immer stärker anreichert – bis wir es irgendwann zu uns nehmen, zum Beispiel wenn wir Muscheln oder Nordseegarnelen essen.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Fischen?

Bergmann: Der Magen-Darm-Trakt von Fischen wird ja beim Ausnehmen meist entfernt. Wenn Fische aber Mikroplastik im Muskelfleisch trügen, nähmen wir es wohl auch mit auf. Ob dem so ist, weiß man aber bislang nicht.

ZEIT ONLINE: Und was sind die Folgen des Plastiks für die menschliche Gesundheit?

Bergmann: Das ist noch kaum erforscht. Vorstellbar wäre, dass Mikroplastik oder Nanoplastik Allergien auslöst, Entzündungen – das wurde bei Muscheln schon nachgewiesen. In Kunststoffen enthaltene oder anhaftende Schadstoffe könnten in unserem Körper auch ihre Wirkung entfalten. Und was wir essen, ist nur das eine. Mikroplastik ist auch in der Luft, das heißt wir atmen es vielleicht auch ein.

ZEIT ONLINE: Aus welchen Ländern stammt das ganze Plastik im Meer?

Bergmann: Es gibt eine maßgebliche Studie der University of Georgia. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben geschätzt, wie viel Plastik an den Küsten weltweit ins Meer gelangt. Als Basis nahmen sie die Bevölkerungsdichte, den Anteil des Plastiks im Müll und den Anteil des Mülls, der nicht vom Entsorgungssystem erfasst wird.

Ihr Ergebnis: Der meiste Müll stammt aus asiatischen Ländern, zum Beispiel aus China, Indonesien und den Philippinen. Dort sind die Küsten besonders dicht besiedelt, und der Anteil des Mülls, der weder recycelt noch von irgendeinem Entsorgungssystem erfasst wird, ist hoch.

Eine neuere Studie untersucht den Eintrag von Plastik ins Meer durch Flüsse, und sie kommt zu einem ähnlichen Resultat. Hinzu kommt Plastik, das Schiffe auf hoher See verlieren und dass in all diesen Studien nicht erfasst wird. Ich denke aber, dass man die Hauptverantwortung nicht auf die asiatischen Schwellenländer abwälzen kann.

ZEIT ONLINE: In den Industrieländern funktioniert die Müllentsorgung in der Regel aber besser.

"Wichtig, Deutschland nicht aus der Verantwortung zu entlassen"

Bergmann: Das mag sein. Aber das Plastik, das wir in der Arktis gefunden haben, kommt sicher nicht aus Asien. Und der viele Müll im Mittelmeer auch nicht.

Mir ist es wichtig, Deutschland nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Es wird immer so getan, als würden wir hier allen Müll verbrennen, recyceln oder sicher auf der Deponie halten. Wenn Sie aber durch die Straßen und Parks einer beliebigen deutschen Stadt gehen, dann sehen sie, wie viel Plastik auch hier einfach so weggeworfen wird. Zigarettenkippen allen Ortes. Der Wind weht es in Flüsse, die tragen es ins Meer. Kein Wunder, seit der Einführung des dualen Systems hat die Verpackungsflut zugenommen. Es gibt immer mehr Plastikverpackungen.

Hinzu kommen die ganzen Verpackungen, die wir ins Ausland verkaufen und die dann dort weggeworfen werden. Als führende Exportnation tragen wir auch dafür eine Verantwortung.

ZEIT ONLINE: Welche Länder machen es besser als wir?

Bergmann: Als erstes Land hat Bangladesch im Jahr 2002 Polyäthylentaschen verboten. Es folgten Myanmar, China und einige afrikanische Länder wie Eritrea, Mali, Mauretanien, Südafrika, Tansania und Kenia. In Mauretanien, Mali, Somalia und Ruanda ist es sogar eine Straftat, Plastiktüten herzustellen. Ruanda durchsucht sogar das Gepäck von Besuchern, wenn die am Flughafen ankommen.

ZEIT ONLINE: Mikroplastik, Plastiksuppen – bekommt man das überhaupt wieder aus dem Wasser heraus?

Bergmann: Meiner Meinung nach nicht. Am ehesten kann man es noch in Strandnähe oder an Flüssen aus dem Wasser fischen oder die Strände per Hand säubern. Aber ich halte wenig davon, Müll mit großen Anlagen aus dem Meer zu fischen. Erstens werden diese den Stürmen  nicht standhalten. Zweitens werden sie neben dem Müll auch wertvolle Biomasse entfernen und so mit der Zeit das Ökosystem und die Biodiversität beeinflussen. Drittens sammeln solche Anlagen nur an der Oberfläche und nicht am Meeresgrund, wo sich aber der meiste Müll befindet. Das gößte Problem daran ist aber: Diese Bemühungen schüren falsche Hoffnungen. Sie lenken davon ab, dass wir unseren Konsum und unser Verhalten ändern müssen, und zwar schnell.

ZEIT ONLINE: Was müsste passieren, damit nicht mehr so viel neues Plastik in die Meere gelangt?

Bergmann: Ein wenig passiert ja schon: Manche Länder verbieten Plastiktüten oder Mikroplastik in Kosmetika. Aber das ist nur ein sehr kleiner Teil des Plastikmülls. Und es geht viel zu langsam. 

Ich denke, es geht darum, eine andere Einstellung zum Plastik zu finden. Wir dürften es nicht mehr als billiges Einwegprodukt betrachten, sondern als wertvolle Ressource. Plastik sollte nur dort eingesetzt werden, wo man keine anderen Materialien benutzen kann. Müssen Tomaten wirklich eingeschweißt werden und auch das kleinste Elektronikteil in einer unsinnig großen Plastik-Umverpackung stecken? 

Wir bräuchten wirklich abbaubare Kunststoffe, die von alleine in kurzer Zeit unter normalen Umweltbedingungen, auch im Meer, verrotten und nicht nur in industriellen Kompostieranlagen. Das ist die Aufgabe der Ingenieure. Und die Politik müsste Anreize setzen, damit Verbraucher und Unternehmen Verpackungen sparsamer einsetzen und die Umwelt weniger vermüllen. Vielleicht muss es auch strengere Strafen geben. In London sieht man beispielsweise kaum Hundekot in den Straßen, denn die Strafen sind sehr hoch.

ZEIT ONLINE: Abbaubare Kunststoffe würden aus Pflanzen hergestellt, deren Anbau Land verbraucht. Ist es realistisch, in großem Maßstab darauf zu setzen?

Bergmann: Ganz klar: Letztlich muss es darum gehen, insgesamt weniger zu konsumieren, mehr wieder zu verwerten – und vor allem: weniger zu verpacken.