Die Kulisse für seine Inszenierung hätte Michael O'Leary kaum besser wählen können. Aus dem 37. Stockwerk des Park-Inn-Hotels am Alexanderplatz hat man einen fantastischen Blick über Berlin – fast wie aus einem Flugzeug. Ein guter Hintergrund also für die berühmte Kranichpose, die der Ryanair-Chef gleich zu Beginn vor den Fotografen und Kameraleuten aufführt. Dann tritt der Chef des Billigfliegers an die Mikrofone, um seine Sicht auf die laufenden Verhandlungen zum Verkauf des Konkurrenten Air Berlin zu referieren.

Von "Lügen" ist die Rede, von einem "abgekarteten Spiel", das die Lufthansa zusammen mit der Bundesregierung hier treibe, sagt O'Leary immer wieder. Das Insolvenzverfahren für Air Berlin sei nicht offen und nicht transparent, andere interessierte Unternehmen hätten keine Chance, weil ohnehin alles schon für einen Verkauf großer Teile der insolventen Fluglinie an Lufthansa vorbereitet werde. Deshalb wolle er auch nicht seine Zeit damit verschwenden, ein Angebot für Air Berlin abzugeben.

Ryanair-Chef Michael O'Leary posiert bei einer Pressekonferenz in Berlin. © Hannibal Hanschke/Reuters

Wie aber lassen sich die Vorwürfe einordnen, die O'Leary nun schon mehrfach wiederholt hat? Er kritisiert vor allem den Kredit über 150 Millionen Euro der KfW-Bank für Air Berlin als illegale Staatshilfe. Der Sinn einer Insolvenz sei es doch gerade, ein zahlungsunfähiges Unternehmen zunächst vor dem Zugriff seiner Gläubiger zu schützen. Gestrandete Passagiere von Air Berlin im Ausland hätten so zurückgeflogen werden können. Und in der Tat kritisieren auch andere in der Branche vor allem diesen Kredit der Regierung.

"Insolvenzrechtlich ein Novum"

Die Fluggesellschaft Germania etwa zieht gegen die Bürgschaft der Bundesregierung vor Gericht, teilte die Berliner Justiz am Dienstag mit. Mit einem Eilverfahren will Germania erreichen, dass der Kredit noch verboten wird. Auch hier heißt es zur Begründung: Die Lufthansa werde einseitig bevorzugt. Germania halte das für "nicht nachvollziehbar". Der Antrag der Airline richtet sich gegen das Verkehrs-, das Wirtschafts- und das Finanzministerium. Für den Fall, dass bereits Bürgschaften gestellt wurden, beantragte Germania, diese rückabzuwickeln und bis zur Genehmigung durch die EU-Kommission abzuwarten.

Auch der erfahrene Insolvenzanwalt Franz Abel gab in einem SR-Interview kürzlich zu bedenken, dass ein solcher Regierungskredit "insolvenzrechtlich ein Novum" darstelle. Staatliche Unterstützung habe es weder im Fall Opel noch bei Schlecker gegeben. "Warum soll es jetzt bei der Airline anders sein?", sagte Abel. "Rein insolvenzrechtlich halte ich es für problematisch, wenn der Staat zur Befriedigung von Insolvenzgläubigern einspringt und die volles Geld bekommen." Üblich sei nur eine teilweise Auszahlung der Verbindlichkeiten. Für die Passagiere von Air Berlin sei es zwar komfortabel, dass sie wieder pünktlich aus dem Urlaub zurückkehren können an ihren Arbeitsplatz, die deutsche Wirtschaft würde aber auch anderenfalls nicht zusammenbrechen. Es ergebe sich keine Systemrelevanz aus der Pleite.

O'Learys Vorwurf, das Insolvenzverfahren sei nicht offen für andere Bieter, lässt sich kaum aufrechterhalten – zumindest formal. Offiziell nämlich haben Interessenten nun doch die Möglichkeit, in die Bücher von Air Berlin zu schauen und dementsprechend ein Angebot für das Unternehmen abzugeben. Die Kritiker monieren allerdings, dass es schon vor Bekanntgabe der Insolvenz Gespräche zwischen der Regierung, Lufthansa und Air Berlin gegeben haben muss.

Warten auf das Kaufangebot von Wöhrl

Noch am Tag der Insolvenz etwa beeilte sich Verkehrsminister Alexander Dobrindt, mitzuteilen, dass die Verhandlungen mit der Lufthansa schon weit fortgeschritten seien. Dennoch hatte an diesem Mittwoch der Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl einen Termin bei Air Berlins Sachwalter Lucas Flöther. Wöhrl sagt, er möchte die Fluggesellschaft vollständig übernehmen. Allerdings ist noch kein konkretes Kaufangebot seinerseits eingegangen. Die Bieterfrist endet am 15. September.

Alles läuft also darauf hinaus: Die Lufthansa bekommt den größten Teil der insolventen Air Berlin – wie von Ryanair befürchtet. Aus Branchenkreisen ist zu hören, dass Lufthansa bis zu 90 der 140 Maschinen samt Crews einschließlich des Ferienfliegers Niki übernehmen will. Der britische Billigflieger easyJet soll für bis zu 40 Flugzeuge bieten. Die Thomas-Cook-Tochter Condor ist an einer zweistelligen Zahl Maschinen interessiert.

Einem solchen Deal könnten die Kartellbehörden zustimmen, selbst wenn die Lufthansa damit ihre Marktmacht in Deutschland stark ausbauen würde. Wie die Gerichte aber den staatlichen Kredit für Air Berlin bewerten werden, ist vollkommen offen.