Elizabeth Ducottet zählt die Tage. Nicht die bis zum Eintritt in die Rente, obwohl sie schon 71 Jahre alt ist. Ducottet hat sich viel für die kommenden Monate vorgenommen: Als Chefin von Thuasne, einem französischen Marktführer für orthopädische Hilfsmittel und Kompressionsstrümpfe mit zuletzt 220 Millionen Euro Jahresumsatz und 2.000 Mitarbeitern in Europa, Asien und den USA, will sie mit ihren 800 französischen Beschäftigten neu verhandeln.

Sie will über Produktionsabläufe reden, flexible Arbeitszeiten und das Lohnniveau – und zwar auf Betriebsebene. Das war bisher in Frankreich nicht möglich, denn für jede Firma galten die gesetzlich geregelte 35-Stunden-Woche und Branchenverträge. Doch das neue Arbeitsrecht, das bis Ende September in Kraft treten soll, eröffnet Ducottet neue Spielräume.

Noch sind die Details der Reform unklar. Seinen Kritikern verspricht Staatschef Emmanuel Macron, dass die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Unternehmen steigen werde und damit endlich auch die dringend benötigten neuen Arbeitsplätze entstünden.

Was Macron nicht sagt, dafür aber Ducottet umso unverblümter: Bis die Reform wirken kann, werden mehrere Jahre vergehen. "Natürlich wird es keine unmittelbaren Auswirkungen geben. Es braucht mehrere Jahre, um Frankreichs Wirtschaft wieder zu beleben."

"In Frankreich sind die Abgaben so hoch"

Da verwundert es nicht, dass die Franzosen Macrons Pläne höchst misstrauisch beäugen. 52 Prozent lehnen die Reform derzeit ab; 54 Prozent erwarten eine weitere Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Beschneidungen der Arbeitnehmerrechte aus früheren Reformen brachten freilich nicht die erhoffte Senkung der Erwerbslosigkeit: Die verharrt seit Jahren bei rund zehn Prozent, das ist fast doppelt so hoch wie in Deutschland.

"Nichts beweist, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Arbeitsrecht und der Arbeitslosigkeit gibt", sagt deshalb Philippe Martinez, Chef der ehemals kommunistischen Gewerkschaft CGT, und ruft für den 12. September zu Streiks und Demonstrationen auf. Elf Tage später will der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon die Straßen von Paris mit Protestmärschen "fluten".

Elizabeth Ducottet © Martin Colombet

Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen warteten jedoch ungeduldig auf mehr Freiraum, sagt Ducottet. Die Interessengemeinschaft für Mittelstandsunternehmen (Meti), deren Co-Präsidentin sie ist, steht für jeweils rund ein Viertel des französischen Bruttoinlandsprodukts und der Beschäftigten. "Wenn wir auf dem Weltmarkt zum Beispiel mit deutschen, italienischen oder niederländischen Unternehmen konkurrieren, dann gewinnt der mit den niedrigsten Herstellungskosten. In Frankreich sind die Abgaben so hoch, dass die Unternehmen in diesem Wettbewerb oft nicht gut aussehen", klagt die Unternehmerin. "Deshalb haben wir heute all diese wirtschaftlichen Probleme."

Tatsächlich legt kaum ein Mitarbeiter im französischen Privatsektor nach 35 Wochenarbeitsstunden Hammer, Stift oder Laptop zur Seite. 37 oder auch 39 Stunden sind häufig die Regel, doch die Mehrarbeit kommt die Arbeitgeber teuer zu stehen. Liegt keine Sondervereinbarung vor, kosten die ersten acht Überstunden 25 Prozent mehr. Für alle weiteren gilt sogar ein Aufschlag von 50 Prozent – entweder finanziell oder als Freizeitausgleich.