Die Mittelschicht schrumpft – kaum ein Satz polarisiert Deutschland so sehr wie dieser. Aber stimmt er auch? Kritiker monieren, dass es entscheidend davon abhängt, wie man die Mittelschicht definiert, welche gesellschaftlichen Gruppen einbezogen werden. Und: Spätestens seit 2005 habe sich der Trend nicht fortgesetzt, die Ungleichheit der Einkommen nicht weiter zugenommen.

Richtig ist, dass sich die wirtschaftliche Lage seit 2005 in Deutschland deutlich verbessert hat. Die Beschäftigung ist kräftig gewachsen, die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken. Neue Studien belegen aber: Die Mittelschicht schrumpft trotzdem weiter, unabhängig davon, wie man sie definiert.

Unsere aktuelle DIW-Studie kommt zum Ergebnis, dass die Mittelschicht – also Menschen, die in Haushalten mit verfügbaren Einkommen (nach Steuern und Transferleistungen des Staates) um das mittlere Einkommen der gesamten Gesellschaft, den Median, leben – nicht nur seit 1995, sondern auch seit 2005 geschrumpft ist. Nimmt man die relativ enge Definition von 77 bis 130 Prozent des Medianeinkommens, dann hat sich die Mittelschicht von 48 Prozent in der Periode 1995-99 auf 41 Prozent 2014-15 verkleinert. Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt man aber auch, wenn man eine breitere Definition zugrunde legt.

Diese Entwicklung hat zu einer Polarisierung der Einkommen geführt. Vor allem die Quote der Menschen, die in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens leben, also von Armut gefährdet sind, ist von 11 auf über 15 Prozent gestiegen. Wie eine Studie des IZA Instituts zeigt, sind davon alle gesellschaftlichen Gruppen betroffen. Die Entwicklung ist damit nicht durch einen zunehmenden Anteil älterer und inaktiver Menschen zu erklären, wie einige Ökonomen behaupten. Ganz im Gegenteil: Der Abbau der Arbeitslosigkeit und die höhere Erwerbstätigkeit von Frauen und älteren Menschen haben dazu beigetragen, dass heute mehr Menschen in Beschäftigung sind als noch vor 20 Jahren.

Es gibt jedoch auch einige positive Entwicklungen. So sind vor allem seit 2005 nicht nur sehr viele Menschen in Arbeit gekommen. Erfreulich ist auch, dass der Anteil an Menschen mit geringen Einkommen seit 2005 nicht mehr so stark gestiegen ist wie nach 1995. Zudem ist es einigen Menschen gelungen, aus der Mittelschicht aufzusteigen und höhere Einkommen für sich und ihre Familien zu erzielen.

Hinzu kommt, dass auch das mittlere Einkommen seit 2005 real leicht gestiegen ist. Bei der Betrachtung der Mittelschicht geht es daher nicht um die Frage, wie viele Menschen heute ein geringeres verfügbares Einkommen haben als noch vor zehn oder 20 Jahren. Interessant ist lediglich die Frage der Verteilung.

Der Trend setzt sich weiter fort

Eine detaillierte Analyse zeigt, dass der relative hohe Anteil an atypischer Beschäftigung (Leiharbeit, Minijobs, befristete Verträge) eine Ursache für die schrumpfende Mittelschicht ist. Vor allem für Menschen mit mittleren Einkommen ist die Zahl der regulären Beschäftigungsverhältnisse zurückgegangen. Gleichzeitig haben atypische Anstellungen zugenommen.

In den unteren Einkommensgruppen ist die Anzahl der Menschen in regulärer Beschäftigung zwar weiterhin gering, jedoch seit 2005 recht stabil geblieben. Dass die unteren Einkommensgruppen größer werden, ist vor allem durch eine höhere Zahl von Menschen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen zu erklären. Am oberen Ende der Einkommensverteilung sind dagegen reguläre Beschäftigungsverhältnisse zum Teil signifikant gestiegen, so dass für die gesamte Bevölkerung seit 2005 reguläre Anstellungen in der Tat leicht zugenommen haben.

Kurzum, der starke Anstieg der Beschäftigung und die sinkende Arbeitslosigkeit haben seit 2005 zwar mehr Jobs mit regulären Beschäftigungsverhältnissen geschaffen, die Anzahl an atypischen Anstellungen ist jedoch noch stärker gestiegen. Dabei ist es zu einer Verlagerung gekommen: Heute arbeiten vor allem Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit geringen Einkommen deutlich häufiger in atypischer Beschäftigung als noch 1995 und auch im Vergleich zu Menschen mit hohen Einkommen.

Ein wichtiges Ziel der Arbeitsmarktreformen der 2000er Jahre war es, Menschen über den Einstieg aus der Arbeitslosigkeit in atypische Beschäftigung eine erste Chance zu geben, um später in reguläre Beschäftigung zu kommen. Für viele Menschen gestaltet sich dieser Übergang jedoch wesentlich schwieriger als gedacht. So befindet sich über die Hälfte der Menschen, die vor drei Jahren noch atypisch beschäftigt waren, auch heute noch in einem solchen Beschäftigungsverhältnis. Lediglich jeder Vierte atypisch Beschäftigte schafft innerhalb von drei Jahren den Sprung in ein reguläres Arbeitsverhältnis.

Zudem gelingt es heute auch mehr Menschen als noch vor zehn oder 20 Jahren, in regulärer Beschäftigung zu bleiben. Die Sorge, die Arbeitsmarktreformen der 2000er Jahre würden Menschen aus regulärer Beschäftigung in atypische Beschäftigung drängen, lässt sich zumindest gesamtwirtschaftlich nicht belegen.

Fazit: Die Mittelschicht schrumpft – egal, wie eng oder breit man diese Gruppe nach ihren Einkommen definiert. Die Entwicklung hängt mit der Zunahme von atypischen Beschäftigungsverhältnissen für Menschen mit geringen Einkommen zusammen. Auch wenn seit 2005 die Polarisierung der Einkommen in Deutschland an Geschwindigkeit verloren hat, der Trend hat sich trotzdem weiter fortgesetzt.