Emmanuel Macron musste in seinem ersten großen Presseinterview nach der Wahl erst einmal etwas klarstellen: "Ich habe natürlich nie gesagt, dass ich mich für Jupiter halte." Das war ihm wichtig. Tatsächlich waren die französischen Medien den Sommer über fast verzweifelt, weil ihr allzu medienwirksamer, 39 Jahre junger Präsident ihnen zwar viele Bilder und Tweets, aber nicht eine handfeste politische Aussage oder konkrete Maßnahme für die öffentliche Debatte lieferte. Das brachte Macron schnell den Ruf ein, einen abgehobenen, wenn nicht gar monarchistischen oder eben jupiterhaften Regierungsstil zu pflegen.

Nach dem Sommer geht es für Macron ums Ganze. Seine Regierung veröffentlichte am Donnerstag 36 detaillierte Maßnahmen, mit denen sie den französischen Arbeitsmarkt umkrempeln will. Es ist die erste große Macron-Reform. Sie soll Schluss machen mit einer ganzen Reihe historischer Errungenschaften der französischen Arbeiterbewegung, um das Land in den Mainstream der seit der Finanzkrise 2007 zurechtgestutzten westeuropäischen Sozialstaaten einzureihen.

Das bedeutet vor allem keine unbegrenzten Abfindungen für entlassene Arbeitnehmer mehr, die eine von den Gewerkschaften hart erkämpfte Besonderheit des französischen Arbeitsrechts waren. Stattdessen werden die Abfindungen nun, wie in den meisten europäischen Ländern, gedeckelt: Nur noch maximal 20 Monatsgehälter erhält ein Angestellter nach 30 Jahren. Wer zwei Jahre im Betrieb ist, kann noch mit einer Abfindung in Höhe von maximal drei Monatsgehältern rechnen. Mehr nicht.

Beveridge statt Bismarck

Damit gehören die vielen berühmten Prozessgeschichten vor den französischen Arbeitsgerichten, bei denen Angestellte Abfindungen in Höhe sechsstelliger Summen ergatterten, endgültig der Vergangenheit an. Ein Albtraum der Patrons wird ausgelöscht. Aber schafft Macron damit neue Albträume für Frankreichs Arbeitnehmer?

Er will genau das nicht. Er will, dass seine Reformen allen nützen: "In dieser Welt tiefer Veränderungen hat Frankreich nur ein Ziel: stärker sein und die Ungleichheit reduzieren", sagte Macron Le Point. Mit der Betonung, dass seine Reformen am Ende dem Kampf gegen die Ungleichheit dienen, versucht der Präsident seine linke Flanke zu schützen. Er will den Franzosen ein neues Sozialstaatsmodell einreden: Beveridge statt Bismarck heißt das bei ihm.

Sämtliche Sozialkosten sollen in Zukunft durch Steuern und nicht mehr Beiträge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanziert werden. So will er die hohen Arbeitskosten in Frankreich reduzieren. Neues Geld, 15 Milliarden Euro, soll dagegen in die Berufsfortbildung von Arbeitslosen investiert werden – für mehr Chancengleichheit.

Bis in jedes französische Kleinunternehmen reicht die Macron-Agenda: Dort streicht der Präsident den Gewerkschaften das Vertretungsmonopol, weil ohnehin nur vier Prozent der Arbeitnehmer in den Kleinbetrieben gewerkschaftlich organisiert sind. Aber reden deshalb Chef und Angestellte mehr miteinander? Genau dazu ruft Macron auf und will einen Kulturwandel bewirken. "Weder rechts noch links" war sein Wahlkampfslogan. Jetzt bedeutet das: den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit in den Köpfen zu überwinden.

Für Frankreich ist das immer noch ein großes Programm. Das Kungeln mit den Chefs hat hierzulande weniger Tradition als anderswo. Vielerorts gilt es als verwerflich. Wenn es für Macron schlecht läuft, könnten ihm deshalb noch jede Menge Proteste bevorstehen.