In Venezuela baut Präsident Nicolás Maduro das Land zur Diktatur um. Russland hat die Krim von der Ukraine annektiert. Und die beiden größten Staaten im Nahen Osten, Saudi-Arabien und der Iran, stehen sich unversöhnlich wie selten gegenüber – militärische Eskalation nicht ausgeschlossen.

So unterschiedlich und vielschichtig diese Konflikte auch sind, es gibt doch eine gemeinsame Verbindung. Denn worüber sich deutsche Verbraucher in den vergangenen Jahren freuen konnten, wird in vielen Regionen der Erde zunehmend zum sicherheitspolitischen Problem: der niedrige Ölpreis. Janis Kluge, Experte für Osteuropa bei der Stiftung für Wirtschaft und Politik (SWP) in Berlin, sagt: "Ein niedriger Ölpreis verschärft häufig Verwerfungen und Probleme, die bereits existieren. Er fungiert als Katalysator für politische Instabilität."

Venezuela, Russland und Saudi-Arabien besitzen zusammen rund 40 Prozent der weltweiten Ölreserven, ihre Produktion machte im vergangenen Jahr mehr als ein Viertel der weltweiten Fördermenge aus. Der Wohlstand dieser Staaten ist eng an ihren Ressourcenreichtum geknüpft – und damit an den Ölpreis: Schon geringe Schwankungen können riesige Löcher in den Haushalt reißen.

Ende 2014 war der Ölpreis um rund die Hälfte eingebrochen, ausgelöst durch ein riskantes Manöver Saudi-Arabiens, und verharrt seitdem auf diesem Niveau: Ein Barrel des Nordseeöls Brent, häufig als Richtwert genutzt, kostet derzeit nur rund 53 Dollar. In den Jahren vor 2014 sank der Preis kaum unter 100 Dollar. Die wegfallenden Einnahmen setzen die Förderländer unter Druck, wirtschaftlich wie politisch.

Drei Beispiele für die Kehrseite des billigen Öls

Venezuela: Venezuela erzielt ganze 90 Prozent seiner Exporte mit Öl, die sonstigen Wirtschaftszweige sind schwach, ausländische Devisen werden fast ausschließlich durch die Rohstoffverkäufe eingenommen. Der Preisabsturz 2014 traf den Staatshaushalt hart – und mit ihm die Bevölkerung: Präsident Maduro strich die Sozialleistungen zusammen, die fehlenden Devisen verhinderten den dringend notwendigen Import von Medikamenten und Lebensmitteln. Zyniker in Venezuela sprechen von der "Maduro-Diät": Die ärmsten Dreiviertel der Bevölkerung haben im vergangenen Jahr durchschnittlich acht Kilo Gewicht verloren. Das günstige Öl drückt an deutschen Tankstellen die Preise – in Venezuela verwehrt es Millionen Menschen den Zugang zu Fleisch, Reis und Bohnen.

Eine Ursache liegt in der fatalen Ausgabenpolitik der Regierung noch zu Zeiten eines höheren Ölpreises: Statt ein finanzielles Polster aufzubauen, konzentrierte sich Maduros Vorgänger Hugo Chávez, der 2013 starb, vor allem darauf, seine Macht mit Geld zu sichern. In seiner 14-jährigen Amtszeigt stieg der Anteil der Staatsausgaben laut dem Internationalen Währungsfonds von 28 auf 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Gleichzeitig wuchsen die Schulden stark – und damit die Abhängigkeit vom Ausland. "Venezuela hat einen großen Teil seiner Öleinnahmen bereits verpfändet, um Auslandskredite an Russland oder China zu bedienen", sagt Steffen Bukold, Leiter des Hamburger Forschungsbüros EnergyComment. "Das verschärft die Situation zusätzlich."

Diese Entwicklung passt in ein Muster. "Viele Studien deuten darauf hin, dass ölreiche Staaten auch höhere Sozialausgaben haben", sagt Ökonom Kluge. "Manche Regime versuchen dadurch, ihre Position vor dem Volk stärker zu legitimieren." Ein Plan, der nur so lange aufgeht, wie die Öleinnahmen hoch sind. Bekommt die wirtschaftliche Basis jedoch Risse, schwächt das die Position der Regierung, wie in Venezuela zu sehen: Innenpolitische Konflikte brechen auf, Demonstranten ziehen auf die Straßen, das Land schlittert in Richtung Bürgerkrieg.