Noch weht neben dem Union-Jack die Europaflagge vor der Londoner City Hall, dem Sitz des Londoner Bürgermeisters. Die Frage ist nur, wie lange Sadiq Khan die Flagge noch verteidigen kann. Die Brexit-Befürworter tragen ihre Weltsicht mittlerweile bis vor die Tür seines Amtssitzes. Es sei ein Unding, so der Vertreter der rechtsaußen-Partei Ukip im Stadtparlament, David Kurten, dass die EU-Flagge noch vor der Stadtversammlung wehen dürfe. Die Brexit-Verhandlungen hätten doch längst begonnen. Khan zeigt sich unbeeindruckt: "Solange Großbritannien noch Teil der EU ist, wird die Flagge hier weiter wehen."

Kürzlich legte der 47 Jahre alte Labour-Bürgermeister nach. Wenn die Labour-Partei es ernst meine, könne sie den Brexit stoppen, könne im Wahlprogramm in der nächsten Wahl eine zweite Volksabstimmung versprechen. "Ich bin Optimist, wir müssten das nur erklären", sagt er. Khan ist überzeugter remainer, ein typischer Londoner. Seine Eltern zogen nach der Teilung von Indien nach Pakistan, in den sechziger Jahren dann nach London. Khan wuchs im Arbeiterviertel Tooting auf, studierte Jura, wurde Anwalt und dann politisch tätig.

Seit Mai 2016 ist er Bürgermeister von London. Der erste muslimische Bürgermeister, weniger streitsüchtig als der ehemalige, Ken Livingston, der George Bush öffentlich einen Kriegsverbrecher nannte, und weniger zum etablierten politischen Establishment gehörend als Boris Johnson. Jetzt, wo die Regierung von Theresa May geschwächt ist und die Hardliner zurückstecken müssen, wagt sich Khan aus der Deckung. "Es ist doch völlig unlogisch zu glauben, es könnte uns außerhalb der EU besser gehen als in der EU", sagt er. Khan ist überzeugt, Großbritannien sollte im Binnenmarkt bleiben und volle Freizügigkeit akzeptieren. Und gerade wächst seine Hoffnung, dass ein ganz harter Brexit doch noch verhindert werden kann.

Bislang hatte Khan sich nur selten über die Vorzüge der Europäischen Union und des Binnenmarktes geäußert. Er folgte damit der Devise seiner Partei: Das Volk hat entschieden, deshalb tragen wir den Brexit mit. Der britischen Arbeiterklasse wurde von Labour sogar versprochen, dass es ihnen nach einem EU-Austritt besser gehen werde: weniger Konkurrenz durch Arbeitskräfte aus der EU, weniger Zuwanderung und mehr Geld für den Gesundheitssektor.

Von diesen angeblichen Vorteilen hätte London wenig. Ein Ende der Freizügigkeit und ein Austritt aus der Zollunion würde die Stadt dagegen hart treffen: Der gesamte Londoner Finanzsektor, die Gastronomie, der Hotelsektor und all die Fintechs profitieren davon, dass in der Stadt mehr als eine Million EU-Bürger leben und arbeiten. Deshalb stimmen auch knapp 60 Prozent für einen Verbleib in der EU.

Über London läuft ein Großteil des Handels mit der Europäischen Union. Die Stadt besitzt insgesamt sechs internationale Flughäfen, gemessen an den jährlich 160 Millionen Fluggästen der größte Knotenpunkt der Welt. Wer in London wohnt, lebt automatisch grenzüberschreitende Offenheit. Und je offener die Stadt ist, desto mehr Geld verdient sie. Mehr als 36 Prozent der Londoner sind im Ausland geboren. Das sind mehr als drei Millionen Menschen, von Bankenchefs in gläsernen Hochhausbüros bis zu den jungen Menschen, die sich als Boten auf Fahrrädern und Motorrädern durch den halsbrecherischen Verkehr quetschen.