Der Unternehmer Michael Sherwin bemerkte die Veränderungen zum ersten Mal vor gut drei Jahren. Immer häufiger musste er Bewerber, die für seine Firma arbeiten wollten, ablehnen. Die potenziellen Mitarbeiter scheitern nicht an fehlenden Qualifikationen, sondern am vorgeschriebenen Drogentest. Mindestens ein Viertel der Interessenten hatte Opioide im Blut, jene Substanzen, die in vielen Medikamenten helfen, Schmerzen zu lindern. "Ich könnte heute locker drei oder vier Mitarbeiter mehr beschäftigen", sagt der Chef von Columbiana Boiler im Bundesstaat Ohio, einem Hersteller von verzinkten Kesseln und Containern. Doch stattdessen muss er wegen der fehlenden Arbeitskräfte die Produktion zurückfahren und Aufträge ablehnen.

Wie Sherwin geht es inzwischen vielen Arbeitgebern in Bundesstaaten wie Ohio, West Virginia oder Kentucky. Inzwischen hat der Arbeitnehmermangel einen Namen bekommen: Opioidkrise. Zahlreiche Fabriken klagen, mit der Konkurrenz im Ausland nicht mithalten zu können, weil es ihnen an Personal fehlt und nicht so viel produzieren können, wie sie wollten. Zugleich verlieren sie langjährige und mühsam angelernte Mitarbeiter an die Sucht. Selbst die sonst eher zurückhaltende Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, fand vor dem US-Kongress angesichts der Krise im Juli deutliche Worte. Zwar sei unklar, ob die Medikamentenabhängigkeit Ursache oder Folge der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Region ist. Aber die Situation sei nicht nur verheerend für die betroffenen Personen, sondern auch für die Gemeinden, in denen sie lebten.

Mehr als 95 Millionen Amerikaner haben allein im vergangenen Jahr verschreibungspflichtige Schmerzmittel genommen. Geschätzte 2,7 Millionen sind davon abhängig. Allein 2016 starben mehr als 59.000 Amerikaner an einer Überdosis – die Zahl der Todesfälle durch Autounfälle liegt bei 40.000. Seit 1999 hat sich die Zahl der Schmerzmittelopfer vervierfacht. Bei den unter 50-Jährigen sind Opioide – in Form von Schmerzmitteln wie Oxycontin oder Heroin – inzwischen die häufigste Todesursache. Alle drei Wochen, rechnete eine eilig eingerichtete Sonderkommission der Regierung gerade erst vor, würde Amerika einen 11. September erleben, gemessen an den Todesfällen. Vielerorts können Notärzte nicht mehr schnell genug auf die Vielzahl an Anrufen reagieren; in Ohio müssen die Opfer einer Überdosis inzwischen immer wieder in gekühlten Wohnwagen gelagert werden, weil die Leichenhallen überfüllt sind.

Milliardengeschäft mit Schmerzmitteln

Die Krise ist das Ergebnis einer millionenschweren Werbekampagne. Hersteller wie Purdue, Teva und Johnson & Johnson hatten die neu entwickelten Medikamente in den neunziger Jahren als neue Allzweckwaffe gegen chronische Schmerzen beworben und Ärzte im ganzen Land dazu gebracht, sie häufiger zu verschreiben. Die Kampagne zahlte sich aus: Seit 1999 hat sich die Zahl der Verschreibungen vervierfacht, allein die Verkäufe des Marktführers Oxycontin stiegen zwischen 1996 und 2010 von 45 Millionen auf 3,1 Milliarden Dollar. Mögliche Risiken spielten die Hersteller nach Meinung von Kritikern dagegen herunter. So hätten sie eine Krise ausgelöst, die "weitreichende finanzielle, soziale und tödliche Konsequenzen" habe, heißt es in einer jüngsten Klage des Bundesstaates Ohio gegen fünf Anbieter.

Inzwischen werden die Folgen auch für die Volkswirtschaft immer deutlicher spürbar. Neuste Studien schätzen den wirtschaftlichen Schaden jährlich auf rund 80 Milliarden Dollar. Die Medikamentenabhängigkeit ist nach Meinung von Notenbankern und Ökonomen auch mitverantwortlich für die seit Jahren sinkende Erwerbsquote in den USA. Zum Höchststand im Jahr 2000 lag diese noch bei 67,3 Prozent, im September 2015 fiel sie auf ein 40-Jahres-Tief von 62,4 Prozent. Aktuell liegt sie bei 62,9 Prozent.

Die Sucht halte Millionen Amerikaner im besten Erwerbsalter davon ab, sich zu bewerben oder fortzubilden, schreibt Alan B. Krueger, Ökonom an der Universität Princeton, in einer Studie zum Thema. Fast die Hälfte aller Männer im arbeitsfähigen Alter, die nicht zur Erwerbsbevölkerung gehören, nimmt nach eigenen Angaben täglich Schmerzmedikamente, in zwei Dritteln der Fälle handelt es sich um starke, verschreibungspflichtige Mittel, die Opioide enthalten. Rund 40 Prozent geben an, sich wegen chronischer Schmerzen nicht um eine Vollzeitstelle zu bemühen. "Die Drogen halten zehn Prozent der Bevölkerung vom gesellschaftlichen Aufstieg ab", schätzt Krueger. Hinzu kommt: Wer einmal wegen Missbrauchs registriert ist, für den bleiben viele Berufe verschlossen.

Hohe Dunkelziffer

Lange waren vor allem Amerikaner aus der weißen Unterschicht betroffen, die arbeitslos waren, keine Ausbildung hatten und damit wenig Aussicht auf Besserung. Die Spirale aus Unzufriedenheit, zunehmender wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit und Abhängigkeit hatte zuletzt sogar dazu geführt, dass die Lebenserwartung weißer Amerikaner zwischen 45 und 54 Jahren gesunken war – während sie bei allen anderen sozialen Gruppen stieg oder wenigstens stagnierte. "Die Verfügbarkeit von Opioiden hat zusätzliches Öl ins Feuer gegossen", schreiben die Princeton-Ökonomen Anne Case und Angus Deaton in ihrer Untersuchung der "Verzweiflungsspirale".

Inzwischen aber sind auch andere Bevölkerungsschichten betroffen. Selbst in Anwaltskanzleien vermuten Experten heute eine hohe Dunkelziffer an Abhängigen. Verschreibungspflichtige Medikamente sind laut Bericht des US-Anwaltsverbandes das zweithäufigste Suchtmittel hinter Alkohol. "Die Krise ist in den Vororten angekommen", sagt Jeffrey Magada von der Organisation Flying HIGH, die in Ohio gemeinsam mit Unternehmen versucht, Kandidaten auf den Arbeitsplatz vorzubereiten und ihnen beim Entzug hilft. Viele Firmen, mit denen er zusammenarbeite, würden heute Mitarbeiter auf allen Ebenen und in allen Funktionen an die Opioide verlieren. Oft hätten diese jahrelang unter dem Einfluss von Medikamenten gearbeitet, bis es eben nicht mehr gegangen sei.

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An einer umfassenden Strategie im Kampf gegen die Abhängigkeit fehlt es in den USA. Die Behörden versuchen, die Ausgabe der Medikamente stärker zu überwachen und Mediziner besser über die Risiken aufzuklären. Das hat zwar die Verfügbarkeit der Arzneien beschränkt – doch an ihre Stelle traten Heroin und hochwirksame Substanzen wie Fentanyl, die billiger sind und in ihrer Wirkung um ein Vielfaches stärker. "Die Krise ist ein Symbol für größere Probleme in einem Land, in dem wir uns immer noch zu sehr auf schnelle Lösungen konzentrieren", sagt deshalb die Soziologin Shannon Monnat. Um das Problem wirklich in den Griff zu bekommen, müssten die wirtschaftlichen und sozialen Problem dahinter gelöst werden, sagt Monnat. Einschnitte in der Gesundheitsversorgung etwa verschlimmerten die Situation der am stärksten Betroffenen, sagen Kritiker. 

Die Sonderkommission des Präsidenten empfahl vor wenigen Tagen, den nationalen Notstand auszurufen. Der Zugang zu Therapien und Entzug müsse verbessert, der Schwarzmarkt stärker kontrolliert werden. Ein endgültiger Bericht ist für Oktober angekündigt. Michael Sherwin kann auf Lösungen aus Washington nicht mehr lange warten. "Wenn wir die entsprechenden Leute nicht finden können", so der Chef von Columbiana Boiler, "dann werden wir den Prozess eben stärker automatisieren müssen". Roboter nehmen keine Medikamente.