Eine innige Umarmung mit einem Fleischhersteller illustriert nach Ansicht des US-Präsident am eindrücklichsten dessen Verhältnis zu amerikanischen Wirtschaftsbossen. Der Chef des Fleischherstellers Omaha Beef aus Nebraska habe ihm kürzlich eine innige und lange Umarmung gegeben, erzählte Donald Trump bei einem Treffen mit Unternehmern in Washington. "Er wollte mich regelrecht küssen."

Grund für die Freude des Konzernchefs sei ein Übereinkommen mit der chinesischen Regierung zum Export von Rindfleisch gewesen. Andere Regierungen vor ihm, habe der Mann aus Nebraska ihm versichert, hätten nicht annähernd so viel für ihn erreicht.

Der US-Präsident gefällt sich in der Rolle des Unternehmerlieblings. Schon im Wahlkampf hatte Trump den Chefs von Familienbetrieben und multinationalen Konzernen versprochen, für sie lästige Regulierungen abzuschaffen, Handelsbeschränkungen mit Ländern wie China und Mexiko zu verschärfen und das Kabinett nach Art eines Managers – nicht der eines "trägen" Politikers – zu leiten. Die Berater und Minister in seinem Umfeld rekrutierte Trump nicht aus dem "Sumpf" der Hauptstadt, sondern aus den Reihen der Investmentbank Goldman Sachs und den alten Industriedynastien im Land.

Entsprechend groß war der Vertrauensvorschuss, den Corporate America dem neuen Mann im Weißen Haus entgegenbrachte. Er zeigte sich am schönsten an der Wall Street: Seit der Amtsübernahme legte der Dow Jones um fast 4.000 Punkte zu und brachte Investoren und Unternehmen Milliarden ein. Gerade erst brach der Leitindex in New York mit 22.000 Punkten einen weiteren Rekord. "Nach der Wahl haben wir einen fast ungehörten Optimismus unter unseren Mitgliedern erlebt", sagt auch Jack Mozloom von der National Federation of Independent Businesses (NFIB), die vor allem kleine und mittelständische Unternehmen vertritt.

Ungeduld in der Wirtschaft wächst

Doch nach sechs Monaten Trump wächst in der Wirtschaft die Ungeduld. Die versprochenen massiven Steuerentlastungen für die Unternehmen stehen aus. Statt einer Reform gibt es bislang nur ein grobes Konzeptpapier. Auch von dem angekündigten Infrastrukturplan, von dem sich die Firmen millionenschwere Aufträge versprochen hatten, hört man nichts mehr. Und mit ihrem hastig umgesetzten Plan einer Gesundheitsreform, die auch die Arbeitgeber entlasten sollte, konnten sich die Republikaner im Kongress nicht durchsetzen. Politische Nebenschauplätze und interne Streitigkeiten haben die großen Projekte vorerst gestoppt.

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Viele Firmenchefs zeigen sich angesichts dieser Bilanz verärgert: "Ich habe keine Ahnung, was in Washington passiert. Und das Unheimliche ist, ich glaube, sie wissen das auch nicht", zitierte die Washington Post den Chef des Eisenbahnunternehmens CSX, E. Hunter Harrison. "Was wir brauchen ist Vorhersehbarkeit", hieß es auch von dem New Yorker Energieunternehmen Eaton in einem Gespräch mit Analysten.

Unsicherheit über politischen Kurs

Der unklare politische Kurs in Washington sorge für zunehmende ökonomische Unsicherheit bei den Unternehmen, sagt Steven Davis, Ökonom an der University of Chicago Booth School of Business. Viele Firmen haben Neueinstellungen, Investitionen und geplante Übernahmen in den vergangenen Wochen ausgesetzt, weil sie nicht wissen, wie sich die Lohnkosten entwickeln oder wie Gewinne und Kapital künftig besteuert werden. "Die Unklarheit in Washington bremst das Wachstum", beschwerte sich das Management der Regionalbank BOK Financial aus Oklahoma bei Analysten. Es gebe viele Geschäfte, die nur darauf warteten, abgeschlossen zu werden.

Die Unsicherheit drückt auf die Stimmung. Noch im März gaben rund 200 Unternehmen an, angesichts des Machtwechsels in Washington so optimistisch in die Zukunft zu blicken wie seit acht Jahren nicht. Die Firmenchefs, schlussfolgerte die für das Stimmungsbild verantwortliche Lobbygruppe Business Roundtable, reagierten damit auf deutliche Zeichen, dass die neue Regierung es "ernst meint mit dem Bemühen, die Bedingungen für den Arbeitsmarkt und Investitionen zu verbessern". Im Juni allerdings hatte die Zuversicht unter den Unternehmen erstmals seit der Wahl wieder abgenommen. Als Ursache nannten die befragten Firmenchefs vor allem den Stillstand in Washington.

"Die Unternehmen bemühen sich, optimistisch zu bleiben", sagt Jack Mozloom vom Branchenverband NFIB. "Aber ohne konkrete Ergebnisse wird sich das bald ändern." Viel Zeit bleibt den Verantwortlichen im Kongress nicht. Sollte es in den kommenden Monaten keine Fortschritte in wichtigen Bereichen wie Steuerreform oder Gesundheitssystem geben, werde die anhaltende Zurückhaltung der Unternehmen negative Auswirkungen auf Produktivität, Arbeitsmarkt und Lohnniveau haben und das Wachstum im Land bremsen.

Steuergesetz soll grundsätzlich überarbeitet werden

Die Republikaner wissen, dass das Problem drängt. Sie kündigten an, sich nach der Kongresspause im August die Steuergesetze des Landes vorzunehmen. Zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren wollen sie den mehr als 5.000 Seiten starken Gesetzestext grundlegend überarbeiten. Experten auf beiden Seiten sehen darin tatsächlich eine Chance, große klaffende Lücken in dem Flickenteppich zu schließen und ein effizienteres Steuersystem zu schaffen.

Allerdings sind die Erfolgsaussichten dünn. Angesichts der Vielzahl einflussreicher Lobbygruppen und widersprechender Interessen gibt es kaum ein Vorhaben in Washington, das politisch umkämpfter und schwieriger umzusetzen ist. Und bislang herrscht selbst bei den Republikanern keine Einigkeit darüber, wie ein neues System eigentlich aussehen soll.

Die Unternehmen wollen keine Diskussion mehr gelten lassen: "Wir erwarten eine Steuerreform noch in diesem Jahr", heißt es von der National Federation of Independent Businesses.