Die Einschläge kommen näher. Auch am Mittwoch drohen bei der insolventen Fluglinie Air Berlin wegen Krankmeldungen vieler Piloten Dutzende Flugausfälle. Bereits am Montag hatte Air Berlin kurzerhand und ohne Angabe echter Gründe fast alle Langstrecken ab dem 25. September aus dem Programm gestrichen. Am Dienstag gingen dann rund 200 Piloten auf die Barrikaden – und meldeten sich krank. Teile des Flugbetriebs brachen darauf zusammen. Dabei müssten die Mitarbeiter und Geschäftspartner nur noch wenige Tage die Nerven behalten.

Was ist der Grund für die Ausfälle?

Mutmaßlich keine Sommergrippe oder aus welchen Gründen auch immer diese 200 Piloten sich krankgemeldet haben. In Mitarbeiterkreisen hört man, sie seien "verschnupft" wegen der plötzlichen Entscheidung, Langstrecken zu streichen. Zudem ist man in der Belegschaft offenbar sauer, dass es keine Verhandlungen mit potenziellen neuen Eigentümern der Air Berlin über einen geordneten Betriebsübergang gibt.

So sind die Jobs akut in Gefahr. Ein "wilder Streik" ohne Urabstimmung wäre illegal. So beteuerte die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) am Dienstag auch: "Zu keinem Zeitpunkt hat die VC dazu aufgerufen, sich krankzumelden." Man sei aber der Überzeugung, dass Sozialplanverhandlungen über einen geregelten Übergang des Personals der einzige Weg ist, eine möglichst große Zahl von Arbeitsplätzen zu erhalten.

Air Berlin - Dobrindt appelliert an Piloten Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat die Air-Berlin-Piloten aufgefordert, an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren. Er bezeichnete die Krankmeldungen als »riskantes Manöver«. © Foto: Tobias Hase/dpa

Welche Folgen haben die Ausfälle?

Bis zum Dienstagabend waren weit über 100 der insgesamt 750 für den Tag angesetzten Flüge aus der Air-Berlin-Gruppe ausgefallen und am Mittwochmorgen schon wieder über 30. Es betraf auch die Tochterairline Niki sowie Germanwings und Eurowings, an die Air Berlin Flieger und Crews ausgeliehen hatte. So musste die Lufthansa-Tochter Eurowings auch am Mittwoch allein 35 Verbindungen aus dem Flugplan streichen. Sie hat 33 Flugzeuge samt Besatzungen bei der insolventen Air Berlin angemietet.

Insgesamt dürften rund 12.000 Passagiere wegen der Ausfälle gestrandet sein. Selbst für den Fall, dass die Piloten wieder "genesen", würde nicht alles sofort reibungslos laufen, da es in der Regel dauert, bis der Flugbetrieb wieder einen Rhythmus findet.

Was können die Kunden tun?

Air Berlin empfiehlt seinen Kunden, vor der Fahrt zum Flughafen im Internet zu prüfen, ob der Flug ausfällt oder verspätet ist (www.airberlin.com/fluginfo). Bei Annullierung soll man die Servicenummer 0180/6334334 anrufen. Air Berlin werde sich dann um eine Reisealternative bemühen. Notfalls verweist die Airline aber auch auf das Beschwerdeformular, mit dem Kunden eine Entschädigung für Flugausfälle oder Verspätungen verlangen können.

Theoretisch kann da einiges zusammenkommen. Bei einer Annullierung kann man nämlich nicht nur den Ticketpreis zurückverlangen, sondern auch eine zusätzliche Entschädigung. Deren Höhe richtet sich nach der Entfernung und liegt zwischen 250 und 600 Euro. Ausgleichszahlungen kann man auch bei Verspätungen verlangen. Wartezeit und Höhe des Schadensersatzes richten sich auch hier nach der Entfernung.

Warum zahlt Air Berlin nicht immer?

Es gibt zwei Probleme. Erstens: Die Airline muss nicht haften, wenn außergewöhnliche Umstände vorliegen. Ob das bei einem wilden Streik der Fall ist, sehen die Gerichte unterschiedlich. Klarheit soll erst der Europäische Gerichtshof schaffen, der über die Krankmeldungen und massiven Flugausfälle entscheiden muss, die TUIfly im vergangenen Herbst lahmgelegt hatten.

Zweites Problem: Darf Air Berlin wegen des vorläufigen Insolvenzverfahrens Kunden überhaupt entschädigen? Air Berlin hat das versprochen. Für Flüge, die nach dem 15. August – dem Zeitpunkt der Insolvenzanmeldung – verspätet sind oder ausfallen, hat die Airline auf ihrer Website Entschädigungen zugesagt. Ansprüche für frühere Flugausfälle oder -verspätungen sollen dagegen in die Insolvenzmasse fallen – und wären wahrscheinlich wertlos.

Gibt es Resthoffnung für Altkunden?

Ob eine solche Unterscheidung im aktuellen Insolvenzstadium rechtlich zulässig ist, ist umstritten. Während Deutschlands größtes Fluggastportal Flightright ein solches Vorgehen für rechtens hält, ist Berliner Anwalt Sebastian Biere von der Kanzlei JBB, der für das Konkurrenzportal EUclaim arbeitet, anderer Auffassung: Er glaubt, dass eine unterschiedliche Behandlung der Kunden insolvenzrechtlich nicht erlaubt ist und geht davon aus, dass auch neue Ansprüche in die Insolvenzmasse fallen. Wer auch immer recht haben mag, eines steht fest: Air Berlin hat seit dem 15. August noch keine Entschädigungen gezahlt.

Wer kauft noch ein Ticket bei der Airline?


Besser dran sind all diejenigen, die eine Pauschalreise gebucht haben. In diesem Fall hat der Reiseveranstalter den schwarzen Peter und muss sich darum kümmern, dass die Urlauber befördert werden.

Wie geht es weiter mit der Airline?

Der Plan der Gläubiger, der Verwalter und des Managements sieht vor, dass Interessenten noch bis zum kommenden Freitag Angebote einreichen können. Am Donnerstag nächster Woche sollen diese geprüft sein und eine Entscheidung fallen. Angesichts der Ausfälle ist jedoch nicht mehr sicher, dass dieser Zeitplan gehalten werden kann.

Denn es dürften kaum noch Kunden bereit sein, ein Ticket bei der Airline zu kaufen, sofern nicht gesichert ist, das sie fliegt. Zugleich verbrennt das Unternehmen mit jedem Tag Stillstand einige Millionen Euro – Geld das ein neuer Eigentümer zurückzahlen müsste. Der vom Gericht bestellte Generalbevollmächtigte des Unternehmens, Rechtsanwalt Frank Kebekus, warnte am Dienstag: "Wenn sich die Situation nicht kurzfristig ändert, werden wir den Betrieb und damit jegliche Sanierungsbemühungen einstellen müssen."

Wie verhalten sich mögliche Käufer?

Von den bisher bekannten Interessenten hielten sich am Dienstag fast alle bedeckt. Der Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl sagte unabhängig von den Flugausfällen, er erwäge gerichtliche Schritte, falls er im Rennen um Air Berlin den Kürzeren zieht. Er würde aber auf einen solchen Schritt verzichten, "wenn unser Angebot objektiv nicht das Beste war und/oder eine Regelung gefunden wurde, die trotzdem im Interesse der Sache okay ist", schrieb Wöhrl dem Berliner Tagesspiegel. Wenn das nicht der Fall sei und die Chance bestehe, mit einer Klage etwas zu erreichen, werde er vor Gericht gehen, betonte er. Wöhrl bietet mit seiner Firma Intro bis zu 500 Millionen Euro für die Airline.