ZEIT ONLINE: Herr Professor Deaton, Donald Trump ist angetreten, um die Situation der Arbeiter in den USA zu verbessern. Was hat er bislang erreicht?

Angus Deaton: Er hat nichts getan, was diesen Menschen hilft, aber jede Menge, was ihnen schadet.

ZEIT ONLINE: Eines seiner wichtigsten Ziele war und ist es, Obamacare abzuschaffen.

Deaton: Obamacare ist ein gutes Beispiel dafür, welche Prioritäten Donald Trump setzt. Er verhält sich wie ein rechter Republikaner, der den Unternehmen nach dem Mund redet.

ZEIT ONLINE: Was würden Sie als US-Präsident machen?

Deaton: Das ist nicht einfach zu beantworten. Ich würde mich wahrscheinlich für eine Politik einsetzen, die für steigende Reallöhne sorgt. Den Mindestlohn anzuheben, wäre auch eine gute Idee. Zudem brauchen die USA ein anderes Sozialsystem. Es sollte ein Anrecht auf staatliche Unterstützung geben, auch wenn man vorher nicht gearbeitet hat. Das Kartellrecht würde ich stärken. Unternehmen muss es schwerer gemacht werden, eine Monopolstellung zu erlangen.

ZEIT ONLINE: Halten Sie es für realistisch, dass die Regierung Trump solche Maßnahmen umsetzt?

Deaton: Ich habe den Eindruck, dass weder die Republikaner im Kongress noch der Präsident irgendein Interesse daran haben.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das? Ist die Lobbymacht der Wirtschaft zu groß?

Deaton: Die Unternehmen bekämpfen diese Ideen seit Jahren mit aller Macht. Und sie haben derzeit im Kampf zwischen Arbeit und Kapital die Oberhand. Die einst einflussreichen Vertreter der Arbeiter, wie etwa die Gewerkschaften, haben kaum noch Einfluss.

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hat das?

Deaton: Die Menschen in den USA leiden unter diesem ungleichen Kräfteverhältnis. Denn was mit der Arbeiterschicht in den USA geschehen ist, war nicht unvermeidbar. Es ist keine logische Folge der Globalisierung oder des technologischen Wandels, wie manche behaupten. Die Situation ist das Ergebnis von politischen Entscheidungen, die das Einkommen in der Gesellschaft von der Arbeiterschicht nach oben umverteilt haben.

Bislang hat die linke Bewegung kein ernsthaftes politisches Gewicht.
Angus Deaton

ZEIT ONLINE: Aber der US-Wirtschaft geht es doch gerade recht gut, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, das Wachstum stabil.

Deaton: Das ist richtig, aber auch eine rein makroökonomische Betrachtung. Und die ist gefährlich. Viele Menschen fallen zurück, obwohl es der Wirtschaft gut geht.

ZEIT ONLINE: Immerhin war in den vergangenen acht Jahren mit Barack Obama ein Demokrat US-Präsident. Für die sogenannten Abgehängten hat sich trotzdem nicht wirklich etwas verbessert.

Deaton: Die Demokraten waren einst die Partei, die für die Interessen der Arbeiterschicht stand. Das ist heute nicht mehr der Fall. Auch die Demokraten haben andere Prioritäten gesetzt. Die Menschen, über die wir gerade sprechen, haben in Washington keinen Fürsprecher. Und seit der Wahl von Trump ist das sicher nicht besser geworden.

ZEIT ONLINE: Donald Trump ist quasi die Spitze einer rechten Bewegung gegen die Elite aus Washington und die soziale Kluft im Land. Es gab aber mit Bernie Sanders auch eine linke Gegenbewegung. Spricht diese Gleichzeitigkeit nicht dafür, dass sich früher oder später wirklich etwas ändern muss?

Deaton: Das ist eine Entwicklung, die ich begrüße. Aber ich bin mir nicht sicher, wohin das tatsächlich führen wird. Bislang hat die linke Bewegung kein ernsthaftes politisches Gewicht. Es gab schon in der Vergangenheit Versuche, Gerechtigkeit stärker zu institutionalisieren, etwa mit dem Consumer Financial Protection Bureau, das sehr gute Arbeit leistet. Nur brauchen wir davon viel mehr. Und unter Trump werden diese Institutionen eher geschwächt.