Brasilien, einst Musterschüler in Sachen wirtschaftlicher Entwicklung, hat seit einigen Monaten ziemlich schlechte Presse. Demonstrationen gegen Sparmaßnahmen arten zu Straßenschlachten mit der Polizei aus, der Mann, der Rio die Olympischen Spiele brachte, wird der Korruption beschuldigt und dem amtierenden Präsidenten Michel Temer werden Korruption und die Gründung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Auch der ehemalige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva wird der Korruption beschuldigt.

Weit entfernt scheint die glorreiche Zeit, als der Economist noch vor wenigen Jahren prophezeite, Brasilien werde "durchstarten", und der Internationale Währungsfonds das Land als "führenden Akteur auf der Bühne der Wirtschaft" pries.

Unabhängig davon, was an den Korruptionsvorwürfen gegen Lula dran ist – er leugnet sie –, haben doch er und seine Nachfolgerin Dilma Rousseff ein Brasilien regiert, das zu einem Vorbild für wirtschaftliche Entwicklung wurde. Zwischen Lulas Amtseinführung 2003 und Rousseffs Amtsenthebung 2016 ging die Armutsquote im Land stark zurück.

20 Millionen Brasilianer wurden aus der Armut geholt

Das wird auch dem Programm Bolsa Familia zugeschrieben, das armen Familien zusätzliches Geld in die Hand gab unter der Bedingung, dass ihre Kinder die Schule besuchten und am staatlichen Impfprogramm teilnahmen. Nach einem massiven Ausbau der Universitäten stiegen zwischen 2003 und 2010 die Immatrikulationen um 90 Prozent. Die Alphabetisierung erlangte ihr höchstes Niveau.

Etwa 20 Millionen Brasilianer wurden zwischen 2002 und 2010 aus der Armut geholt. Der Mindestlohn erhöhte sich von 200 brasilianischen Reais im Jahr 2003 auf 880 Reais im Jahr 2016. Dadurch wurden aus Millionen armer Menschen Verbraucher, die Geld zum Ausgeben hatten, und das kurbelte die Wirtschaft weiter an. Die Regierung verfolgte eine Strategie der wirtschaftlichen Entwicklung, die den Binnenmarkt ins Zentrum rückte.

Neben der ehrgeizigen innenpolitischen Agenda übernahm das Land zudem eine aktivere weltpolitische Rolle und engagierte sich in internationalen Foren wie der Welthandelsorganisation, G20 und Brics. Auch der Handel veränderte sich signifikant: Im Jahr 2009 gingen 57 Prozent der brasilianischen Exporte in Nicht-OECD-Länder, verglichen mit 38,5 Prozent im Jahr 2002.

Doch ein Jahr nach dem Amtsenthebungsverfahren, das Dilma Rousseffs Präsidentschaft ein Ende setzte, versinkt Brasilien nun wieder in Armut und Misswirtschaft. Die Erfolge aus den Jahren 2003 bis 2015 werden von einem Präsidenten, der nach der Pfeife von Finanzleuten und der Landbesitzerelite tanzt, wieder rückgängig gemacht. 

Der jetzige Präsident Michel Temer wurde nicht gewählt und hat eine Zustimmungsrate von nicht einmal neun Prozent. Das hält ihn nicht davon ab, eine ganze Reihe rückschrittlicher Maßnahmen ins Parlament einzubringen, etwa die Abschwächung der Sklaverei-Definition, die Aufhebung von Landbesitzregelungen für indigene Völker und den Verkauf von Staatseigentum.