Nein, es ist nicht alles gut in Deutschland. Die Mieten steigen, die soziale Spaltung verschärft sich, Straßen und Schulen sind oft in schlechtem Zustand. Mit ihrem Wohlfühlslogan "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" hat die Union zwar trotzdem die Wahl gewonnen – aber viele Wähler verloren. Die SPD erzielte sogar ihr schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik. Die großen Verluste für die große Koalition zeigen: Zu viele Probleme wurden im Wahlkampf ignoriert, den drängenden Fragen unserer Zeit standen kaum konkrete Antworten gegenüber. Das reicht nicht mehr. Viele Wähler wünschen sich eine Regierung, die ihr Land verwandelt – und nicht bloß verwaltet.

Weil die SPD die bisherige große Koalition noch am Wahlabend aufkündigte, bleibt als einzige realistische Regierungsoption nur ein Jamaikabündnis aus Union, FDP und Grünen. Die Sondierungsgespräche dafür werden nicht leicht – die anschließende Regierungsarbeit noch viel schwieriger. Klar scheint nur: Die alte Kanzlerin wird wohl auch die neue sein. Doch wie will sie die absehbaren Engpässe in der Rente angehen? Welchen Plan hat sie für ein digitales Deutschland? Und was geschieht mit den Hunderttausenden Flüchtlingen, die noch immer bei uns leben?

ZEIT ONLINE hat zehn Zahlen zusammengestellt, um Deutschlands größte Herausforderungen in den nächsten Jahren zu illustrieren, inklusive einiger Lösungsvorschläge. Frau Merkel, übernehmen Sie!

65 Prozent aller Grundschulkinder werden Berufe ergreifen, die es heute noch nicht gibt

Welche Jobs werden unsere Kinder einmal haben? Die ehrliche Antwort ist: Wir wissen es nicht – weil wir es noch gar nicht wissen können. Eine Studie im Auftrag des Weltwirtschaftsforums prognostiziert: Knapp zwei Drittel aller Grundschulkinder werden in Berufen arbeiten, die derzeit noch gar nicht existieren.

Die Digitalisierung macht manche Jobs überflüssig (vor allem in der Industrie) und andere erforderlich (vor allem in der IT). In Zukunft wird beispielsweise der Bedarf an Maschinenführern deutlich sinken – diese Aufgabe übernehmen dann Computer: Maschinen werden Maschinen steuern. Die Bundesregierung muss also dafür sorgen, dass es trotz des Wandels auch langfristig genügend menschenwürdige Jobs und Löhne gibt. Und dafür, dass Jugendliche und junge Arbeitnehmer auf die Berufe von morgen vorbereitet werden.

Damit schlecht qualifizierte Gesellschaftsschichten durch die Digitalisierung nicht verarmen, werden unter anderem eine Robotersteuer und das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert – beides finanziert durch die Gewinne, die Computer in Zukunft erwirtschaften. Die Schulen müssen bei der Bildung junger Menschen einen stärkeren Fokus auf methodisches und übertragbares Wissen legen. Zentral ist außerdem ein sicherer Umgang mit Computern.

1 zu 1 Verhältnis von Rentnern und Beitragszahlern im Jahr 2030

Die alte und wohl auch neue Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte im Wahlkampf nicht wirklich über die Rente reden. Handlungsbedarf sieht sie erst wieder nach 2030. In diesem Herbst soll sich erst mal eine neue Kommission mit dem Thema auseinandersetzen.

Nur auf eine Zahl wollte sich die CDU-Politikerin festlegen: Das Renteneintrittsalter wird nicht erhöht, es soll bei 67 Jahren bleiben – anders als dies viele Unionspolitiker immer wieder gefordert haben. Aber kann man wirklich bis 2030 warten? Eindeutig nein. Bereits 2030 könnte auf jeden Beitragszahler ein Rentner kommen, warnt das Institut der deutschen Wirtschaft. Zum Vergleich: Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung gab es im Jahr 2016 noch fast 54 Millionen Versicherte, dieser Zahl standen 25,6 Millionen Rentner gegenüber. Das derzeitige Verhältnis von 2:1 würde sich demnach auf 1:1 verschlechtern. Wer das Renteneintrittsalter so wie Merkel nicht erhöhen will, hat daher drei Optionen: Er muss entweder das Rentenniveau senken, die Beiträge erhöhen oder die Renten staatlich bezuschussen. Aber über diese Alternativen schweigt die Kanzlerin.

8 Millionen Menschen in Deutschland leben am Rand des Existenzminimums

Deutschland boomt und das seit Jahren. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Beschäftigung ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht, die Exportbranche erzielt ständig neue Rekorde. Den meisten Deutschen geht es deshalb heute besser als noch vor zehn Jahren. Das Problem ist nur: An einigen Teilen der Bevölkerung geht der Wirtschaftsboom vollständig vorbei.

Eine Zahl illustriert das eindrücklich: acht Millionen. So viele Menschen lebten im Jahr 2006 am Rand des Existenzminimums. 2015, neun Jahre später, hatte sich diese Zahl kaum verändert. Nachzulesen ist das im jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Der immer noch starke Sozialstaat sorgt zwar dafür, dass sie aufgefangen werden, er übernimmt ihre Miete und zahlt ihnen Hartz IV.

Was der Sozialstaat aber offenbar nicht leistet: ihnen ein Perspektive auf einen besseres Leben zu geben, ihnen zu helfen, sich aus der staatlichen Abhängigkeit zu lösen. Daran muss die neue Bundesregierung arbeiten. Warum schafft es ein so reiches Land wie Deutschland nicht, die immer noch bestehende Armut nachhaltig zu reduzieren?

24.000 Lehrer fehlen in Deutschland bis 2025

Jahrelang stand in Deutschland das politische Handeln unter einem Leitbegriff: demografischer Wandel. Wenn es also immer weniger Junge und mehr Alte gibt, sind die Auswirkungen zum Beispiel in der Rentenfrage oder bei der Pflege durchaus spürbar. Für Schulen scheint das aber nicht zu gelten. »Mit diesem Schülerboom hat kaum jemand gerechnet«, sagte kürzlich der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, Jörg Dräger. Es würden wieder mehr Kinder geboren, auch durch die Zuwanderung gebe es deutlich mehr junge Menschen in Deutschland.

Die Konsequenz ist nach Auffassung der Bertelsmann-Stiftung ein enormer Lehrermangel. Bis zum Jahr 2025 würden 24.000 neue Lehrer benötigt, hat die Stiftung in einer Studie ermittelt. Die Untersuchung geht von 8,3 Millionen Schülern an den allgemeinbildenden Schulen bis 2025 aus – also etwa so vielen wie bisher. Die Kultusministerkonferenz hatte aber mit einem Rückgang auf 7,2 Millionen bis 2025 kalkuliert. Auf dieser Grundlage haben die Länder die Personalpolitik an deutschen Schulen gestaltet.

496.820 Flüchtlinge suchen offiziell Arbeit

In der Schlussphase des Wahlkampfs stand das Thema plötzlich wieder ganz oben auf der politischen Agenda: Wie geht Deutschland mit den mehr als einer Million Flüchtlingen um, die seit 2015 in das Land gekommen sind? Wer nicht abgeschoben wird und Asyl erhält, kann relativ schnell den Weg auf den Arbeitsmarkt finden. Und es war immer das erklärte Ziel der Bundesregierung, diese Menschen möglichst bald in die Wirtschaft zu integrieren. Doch wie weit sind diese Bemühungen bisher fortgeschritten?

Im August 2017 waren 496.820 Flüchtlinge bei der Bundesagentur für Arbeit als arbeitssuchend gemeldet. Das ist ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 43 Prozent. Diese Entwicklung war auch so zu erwarten, schließlich geht die Zahl der offenen Asylverfahren immer weiter zurück. Offiziell gilt aber weniger als die Hälfte dieser Menschen als arbeitslos, weil sie unter anderem noch an Integrationskursen teilnehmen.

Für Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer beschreibt eine andere Zahl den Erfolg der deutschen Unternehmen, wenn es um deren Integrationsbemühungen geht. Von einer Million Zugewanderten »arbeiten 200.000 bereits in Betrieben, sei es als Praktikanten, in Ausbildungen oder als Beschäftigte«, sagt er. Das sei ein großer Anteil, vor allem, wenn man bedenke, dass viele Flüchtlinge noch in Deutschkursen seien, Kinder und Alte nicht arbeiten könnten und viele Frauen aus traditionellen Gründen gar keine Arbeit suchten: »Wir sind auf einem verdammt guten Weg.« Dennoch wird die Integration von Flüchtlingen eine der größten Herausforderungen für die neue Regierung bleiben.

21,57 Euro durchschnittliche Kaltmiete pro Quadratmeter in München bei Neuvermietungen

Wohnen wird in Deutschland immer teurer, seit Jahren steigen die Mieten stärker als die Einkommen. Allein zwischen 2014 bis 2016 haben die Mieten bundesweit um durchschnittlich 8,3 Prozent zugelegt, zeigt eine aktuelle Untersuchung der Bundesregierung. In den großen Ballungszentren waren es im selben Zeitraum sogar 15 Prozent.

Beispiel München: Dort kostet nach Angaben des Wohnungsportals Immowelt der Quadratmeter im Durchschnitt 21,57 Euro kalt. Am teuersten sind kleine Wohnung mit bis zu 40 Quadratmetern.

Die in der abgelaufenen Legislatur verabschiedete Mietpreisbremse funktioniert nicht. In NRW will die neue schwarz-gelbe Regierung sie deshalb schon wieder abschaffen. Aber wie soll der Anstieg der Mieten dann verlangsamt werden? Kanzlerin Merkel fordert: Es muss mehr gebaut werden. Im vergangenen Jahr wurden 278.000 Wohnung in ganz Deutschland fertiggestellt. Das klingt viel, deckt aber nicht den Bedarf von 350.000 neuen Wohnungen, den es bis 2020 laut Bundesbauministerium jährlich gibt. Von genügend Wohnraum sind wir noch weit entfernt.

600.000 Arbeitsplätze hängen am Verbrennungsmotor

Die Autoindustrie ist weltweit im Umbruch, doch in Deutschland stellt sich die Branche nur zögerlich darauf ein. Das Ziel der Kanzlerin, bis zum Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf die Straßen zu bringen, wird scheitern. Das hat Merkel im Mai bereits selbst zugegeben. Dabei mangelt es nicht an potenziellen Kunden für Elektroautos. Das Angebot der deutschen Autohersteller ist allerdings mager und teuer, die Infrastruktur zum Aufladen der Batterien dürftig. Warum geht es nicht schneller und günstiger?

Eine Antwort lautet: Am Verbrennungsmotor hängen viele Arbeitsplätze. Würde man ihn ab sofort auf deutschen Straßen verbieten, wären 600.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt gefährdet. Das hat das Münchner ifo-Institut kürzlich in einer Studie errechnet. Vor allem Jobs in der Produktion von Benzin- und Dieselmotoren, Abgasreinigungssystemen, Schaltgetrieben oder Kraftstoffen sind betroffen. Batterien für Elektroautos werden dagegen vor allem in den USA und Asien produziert.

Hinzu kommt der Diesel-Skandal. Das jüngst von Volkswagen angekündigte Softwareupdate wird nicht ausreichen, um vor Gericht Fahrverbote in deutschen Innenstädten zu verhindern. So oder so: Wenn die deutschen Autohersteller nicht umsteuern, ist ein großer Teil dieser Arbeitsplätze durch die neue Elektro-Konkurrenz aus dem Ausland gefährdet.

23,1 Prozent der deutschen Haushalte haben kein schnelles Internet

Schnelles Internet für jeden – das Versprechen stand 2013 im Koalitionsvertrag der alten Bundesregierung. Union und SPD hielten es jedoch nicht ein: Ende 2016 war laut Breitbandatlas noch immer ein knappes Viertel aller Haushalte, vor allem in ländlichen Regionen, ohne schnelles Internet. Als Richtwert dafür gilt eine Übertragungsrate von mindestens 50 mbit pro Sekunde.

Beim Ausbau des Glasfasernetzes, das deutlich schnellere Verbindungen erlaubt, steht Deutschland noch schlechter da: Lediglich 6,6 Prozent der deutschen Haushalte sind an das Netz angeschlossen, auf dem Land sind es sogar weniger als zwei Prozent. Im Vergleich der OECD-Staaten liegt die Bundesrepublik damit auf Platz 27 von 32. Die Gründe für den Rückstand sind laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung »unambitionierte Ziele, eine fehlende gesamtstaatliche Strategie, unkoordinierte Förderprogramme und fehlender Mut«.

Für Privatpersonen ist es ärgerlich, wenn Downloads Minuten brauchen und Videos beim Streamen ruckeln. Für Unternehmen werden Schneckenverbindungen zum Wettbewerbsnachteil: Ein Drittel aller Firmen sieht laut Industrie- und Handelskammer Probleme für ihr Geschäft durch ein zu langsames Netz. Die künftige Bundesregierung muss daher das Versprechen auf schnelles Internet erneuern – aber diesmal auch liefern.

40 Prozent geringer sollen die CO2-Emissionen bis 2020 sein

Klimawandel? War das was? Im Wahlkampf hat die Klimapolitik keine große Rolle gespielt. Dabei sind die kommenden vier Jahre entscheidend: Bis 2020 muss der Ausstoß von CO2 in Deutschland um mindestens 40 Prozent, bis 2030 um mindestens 55 Prozent reduziert werden (jeweils im Vergleich zum Basisjahr 1990). So sieht es das Pariser Klimaschutzabkommen vor.

Schon heute ist klar: Deutschland wird diese Ziele nicht erreichen, wenn nicht weitere Maßnahmen ergriffen werden. Ginge es so weiter wie bisher, sänken die Emissionen bis 2020 allenfalls um 30 Prozent, heißt es in einer aktuellen Studie.

Eine Ursache ist die gute deutsche Konjunktur, auf die Angela Merkel in ihrem Wahlkampf immer wieder verwiesen hat. Für das Klima ist diese Entwicklung aber in erster Linie negativ: Es wird mehr Kohle verstromt, es fahren mehr Pkw und Lastwagen auf deutschen Straßen, die gesamte deutsche Industrie bläst mehr CO2 in die Luft. Die deutsche Politik ist offensichtlich nicht in der Lage, effektiv gegenzusteuern.

284 Millionen Euro öffentliche Investitionen abzüglich Abschreibungen

Die Zahl ist beeindruckend: 33 Milliarden Euro – sechs Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. So hoch sind die geplanten Investitionsausgaben in Deutschland in diesem Jahr. Aber: Das Geld reicht allein dafür, den laufenden Verschleiß auszugleichen. Wenn man von den öffentlichen Investitionen die Abschreibungen für die Abnutzung abzieht, bleibt weniger als nichts übrig. Die EU-Kommission kommt in ihrer Berechnung für 2017 auf einen Wert von minus 284 Millionen Euro. Deutschland lebt von der Substanz.

Beispiel Verkehr: Pro Einwohner investiert Deutschland 239 Dollar in die Verkehrsinfrastruktur und liegt damit nur im Mittelfeld aller OECD-Länder – Schweden investiert 368 Dollar und Großbritannien 392 Dollar.

Bei den Bildungsausgaben rangiert Deutschland sogar im unteren Drittel: Während Norwegen 2014 insgesamt 6,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung ausgegeben hat, und selbst Portugal 5,8 Prozent, ist den Deutschen ihr Bildungssystem 4,3 Prozent des BIP wert. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) fordert, pro Jahr zwölf Milliarden zusätzlich für die Bildung auszugeben.

Es gibt noch ein weiteres Problem: Die bereitgestellten Summen für Investitionen werden oft nicht vollständig abgerufen. Der Spardruck der vergangenen Jahre hat viele Kommunen dazu gezwungen, Personal abzubauen. Allein zwischen 2011 und 2013 ging die Zahl der Beschäftigten im kommunalen Bauwesen einer Studie zufolge um 15,4 Prozent zurück. Nun fehlen diese Stellen, um dringend nötige Bauprojekte voranzutreiben.