Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland im Bundestagswahlkampf können wir beobachten, wie verzerrte und falsche Nachrichten in die politische Auseinandersetzung eingeführt werden. In diesem Fall geht es um das Bildungsniveau der Flüchtlinge. Am 22. August meldete die Bild-Zeitung unter Berufung auf eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), dass knapp 60 Prozent der Flüchtlinge keine abgeschlossene Schulbildung hätten.

Diese Zahl bestimmt seitdem Debatten in den sozialen Medien. Die Spitzenkandidatin der AfD, Alice Weidel, nahm diesen Ball dann kürzlich im ZDF auf: "(…) wenn man sich die Zahlen des Bundesinstituts für Berufsausbildung anguckt, die sprechen eben eine deutliche Sprache und zwar, dass fast zwei Drittel der arbeitsuchenden Flüchtlinge eben nur nicht mal eine Schulausbildung haben."

Der gegenwärtige Stand der empirischen Forschung zeigt aber ein anderes Bild: Fast zwei Drittel der Flüchtlinge haben mittlere und weiterführende Schulabschlüsse erworben und mehr als drei Viertel haben mittlere und weitere Schulen besucht. Doch der Reihe nach. Es lohnt sich, die Hintergründe der von der Bild-Zeitung und AfD verbreiteten Falschmeldung zu betrachten.

Diese stützt sich auf folgendes Zitat aus einem Bericht des BIBB, der dort schon länger unbemerkt auf der Homepage stand: "Das Merkmal 'Schulbildung' zeigt eine zweigipfelige Verteilung zwischen schulisch gut Gebildeten und eher kaum Beschulten. Falls man jedoch diejenigen 'ohne Angabe' den nur unzureichend Gebildeten zuschlagen würde – was aufgrund fehlender Zeugnisse oder Unvergleichbarkeit der Bildungssysteme nicht unwahrscheinlich ist, erhöhte sich der Anteil dieser Gruppe auf knapp 60%."

Die Verwendung des Konjunktivs gehört eigentlich nicht in den Bereich der evidenzbasierten Beratung von Politik und Öffentlichkeit. Der Autor suggeriert dem Leser, dass die Gruppe "ohne Angabe" zu den Schulabschlüssen zu den "unzureichend Gebildeten" zu rechnen ist, ohne dass diese Aussage belegt wird. Wenn aber das Gegenteil gezeigt wird, kann er sich darauf zurückziehen, dass er diese Aussage ja eigentlich gar nicht getroffen hat.

Oft fehlen Zeugnisse und Zertifikate

Doch betrachten wir die Fakten. Der Autor bezieht sich auf eine Statistik über die Schulbildung der Arbeitssuchenden der Bundesagentur für Arbeit. Zum 30. Juni 2017 lagen für 24 Prozent der arbeitsuchenden Flüchtlinge dort keine Angaben zum Schulabschluss vor. Um dies interpretieren zu können, muss man sich etwas näher mit den Bildungsangaben in der BA-Statistik beschäftigen. In der BA-Statistik liegen für 21 Prozent aller Beschäftigten und 11 Prozent aller Arbeitssuchenden – also nicht nur für Flüchtlinge – keine Angaben zu Schulabschlüssen vor. Würde man der Logik des Autors der BIBB-Studie folgen, dann hätten 23 Prozent der deutschen Erwerbspersonen – hier definiert als Beschäftigte und Arbeitsuchende – keine abgeschlossene Schulbildung. Nach Angaben des Mikrozensus trifft dies aber nur für vier Prozent der Personen im erwerbsfähigen Alter zu. Die Annahme ist also offensichtlich falsch.

Die Angaben zu den Schulabschlüssen in der BA-Statistik stammen bei den Beschäftigten von den Unternehmen, bei den Arbeitsuchenden von den Jobcentern und Arbeitsagenturen. Bei den Beschäftigten ist der Anteil ohne Angabe so hoch, weil den Personalabteilungen der Unternehmen häufig keine ausreichenden Angaben und Dokumente vorliegen und die Bildung der Beschäftigten nicht systematisch erfasst wird.

Bei den Jobcentern und Arbeitsagenturen erfolgt die Erfassung der Bildungsabschlüsse systematischer, aber auch hier liegen aus vielen Gründen häufig keine Angaben vor: weil Zeugnisse und Zertifikate fehlen, weil diese Dokumente nicht übersetzt sind, weil die Zuordnung zu den Kategorien aufgrund der Unterschiedlichkeit von Bildungssystemen schwierig oder nicht möglich ist, aufgrund von Sprachproblemen, oder, ganz einfach, weil die Angaben noch nicht vollständig erhoben wurden.

AfD - »Wir werden eine Polarisierung erleben« Seit August 2014 hat es die AfD in 13 Landesparlamente geschafft. Göttinger Politologen haben in einer Studie den Einfluss der Partei auf die politische Arbeit untersucht. © Foto: Aktivnews/dpa