Vor mehr als 50 Jahren warb die Deutsche Bundesbahn mit den Worten: "Alle reden vom Wetter. Wir nicht." Die meisten am kommenden Wochenende zur Bundestagswahl aufgerufenen Bürger werden den Werbeslogan allenfalls noch vom Hörensagen kennen. Ähnliches mag vielleicht sogar für die Bahn selbst gelten. Ist sie doch im Wettbewerb der Verkehrssysteme heillos abgehängt.

Legten die Deutschen im Jahr 1960 41 Milliarden Personenkilometer mit der Bahn zurück und 162 Milliarden mit dem Pkw, so hatten sich diese Werte im Falle der Bahn bis 2010 auf 84 Milliarden verdoppelt, im Falle des Automobils hingegen auf 905 Milliarden weit mehr als verfünffacht. Im Vergleich zum Flugverkehr fällt die Bilanz noch wesentlich verheerender aus – er ist in dieser Zeit um nicht weniger als das 30-fache gewachsen. Dabei ist weithin bekannt, dass die Bahn im Vergleich zum Auto und zum Flugzeug viel umweltverträglicher ist. Und die Deutschen verstehen sich doch seit jeher als europäische, ja Weltavantgarde des Umweltbewusstseins.

Aber im bundesdeutschen Wahlkampf preist sich Deutschland gerade ein Land, in dem "wir gut und gerne leben". Hier. Jetzt. Und heute. Was schert uns da die Zukunft? Niemand redet mehr ernsthaft über den fast schon unaufhaltsamen, praktisch ungebremsten Klimawandel. Im Angesicht der wohl gewaltigsten Gestaltungsaufgabe demokratischer Politik herrscht in Sachen Erderwärmung nur eisiges Schweigen.

Deutschland, das steht jetzt schon so gut wie fest, wird die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten nationalen Klimaziele grandios verfehlen. Von der Steuerbefreiung für Kerosin bis zur vorläufigen Rettung von Air Berlin fördert die Regierung nach wie vor wo immer es geht den Flugverkehr und dessen Expansion. In Bund, Ländern und Kommunen fließen immer neue Milliarden in den Ausbau des Straßennetzes, bei der unbedingten Verteidigung des Automobilstandorts Deutschland kennt die Politik kein Halten mehr und im Güterverkehr hat die Schiene gegenüber der Straße politisch gewollt keine Chance.

Autoliebe ohne Leiden, brettern ohne Reue

Noch im Jahr 1990 traten die Grünen mit einem Remake des früheren Bundesbahnmottos zur Wahl an: "Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter." Das Ergebnis: Die Grünen verpassten den Einzug in den Bundestag. Heute haben sie sich vielleicht auch deswegen längst der Volksfront der Automobilisten angeschlossen. Sie reden sich, elektromobil gewendet und garniert mit Resten von Hollandfahrradappeal, das Land der Autobahnen und Richtgeschwindigkeiten schön. Gerne fabulieren sie von "emissionsfreien Fahrzeugen" und "klaren Ansagen der Politik", um daraufhin das Lied der Deutschen anzustimmen – wie etwa Spitzenkandidat Cem Özdemir mit seiner  Eloge auf unsere "großartigen Ingenieure", unseren "tollen Mittelstand" und überhaupt auf das nationale Kulturerbe: "Wir haben in Deutschland das Auto erfunden, in diesem schönen Bundesland, in Baden-Württemberg. Und ich will, dass das Auto der Zukunft auch hier in Deutschland gebaut wird."

Das Schlimme ist: Was der Cem will, das wollen wir, wenn wir ehrlich sind, doch irgendwie alle. Emissionsfreie Fahrzeuge – wie genial ist das denn? Autoliebe ohne Leiden, brettern ohne Reue: Das wähle ich! Klare Ansagen der Politik? Zum Beispiel der Art, dass wir das Auto erfunden haben und dass uns das keiner mehr nehmen wird, also weder unsere Geschichte (die derzeit ja auch ansonsten wieder beliebter wird), noch unsere Autos, noch unsere großartig-tolle Mittelstandsingenieursautomobilindustrie, in keinem unserer vielen schönen Bundesländer? Find ich gut, muss jetzt aber weiter! Weiter so, Deutschland: So schallt es von fast allen Seiten, nicht nur in der Klimapolitik. Von Regierungsseite natürlich ohnehin, aber recht besehen, von den Grünen bis zur FDP, auch bei den Möchtegernregierenden aus der Opposition. Vielleicht mit Ausnahme der von Regierungsbeteiligungsaussichten im Bund entlasteten Linken, deren Spitzenkandidatin allerdings immer mal wieder gern die progressivsten Forderungen des Wahlprogramms ihrer Partei dementiert.