Kaum ein Thema ruft in Deutschland so große Emotionen hervor wie die soziale Ungleichheit. Rente, Steuern, Löhne, Geflüchtete oder Bildung – die große Mehrzahl der Themen im Bundestagswahlkampf sind direkt oder indirekt Fragen der Ungleichheit und Gerechtigkeit. Deshalb ist es so wichtig, dass auch WissenschaftlerInnen einen offenen, respektvollen Diskurs zur Frage der Ungleichheit pflegen, um die analytische Grundlage für die politische Debatte liefern zu können.

Ein hier kürzlich erschienener Gastbeitrag der Forscherin Judith Niehues bestreitet beispielsweise die Ergebnisse vom DIW Berlin und zahlreichen anderen Institutionen zur Entwicklung der Ungleichheit von Einkommen in Deutschland. Leider fehlen in diesem Beitrag konkrete Zahlen und Studien und er liegt mit seinen vier Behauptungen nicht richtig.

Der erste Streitpunkt ist die Behauptung, die Mittelschicht in Deutschland schrumpfe nicht. Es ist richtig, dass es keine einheitliche Definition der Mittelschicht gibt. Die üblichen Definitionen beziehen sich auf das Einkommen. So definiert beispielsweise der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung die Mittelschicht als solche Haushalte, die zwischen 60 Prozent und 200 Prozent des mittleren Einkommens erzielen. Die folgende Grafik zeigt aber, dass die Schrumpfung der Mittelschicht nicht davon abhängt, wie man diese definiert.

Auch, wenn man die Definition anpasst – zum Beispiel die Mittelschicht nur als diejenigen definiert, die zwischen 77 Prozent und 100 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung haben oder andersherum sich für eine breite Definition entscheidet von 60 bis 169 Prozent des Medianeinkommens – bleibt das Bild einer Schrumpfung seit den 1990er Jahren bestehen.

Der zweite Widerspruch ist die Behauptung, die atypische Beschäftigung hätte in Deutschland nicht zugenommen, gemeint sind Arbeitsplätze mit geringen Löhnen oder prekären Beschäftigungsverhältnissen. Auch hier zeigen die Zahlen, dass eine differenzierte Betrachtung angebracht ist. Atypische Beschäftigungsverhältnisse haben für Menschen mit hohen Einkommen in der Tat abgenommen. Für Menschen mit mittleren und geringen Einkommen haben sie jedoch in den letzten 20 Jahren und seit 2005 zugenommen, wogegen reguläre Beschäftigungsverhältnisse in diesen Einkommenskategorien gesunken sind.

Der dritte Punkt ist die Behauptung, die Lohnungleichheit in Deutschland hätte in den vergangenen Jahren nicht zugenommen. Auch hier bedarf es einer differenzierten Betrachtung. Seit 1995 ist die Lohnungleichheit stark angestiegen (siehe Grafik).

Die unteren 40 Prozent erzielen heute sogar geringere Reallöhne, also Löhne nach Bereinigung der Inflation, als noch 1995. Die oberen 40 Prozent dagegen erlebten einen zum Teil sehr starken Anstieg ihrer Reallöhne. Es ist richtig, dass seit 2010 auch die Löhne am unteren Ende steigen, zum Teil durch die Einführung des Mindestlohns und zum Teil durch die verbesserte Lage am Arbeitsmarkt. Aber im selben Zeitraum sind die Reallöhne für das obere Drittel stärker gestiegen als die in der Mitte und am unteren Rand der Einkommensverteilung.

Der vierte Widerspruch des genannten Gastbeitrags ist die Behauptung, das Armutsrisiko sei seit 2010 "nur" für Menschen mit Migrationshintergrund gestiegen, nicht aber für Menschen ohne Migrationshintergrund. Zum einen ist nicht klar, was diese Aussage implizieren soll. Es sollte sicherlich nicht bedeuten, dass der Anstieg des Armutsrisikos weniger relevant ist, weil dies Menschen mit Migrationshintergrund betrifft.

Studien des DIW Berlin sowie der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigen aber, dass das Armutsrisiko zum Beispiel für Alleinerziehende (auch Alleinerziehende ohne Migrationshintergrund) sehr stark gestiegen und sehr hoch ist. Fast jeder vierte alleinerziehende Elternteil und seine Kinder in Deutschland sind heute von Armut bedroht – auch im europäischen Vergleich ein hoher Wert.