Das stärkste Argument der FDP, und hier kann sich Meyer jetzt in seinem Stuhl zurücklehnen, ist das von der Auslastung. Der BER sei in der heutigen Form ausgelegt für 22 Millionen Passagiere im Jahr, über die beiden alten Flughäfen Tegel und Schönefeld würden aber jetzt schon zusammen 36 Millionen Passagiere fliegen. "Wir haben einfach deutlich zu wenig Kapazität am BER", sagt Meyer. Außerdem gebe es keinerlei Ausweichmöglichkeit, sollte eine Stadt wie Berlin nur einen Flughafen haben – für einen Notfall auf der Landebahn, bei Nebel oder dergleichen. "Die nächsten Flughäfen sind Rostock-Laage, Hannover oder Leipzig", sagt Meyer. Und das sei einer Hauptstadt nicht angemessen.

Von Berlin-Mitte führt der Weg über die Friedrichstraße immer geradeaus bis hinauf nach Tegel, eine Taxifahrt von nicht einmal 20 Minuten. Deshalb lieben vor allem die Yuppies in den teuren Innenstadtbezirken und die Westberliner ihren TXL so innig. Schon bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus 2016 hatte die Kampagne der FDP zum Wiedereinzug in das Berliner Parlament verholfen, nachdem sie dort fünf Jahre außen vor war. Am Kurt-Schumacher-Platz in Reinickendorf jedoch, einer der sozial schwächsten Gegenden in Berlin, wählen nur wenige Leute die Liberalen. Die "Tegelretter"-Plakate von Christoph Meyer muss man suchen. Hier legen die Flieger buchstäblich ihre letzten Meter vor der Landebahn zurück: Es fühlt sich an, als würde jemand mit einem Vorschlaghammer auf gewaltige Stahlplatten trommeln, wenn wieder eine Maschine über dem Einkaufszentrum Der Clou niedergeht. Dahinter: nur noch ein McDonalds und die Autobahn 111, an die der Flughafen direkt angrenzt.

Auf der Außenterrasse des Restaurant Milano am Kurt-Schumacher-Platz lassen sich die Gäste von dem Dröhnen im Minutentakt nicht aus der Ruhe bringen, der SPD-Politiker Jörg Stroedter bittet bei strahlendem Sonnenschein trotzdem nach drinnen – "sonst versteht man ja nichts". Stroedter ist Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus, sein Wahlbezirk liegt genau hier. "Eintausend Wohnungen", sagt Stroedter, "sind so nah am Flughafen gebaut, dass sie eigentlich abgerissen werden müssten." Der SPD-Politiker bleibt während des ganzen Gesprächs sehr ernst, nur manchmal zuckt ein sarkastisches Lächeln über sein Gesicht, wenn es um den politischen Gegner geht: die FDP.

Der rot-rot-grüne Senat in Berlin will wie geplant Tegel schließen, ohnehin sei ein Weiterbetrieb rechtlich unmöglich, heißt es aus dem Roten Rathaus. Auch die Bundesregierung sieht das übrigens so, wie die Kanzlerin kürzlich erkennen ließ. Schließlich ist der Bund am Großflughafen BER beteiligt und damit indirekt involviert in den Streit um Tegel, der einige juristische Konsequenzen haben könnte.

Schließung von höchster Instanz bestätigt

"Die Menschen hier und in den anderen betroffenen Bezirken haben sich darauf verlassen, dass dieser Flughafen schließt", sagt Stroedter. Gerade im Bezirk Pankow, in direkter Nachbarschaft zum Prenzlauer Berg, haben sich viele Familien Eigentumswohnungen und Häuser gekauft in der Annahme, dass der Fluglärm bald verschwinde. Das zeigen auch die Statistiken des Landes Berlin: Pankow ist in den vergangenen zehn Jahren um circa 50.000 Einwohner gewachsen. Sollte nun Tegel doch weiter angeflogen werden, sei "die Politik nicht mehr glaubwürdig", sagt Stroedter. Es sei dann mit vielen Klagen zu rechnen, schließlich habe das Bundesverwaltungsgericht in höchster Instanz schon vor Jahren die geplante Schließung von Tegel bestätigt.

Allerdings hat die Politik in Berlin bereits jetzt ein gewaltiges Problem mit der Glaubwürdigkeit: siehe Bauskandal am BER. Deshalb wollen wohl auch nur wenige Menschen dem Senat abnehmen, dass die Kapazität am neuen BER, wenn er denn mal eröffnet, für den gesamten Flugverkehr der Stadt reicht. Stroedter aber gibt sich unbeirrt: Zusammen mit dem bestehenden Terminals des Flughafens Schönefeld, der an den BER angrenzt, könne Tegel voll ersetzt werden. "Außerdem können am BER auf lange Sicht mit beiden Landebahnen im Jahr 60 Millionen Passagiere abgefertigt werden", sagt Stroedter. Die neuen Terminals würden dann in den nächsten Jahren kontinuierlich ausgebaut.

Die meisten Berliner aber lassen sich davon bisher wenig überzeugen, die Umfragen zumindest deuten daraufhin, dass es eine Mehrheit für eine Offenhaltung von Tegel geben könnte. Der Senat muss sich rechtlich zwar an dieses Votum nicht halten, politisch jedoch würde aus einem Sieg der Tegel-Fans der Auftrag ergehen, alles für einen Weiterbetrieb zu versuchen.

In Berlin-Pankow jedenfalls wären viele Menschen enttäuscht. Vor dem Rathaus verteilen Klaus Dietrich und Helmut Möller noch einige Aufkleber und Flugblätter an Passanten. Möller sagt, dass sich gerade am Volksentscheid zeige, welche Schwäche diese Form der Bürgerbeteiligung habe. "Hier entscheiden viele über das Schicksal von wenigen Menschen", sagt Möller. Solange die meisten Bewohner in der Stadt nicht von dem Lärm betroffen seien, aber den Komfort des nahen Flughafens nutzen könnten, seien ihnen die Folgen für die Betroffenen egal. Das sei, um es beim Namen zu nennen, einfach egoistisch.