Zuerst ist da ein Rauschen. Vielleicht ein Lastwagen, der heranrollt? Eine Tram? Auf der Hauptstraße im Ortskern von Pankow herrscht viel Verkehr. Das Dröhnen schwillt an, ein Pfeifen kommt dazu, dann donnert die Maschine über die Hausdächer hinweg: Rumpf und Tragflächen, Turbinen und Beschriftung – alles ganz nah. Helmut Möller steht da mit offenem Mund. Er schaut dem Flugzeug nach und sagt: "Sehen Sie, so geht das hier den ganzen Tag."

11:06 Uhr an einem Dienstagmorgen: Möller wartet mit Klaus Dietrich vor dem Rathaus des Berliner Bezirks im Norden der Stadt. Beide kariertes Hemd, beide weißes Haar, beide Rentner und engagiert für die gemeinsame Sache: Tegel schließen! So heißt ihre Initiative, die sich für ein Nein im Volksentscheid einsetzt, der gleichzeitig zur Bundestagswahl in Berlin abgehalten wird. Die Hauptstadt streitet mal wieder über einen Flughafen, diesmal geht es um Tegel. Die Gegner von Möller und Dietrich wollen den alten Westberliner Airport offenhalten, obwohl der eigentlich schließen sollte, sobald der neue Hauptstadtflughafen im Südosten Berlins in Betrieb geht. Doch der BER wird und wird nicht fertig, schon seit Jahren.

11:08 Uhr, das nächste Rauschen. Nur tiefer und lauter. "Das ist die A350 nach Izmir", sagt Dietrich, der den Flugplan auswendig kennt. Und tatsächlich, über den Rumpf erstreckt sich das Logo von Turkish Airlines. Große Maschinen wie diese seien am schlimmsten, sagt Dietrich, die würden seit einiger Zeit verstärkt eingesetzt, weil der Flughafen total überlastet sei. Solange am BER immer noch gebaut wird, muss weiter über Tegel geflogen werden – einem Flughafen, der Anfang der 1970er Jahre entstanden und für diesen Verkehr überhaupt nicht ausgelegt ist: 500 Starts und Landungen gibt es jetzt jeden Tag. So viele wie nie zuvor.

Deutschlandweit am meisten Menschen betroffen

Keine Behörde in Deutschland würde Berlin-Tegel in seiner jetzigen Form mehr genehmigen – wegen der Lärmbelastung für die Anwohner. Früher jedoch hatten die alliierten Siegermächte in der Frontstadt das Sagen. Man brauchte schlicht einen Flughafen, der innerhalb des Westberliner Mauerrings lag. An keinem anderen Airport in Deutschland, das sagt das Umweltbundesamt, leiden deshalb heute so viele Anwohner unter dem Lärm der Turbinen. Mehr als 300.000 Menschen sind betroffen, so viele wie in ganz Münster leben.

Fluglärm durch Tegel

Insgesamt sind geschätzt 275.800 Menschen im Einzugsbereich des Flughafens Tegel von Fluglärm betroffen, der bis zu 90 Dezibel erreichen kann.

11:14 Uhr, wieder ein Airbus. In den Wohngebieten direkt an der Start- und Landebahn werden Lärmpegel von mehr als 80 Dezibel erreicht. So laut ist auch ein Presslufthammer, wenn man gleich daneben steht. Schon ab 60 Dezibel ist die Gesundheit nach Erkenntnissen des Umweltbundesamtes beeinträchtigt. Helmut Möller und Klaus Dietrich kennen das: Schlafstörungen, Herzrhythmusprobleme, Tinnitus. Das alles seien Beschwerden, über die die Menschen in den betroffenen Gegenden klagten. Auch werde das Nachtflugverbot häufig nicht eingehalten, für spezielle Flüge gelte es gar nicht. "Manche nutzen den Postflieger nachts für eine Pinkelpause", sagt Möller.

In Berlin-Mitte hört man von den Tegel-Fliegern nichts. Hier hängen fast an jedem Laternenmast die Plakate der FDP, auf denen Volksentscheid und Bundestagswahl seltsam zu einem Thema verschmilzen: "Tegelretter" steht dort pink auf gelb, darüber in schwarz-weiß das Gesicht von Christoph Meyer, dem Berliner Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl. Die FDP plädiert schon lange für den Weiterbetrieb von Tegel, sie hat den Volksentscheid initiiert, obwohl seit 1996 feststeht, dass der Flughafen geschlossen werden soll.

"Zu Metropole gehört gewisser Lärm"

Der Tegelretter Meyer hat in sein Büro eingeladen, auch drinnen dominiert das knallige Gelb an den Wänden. Was also hat Tegel mit der Bundestagswahl zu tun? Meyer schlingert wie ein Flieger mit Seitenwind vor der Landung. Es sei eben günstig gewesen, die Termine der beiden Abstimmungen zusammenzulegen. Aber einen direkten Zusammenhang für ihn als Bundestagskandidaten gebe es nicht. Was Meyer nicht sagt: Wenn die Berliner zur Bundestagswahl an die Urnen kommen, dürften auch deutlich mehr Menschen am Volksentscheid teilnehmen als üblicherweise. Und das steigert die Chance der FDP, die erforderliche Mindestbeteiligung zu erhalten.

Meyers Position zur Lärmfrage in Tegel hingegen ist deutlich. "Es hilft nur Ehrlichkeit", sagt der FDP-Kandidat. "Zu einer Metropole gehört eben auch dazu, dass es einen gewissen Lärm gibt." Sollten sich die Berliner also für Tegel entscheiden, müsse eben der Schutz für die Anwohner verbessert werden, das sei ohnehin rechtlich erforderlich. Durch bessere Verglasung und Dämmung. Und was, wenn die Menschen mal ein Fenster öffnen oder auf dem Balkon sitzen möchten? Meyer entgegnet, Langstreckenflüge könnten künftig ausschließlich über den neuen BER gehen, für die benötigt man große und laute Maschinen. Von Tegel aus sollte dann nur innerhalb Europas geflogen werden.

Der FDP-Kandidat streckt jetzt seine Hand flach aus, lässt sie wie ein Flugzeug steil vom Bürotisch abheben. Auch der Winkel für den Start der Flieger in Tegel könne geändert werden, sagt er. Die Piloten müssten steiler ansteigen, sodass weniger Menschen von dem Lärm betroffen seien. Das werde zum Beispiel auch in Washington D.C. so gehandhabt. Allerdings braucht man dazu bestimmte Maschinen, auch die Piloten müssen speziell ausgebildet sein. In der Praxis bedeutet das: viel Aufwand und zusätzliche Kosten für die Fluggesellschaften.