Die Hälfte des Jahres arbeiten die Menschen in Deutschland nur für den Staat, 2017 lag der sogenannte Steuergedenktag am 19. Juli. Die bis dahin verdiente Summe ist für Steuern und Sozialabgaben draufgegangen. Vor jeder Bundestagswahl hoffen viele Bundesbürger daher auf eine Wende nach der Stimmabgabe. Und geht es ums Geld der Bürger, versuchen die Parteien die Wähler mit eindeutigen und verständlichen Konzepten zu überzeugen. Sollte man denken. 

Steigt man aber tiefer in ihre steuerpolitischen Modelle ein und vergleicht sie miteinander, wird es schnell unübersichtlich. Die Versprechen sind zahlreich, manche ähneln oder decken sich gar. Die CDU verspricht Entlastung für alle, ebenso die FDP. Die Linke will an die Vermögen ran, die Grünen verkünden zwölf Milliarden mehr für Familien, die SPD will Erben weiter besteuern, die AfD die Mehrwertsteuer senken, die FDP die Kinderfreibeträge erhöhen – wie die CDU auch.

Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den Wahlprogrammen. Sich davon für die Wahlentscheidung am 24. September leiten zu lassen, ist wegen des Wirrwarrs entsprechend schwierig.

Bundestagswahlkampf - Das FDP-Programm in einer Minute Wie viel Neues steckt in der FDP? Mark Schieritz, Korrespondent im Hauptstadtbüro der ZEIT, erklärt, wie sich die Partei auch in ihrer Europapolitik unterscheidet. © Foto: Jan Lüthje

Es geht in Deutschland immerhin um eine Abgabenquote von 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Zu verteilen wäre also einiges, denn die Steuereinnahmen steigen. 732 Milliarden Euro erzielen Bund, Länder und Kommunen in diesem Jahr. Am Ende der nächsten Wahlperiode, 2021, werden es 852 Milliarden Euro sein. Die Parteien gehen damit entsprechend ihrer Klientel unterschiedlich um.

Wie allgemein entlastet werden soll

Am stärksten von allen umworben sind die Normalverdiener. Nur die Union verspricht, alle Einkommensgruppen zu entlasten, um 15 Milliarden Euro, bezieht also auch die Reichen mit ein. Wie genau, wird aber nirgends näher ausgeführt. Die SPD sagt dem sogenannten Mittelstandsbauch der Steuerkurve den Kampf an, durch den die Steuerbelastung im unteren Einkommensbereich besonders schnell ansteigt. Würde er vollständig beseitigt, entlastete das die Steuerpflichtigen um jährlich 35 Milliarden Euro, haben Fachleute des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) errechnet.

Doch mehr als die Hälfte davon würde den einkommensstärksten 20 Prozent der Bevölkerung zugutekommen. Korrekturen am Eingangssteuersatz und ein erhöhter Grundfreibetrag – wie ihn die linken Parteien und die AfD vertreten – könnten Steuerzahler dagegen weit stärker entlasten, DIW-Finanzexperte Stefan Bach spricht von bis zu 60 Milliarden Euro.

Auch die FDP will die Steuerkurve so verschieben, dass nicht schon Durchschnittsverdiener unter den Spitzensteuersatz fallen und spricht sogar von 30 Milliarden Euro Entlastung. Fachleute des DIW warnen: Mit solchen Senkungen des Einkommensteuertarifs gehen schnell beträchtliche Steuerausfälle einher, weil auch die besserverdienenden Steuerzahler davon profitieren.

Heikel ist an all diesen Plänen, dass sie ohne Zustimmung der Bundesländer nicht realisierbar sind. Und die Länder haben bisher im Bundesrat sämtliche Einnahmeausfälle abgelehnt.   

Auch der Wegfall des Solizuschlags – 5,5 Prozent auf die Lohnsteuer – gehört zu den Plänen mehrerer Parteien: Union und FDP wollen ihn weg haben, die FDP schon bis 2019, die Union schrittweise ab 2020, also kurz vor der nächsten Wahl. Mit dem Soli würde der erhebliche Betrag von 18 Milliarden Euro Steuern jährlich ausfallen, sagt DIW-Fachmann Stefan Bach. "Das entlastet nur die Oberschicht." Die SPD schränkt ein: Sie will den Soli nur für kleine und mittlere Einkommen kippen, bis 52.000 Euro (Singles, 104.000 Euro für Paare), 10 Milliarden Euro Entlastung erwartet die SPD. 

Bundestagswahlkampf - Das CDU-Programm in einer Minute Mark Schieritz, Korrespondent im Hauptstadtbüro von DIE ZEIT, arbeitet die Unterschiede zur SPD für Sie heraus. © Foto: Jan Lüthje/ZEIT ONLINE