"No deal is better than a bad deal" – mit diesem Satz machte die britische Premierministerin Theresa May Anfang des Jahres klar: Notfalls tritt Großbritannien auch ohne Übereinkunft aus der EU aus. Betrachtet man die bisherigen Verhandlungen, erscheint das durchaus möglich. Mehr als ein Jahr nach dem britischen Referendum stecken die Gespräche fest. Die fünfte Runde wurde am Donnerstag ohne Ergebnis beendet.

Die meisten Fragen sind immer noch offen: Was passiert mit den EU-Bürgern in Großbritannien nach einem Austritt? Was ist mit Abkommen wie Euratom, bleiben die Briten dabei? Wie wird die Grenze zwischen Irland und Nordirland künftig kontrolliert? Nichts davon ist klar.

Wie konnte es so weit kommen? Die optimistische Antwort: Die britische Regierung und mit ihr die EU brauchen mehr Zeit, um herauszufinden, welche Art von Brexit sinnvoll ist und und wie er umgesetzt werden kann. Das Ganze ist höllisch kompliziert. Die pessimistische Antwort: Die Regierung in London ist über die richtige Strategie zerstritten. Die Debatte in Großbritannien wird nicht von Sach-, sondern von Machtfragen dominiert. Premierministerin Theresa May ist nach den verpatzten Neuwahlen angeschlagen – die Debatte um eine mögliche Nachfolge hat bereits begonnen. ZEIT ONLINE stellt die wichtigsten Personen in der britischen Brexit-Debatte vor. Was wollen sie? Wo stehen sie?

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Boris Johnson

Johnson ist Außenminister und wie kein anderer scharf auf den Posten des Premierministers. Er wirkt kumpelhaft, ist aber gleichzeitig sehr ehrgeizig, wenn es um seine Karriere geht. Er zählt sich zur politischen Elite (Eton, Oxford), ist seit 2001 Politiker bei den Tories und war von 2008 bis 2015 Londons Bürgermeister. Seit der verpatzten Wahl im Juni gibt sich der ehemalige Journalist als Brexit-Hardliner. So will er die Unterstützung der Euroskeptiker in der Partei gewinnen, sollte May gestürzt werden.

Johnson ist Narzisst, er liebt den Applaus. Der ehemalige Finanzminister Kenneth Clarke bezeichnete ihn mal als einen »netteren Trump«. Johnsons Behauptungen über den Brexit und die Folgen (»350 Millionen Pfund für den britischen Gesundheitssektor«) wurden immer wieder als falsch entlarvt. Aber Johnson stört das nicht.

Für ihn scheint Politik, ja das ganze Leben, eine Fortsetzung des Debattierclubs der Oxford University zu sein, wo man spielerisch Positionen vertritt, hinter denen man eigentlich gar nicht steht. So änderte Johnson seinen Namen (eigentlich Alexander), seine Frauen, seine Konfession und nicht zuletzt seine politischen Positionen mit einer fast beiläufigen Leichtigkeit.

Jetzt greift er May an und formulierte vor dem Tory-Parteitag Bedingungen für den Brexit. Dabei wusste er genau, dass die Premierministerin sie nicht einhalten kann. Danach rief Johnson dazu auf, May nicht hängen zu lassen. Sie hatte gehofft, ihn mit der Zwangsjacke des Außenministers daran hindern zu können, gegen sie zu agitieren. Aber das war eine Fehleinschätzung: Als Kandidat für den Posten des Premierministers muss er ernst genommen werden.

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Philip Hammond

Hammond ist seit 13. Juli 2016 Schatzkanzler im Kabinett von Theresa May, grau, höflich, und zurückhaltend. Hammond hat in Oxford Philosophie, Politik und Volkswirtschaft studiert. In der Brexit-Debatte gibt er sich besonnen und rational – alles Eigenschaften, die in der britischen Politik zurzeit nicht sehr gefragt sind. Deshalb kommt er auch nicht als möglicher May-Nachfolger infrage, auch wenn er unter David Cameron Verteidigungs- und Außenminister war. Eigentlich ist er nur noch im Kabinett, weil May es nach der verlorenen Neuwahl nicht gewagt hat, ihn abzusetzen.

Hammond ist der einzige im Kabinett, der auf einen möglichst weichen Brexit drängt, auf eine lange Übergangsphase, auf eine enge Koppelung Großbritanniens an den EU-Binnenmarkt und die Zollunion. Für ihn spielt die britische Wirtschaft mit ihren Arbeitsplätzen die wichtigste Rolle in den Verhandlungen mit Brüssel und nicht die Frage nach den Einwanderern.

Hammond kämpft gegen einen harten Brexit, wie in Boris Johnson will, und macht im Haushalt kein Geld für einen Plan B frei – einem Austritt ohne Übereinkunft mit der restlichen EU. Unter den Brexit-Befürwortern der Tories und in der rechtskonservativen Presse ist Hammond deshalb nicht gut gelitten. Letztere haben ihn »Spreadsheet-Phil« getauft – ein Erbsenzähler, der schlechte Stimmung gegen den Brexit verbreitet. Denn Einwände gegen den Brexit sind für viele konservative Medien illoyal, sie kommen einem Verrat am Willen des Volkes gleich. Die Murdoch-Presse behauptet, Hammond habe Boris Johnson seine Unterstützung signalisiert, sollte dieser für den Posten des Premierministers kandidieren. Bedingung: Hammond wolle weiter Schatzkanzler bleiben.

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Michael Gove

Gove ist Euroskeptiker und Neokonservativer. Nach dem Studium in Oxford wurde er erst mal Journalist, jetzt ist er Umwelt- und Landwirtschaftsminister. Gove ist ein Freund von Rupert Murdoch und Kolumnist bei der Times. Er fiel dem damaligen Premierminister David Cameron in den Rücken, als sich die öffentliche Meinung vor der Brexit-Abstimmung gegen die EU drehte. Plötzlich kam der gute Freund Camerons, mit dem der gerade noch Weihnachten gefeiert hatte, als Brexit-Befürworter aus der Deckung. Es war die »schwerste Entscheidung meiner politischen Laufbahn«, sagte Gove.

Der 50-Jährige hält nicht viel von der Skepsis vieler Ökonomen, ein EU-Austritt könne Großbritannien schwer schaden. Gove will raus aus der Zollunion, raus aus dem Binnenmarkt, raus aus all dieser EU-Bürokratie, die das Land aus seiner Sicht nur fesselt: Der Brexit sei ein Befreiungsschlag, der Startschuss für neue Freihandelsabkommen mit dem Rest der Welt.

Gove argumentiert klüger als Cameron und ist eloquenter als Boris Johnson. Er gilt deshalb als der Intellektuelle unter den Brexit-Befürwortern. Aber er ist unberechenbar in seinem Ehrgeiz. Er fiel Johnson in den Rücken, dessen Kandidatur zum Premierminister er eigentlich unterstützen sollte, nur um dann selbst zu kandidieren. Die Briten lieben den Verrat, aber nicht die Verräter. Theresa May bekam den Job. Und sie ließ Gove links liegen, nahm ihn nicht in ihr Kabinett auf. Dann kam Rupert Murdoch, schusterte Gove mit der Times – neben der Bild-Zeitung – das erste Interview mit dem neuen US-Präsidenten Donald Trump zu. Mit dem ließ sich Gove gleich in Siegerpose fotografieren. Murdoch setzte nach britischen Medienberichten derweil die geschwächte May unter Druck, Gove wieder in ihr Kabinett aufzunehmen.

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Amber Rudd

Rudd ist seit Juli 2016 Innenministerin im Kabinett von Theresa May. Sie hat in Edinburgh Geschichte studiert, in London und New York bei JP Morgan gearbeitet (ihr Vater war Aktienmakler), später ging sie in die Politik. Ihr werden ernsthafte Ambitionen auf den Posten der Premierministerin nachgesagt. »Ich will nicht, dass der Brexit ihm (Boris Johnson) überlassen wird«, sagt sie. Rudd ist May gegenüber loyal, sie schnauzte Johnson an, als der auf dem Parteitag nicht schnell genug reagierte, um May mit stehendem Applaus zu unterstützen.

Die 54-Jährige wäre keine leichte Wahl für den Posten des Premierministers. Sie ist in der Partei umstritten und hat ihren Wahlkreis nur mit einer hauchdünnen Mehrheit von 346 Stimmen gewonnen. Rudd ist fachlich gut und schlagfertig. Im Wahlkampf stand deshalb auch sie und nicht May vor den Kameras.

Sie behauptet sich bravourös gegen ihre politischen Widersacher und hätte auch das Zeug dazu, in der breiten Öffentlichkeit Anerkennung zu gewinnen. Rudd ist beim Thema Brexit eher auf der Seite von Philip Hammond, hält sich aber mit konkreten Positionen und Aussagen zurück. Auch sie taktiert und sagt, May solle nicht zurücktreten – was zugleich das Eingeständnis ist, dass die Führungsfrage auch im Kabinett gestellt wird.

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David Davis

Davis ist seit Juli 2016 Minister des neu konzipierten Brexit-Ministeriums (Department for Exiting the European Union), im Gegensatz zu David Cameron und George Osborne kein Eton- und Oxford-Abgänger, sondern aus dem Rang »einfacher Leute«. Seine Großeltern zogen ihn in einer Sozialwohnung auf, er studierte in Warwick, an der London Business School und Informatik in Harvard. Davis ist seit 30 Jahren Parlamentarier, ein Konservativer, der aber nie mit David Cameron zurechtkam und deshalb fast zehn Jahre lang in der zweiten Reihe blieb.

Davis steht beim Brexit zwischen den Hardlinern auf der einen Seite und dem Remainer Philip Hammond auf der anderen Seite. Davis ist euroskeptisch, was ihn aber nicht davon abhielt, als Europa-Minister unter dem ehemaligen britischen Premierminister John Major zu arbeiten. Er hat politische Ambitionen, wollte zweimal Parteichef werden, was ihm aber nicht gelang. Er ist Theresa May gegenüber loyal, weil sich ihn derzeit nur etwa 20 Prozent der Konservativen Parlamentarier als künftigen Premierminister vorstellen können.

Auch Davis ist ein Populist, von dem lautstarken Flügel der Euroskeptiker in der Partei abhängig und predigt daher: raus aus der Zollunion, keine Mitgliedschaft im Binnenmarkt, möglichst geringe Zahlungen an die EU, keine Freizügigkeit der Arbeitskräfte. Allerdings schwindet gerade sein Einfluss, denn der ehemalige Staatssekretär im Brexit-Ministerium, Oliver Robbins, ist nun im Büro der Premierministerin einfach näher dran: Als Berater und Sherpa in EU-Fragen berichtet er direkt an May und baut dort ein Team für Brexit-Fragen auf höchster Ebene auf. Robbins ist realistischer als Davis, der bisher nicht ein einziges Papier veröffentlicht hat, wie der Brexit Wirtschaftsbranchen in Großbritannien treffen würde.

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Jeremy Corbyn

Corbyn ist Labour-Politiker und Oppositionsführer, Linker, selbst erklärter demokratischer Sozialist, zwang die Partei zum Bruch mit New Labour unter Tony Blair und Gordon Brown. Von der Jugend, die den real existierenden Sozialismus nicht mehr kennt, wird er bejubelt, und auch von all denen, die vom neoliberalen Boom der vergangenen Jahrzehnte nicht profitiert haben.

Aber gerade deshalb kann der 68-Jährige keine Opposition zu den vom Brexit besessenen Konservativen formieren. Labour hat den ärmeren Bevölkerungsschichten, vor allem in den abgehängten Industrieregionen im Norden, eingeredet, dass es ihnen nach dem Brexit besser gehen werde: weniger Einwanderer, mehr Gerechtigkeit außerhalb der EU, Verstaatlichungen, Umverteilung, ein Ende der Sparpolitik.

Diese Wähler darf Corbyn nicht enttäuschen. Aber er will es auch gar nicht. Corbyn war immer Euroskeptiker, hat 1975 gegen die EU gestimmt, 1993 gegen den Maastricht-Vertrag, 2008 gegen die Lissabon-Verträge, von Beginn an eine Volksabstimmung über einen Brexit unterstützt. Seine Kampagne für Großbritanniens Verbleib in der EU war daher wenig überzeugend. Und er zwang seine Labour-Abgeordneten, für Großbritanniens Austritt aus der EU nach Artikel 50 zu stimmen. Auch mit Corbyn gäbe es einen Brexit.

Hat Labour eine Chance, den nächsten Premierminister zu stellen? Gäbe es Neuwahlen, würde Labour voraussichtlich gewinnen, da die Wähler endgültig das Vertrauen in die zerstrittenen Tories verlieren. Und Corbyn kommt an, weil er nicht dem elitären und stromlinienförmigen Establishment der britischen Politik angehört. Gerade als Außenseiter hat er Profil gewonnen. Aber die Wirtschaft fürchtet die sozialistische Politik, die Corbyn, gemeinsam mit seinem derzeitigen finanzpolitischen Sprecher, dem Marxisten John McDonnell, plant.

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Gina Miller

Miller ist Juristin, Geschäftsfrau und heimliche Hoffnung der Brexit-Gegner in Großbritannien. Sie war maßgeblich daran beteiligt, die britische Regierung zu zwingen, sich beim Brexit an demokratische Prinzipien zu halten. Aus Angst vor Protest im Parlament hatte Theresa May den Brexit einfach durchwinken wollen, ohne vorher die Abgeordneten anzuhören. Miller verhinderte das: Sie erwirkte vom Obersten Gerichtshof einen Beschluss, der im Parlament eine Abstimmung über Artikel 50 erzwang.

Miller ließ sich von den Brexit-Fanatikern beschimpfen, hinter ihrer Eleganz und Eloquenz verbirgt sich ein eisenharter Wille. Jetzt muss sie sich mit Morddrohungen auseinandersetzen: »5.000 Pfund für die erste Person, die einfach mal ›zufällig‹ über diese bescheuerte Einwanderin fährt, die nichts als nur Ärger macht«, sagte beispielsweise der britische Adelige Rhodri Philipps. »Wenn die Flüchtlinge uns so was bringen, schickt sie doch einfach in ihren beschissenen Urwald zurück.« Aber Philipps landete nach einer Klage im Gefängnis, und Miller machte weiter. Das sei sie ihrem Vater, einem ehemaligen Staatsanwalt in Britisch-Guayana, schuldig, sagt sie.

Warum geht Miller nicht selbst in die Politik? Die 52-jährige Juristin kann schlüssiger argumentieren als viele Politiker, scheut keine Fachfragen, hält harte Debatten aus. Aber sie weiß, wie verhasst sie bei den Konservativen ist. Von Labour hat sie sich abgewendet, hat bei der Wahl im Juni die Liberalen gewählt. Und die haben in Großbritannien keine Chance.

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James Dyson

Dyson ist der Erfinder des beutellosen Staubsaugers, Guru der britischen Hightech-Industrie, Multimilliardär, Unternehmer. Er war einer der wenigen Geschäftsleute aus der britischen Industrie, die vor der Volksabstimmung 2016 für den Brexit warben. Er wurde so zum Aushängeschild der EU-Gegner. »Ist doch egal, wenn wir kein Handelsabkommen mit der EU kriegen – die Zölle der Welthandelsorganisation sind völlig okay«, behauptet Dyson. »Bloß raus aus der EU.«

Der gelernte Innenarchitekt und Ingenieur belächelt die Argumente der Brexit-Gegner, denn Dyson hasst die EU, obwohl er mit seinen Staubsaugern in Deutschland Marktführer ist. Brüssel prüfe den Energieverbrauch von Staubsaugern auf eine Art und Weise, die nicht zeige, wie viel besser die Dyson-Staubsauger seien, behauptet der 70-Jährige. Das geschehe alles auf Geheiß der deutschen Industrie. 2014 schimpfte Dyson, er werde für den Brexit stimmen, »damit wir nicht mehr von den Deutschen beherrscht und rumkommandiert werden«.

Mit neuen Zöllen und einer deutlichen Pfund-Abwertung hätten dagegen deutsche Staubsauger in Großbritannien einen schwereren Stand. Dyson gibt sich als englischer Super-Unternehmer, obwohl er die Produktion seiner Staubsauger 2003 nach Malaysia auslagerte. Nun will er sogar Elektroautos bauen.

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Jacob Rees-Mogg

Rees-Mogg ist seit 2010 Abgeordneter der Konservativen Partei, ultrarechts, Brexit-Prediger. Er ist der Gegenpol zu Jeremy Corbyn auf der linken Seite des politischen Spektrums: So wie Corbyn der politischen Jugend den Sozialismus als heilbringende Ideologie predigt, so fasziniert Rees-Mogg die jugendlichen Konservativen mit seinem reaktionären Populismus.

Die Argumente des 48 Jahre alten Familienvaters sind holzschnittartig: Brüssel lege Großbritannien Fesseln an, sagt Rees-Mogg. Nur außerhalb der EU werde die britische Jugend ihre Chancen wahrnehmen können. Für Rees-Mogg hat der Brexit eine ähnlich historische Bedeutung wie die Unterschrift unter die Magna Carta.

Der ehemalige Eton-Schüler und Oxford-Student (Geschichte) hat kein Problem damit, elitär zu wirken. Er investierte schon als Jugendlicher in Aktien und lässt sich seine Nadelstreifen-Tweed-Welt nicht von Schwulen- und Lesben-Ehen oder Abtreibungen verleiden (das gehört sich alles nicht).

In Umfragen unter Tory-Mitgliedern, wer der nächste Parteichef werden sollte, landet er regelmäßig auf den oberen Plätzen. Anfang Oktober kamen mehr als 600 Unterstützer in Manchester zusammen, um Rees-Moggs Brexit-Strategie zu hören. Gleichzeitig sprachen die Tory-Minister auf dem Parteitag vor halbleeren Hallen. Einige sehen in ihm schon eine Art rechten Macron – die britische Presse taufte seine Bewegung »Moggmentum«. Bislang gibt sich Rees-Mogg aber May-treu: Die gesamte Konservative Partei müsse sich hinter sie stellen und ihre Strategie stützen, sagt er.

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Grant Shapps

Shapps gehört dem rechten Flügel der Konservativen an und war von 2012 bis 2015 Parteichef. Seit der von Theresa May verpatzten Wahl und erst recht nach ihrer aus seiner Sicht falschen Rede in Florenz arbeitet er gegen sie. 30 Parlamentarier habe er im Rücken, die bereit seien, ein Misstrauensvotum gegen May zu starten, behauptete er.

Selbst wenn dies stimmt, es würde nicht ausreichen. Shapps braucht 48 Abgeordnete, damit es für May gefährlich wird. Aber die Abgeordneten zögern, sind gespalten, wissen nicht, ob das Chaos in der britischen Regierung mit Boris Johnson noch schlimmer und vielleicht am Ende Jeremy Corbyn eine mögliche Neuwahl gewinnen würde. Shapps hat in dieser Situation nicht das politische Gewicht, um den May-Widerstand zu ordnen und anzuführen. Der mittlerweile 49 Jahre alte Abgeordnete hat sich seit seinem Rücktritt 2015 unter Premierminister David Cameron nicht wieder profilieren können. Und ein Mann der Zukunft ist er nicht.

Beim Referendum hat Shapps nach eigenen Angaben für einen Verbleib in der EU gestimmt. Mittlerweile spricht Shapps sich offen für einen Brexit aus: »Die größte Freihandelsnation der Welt zu werden, ist eine Vision, an die ich glauben kann.«

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Theresa May

Nach Margaret Thatcher die zweite Frau im Amt der Premierministerin in Großbritannien. Selten hat sich ein Regierungschef im Amt so verkalkuliert (unnötig eine Wahl ausgerufen, die der Partei die Mehrheit kostete), auf die falschen Berater gehört, zu wenig auf Kritik reagiert. Wäre die Konservative Partei über den Austritt Großbritanniens aus der EU nicht so zerstritten, wären andere, überzeugende Kandidaten für den Posten des Premierministers da; wäre die Attraktion des Oppositionsführers Jeremy Corbyn nicht so groß, wäre sie wahrscheinlich schon längst nicht mehr Premierministerin.

Theresa May (Studium der Geografie an der Oxford University) arbeitet hart, ist gewissenhaft und wäre in ruhigen Zeiten vielleicht sogar eine gute Frau an der Spitze des Königreiches. Aber nicht in einer Zeit, in der sich die Konservative Partei mit Blick auf die Spaltung des Landes in Arm und Reich neu definieren muss und erst recht nicht im Tumult des Brexit.

Erst unterstützte sie aus Opportunismus halbherzig das Remain-Lager, dann wechselte sie aus dem gleichen Opportunismus auf die Seite der Hardliner. Viele ihrer alten Berater hat sie mittlerweile entlassen. Jetzt hat der Brexit-Fachmann Oliver Robbins das Sagen in EU-Fragen und siehe da: Woche um Woche gibt Theresa May plötzlich eine Hardliner-Position nach der anderen auf: Mittlerweile scheint sogar eine Übergangsfristfrist von mindestens zwei Jahren möglich. Die Krönung: Als May jetzt gefragt wurde, ob sie bei einer zweiten Volksabstimmung für den Brexit stimmen würde, wich sie der Frage aus. Sie hat längst verstanden, wie schädlich und absurd all das ist, was die Tories ihrem Land zumuten.