Ersetzen virtuelle Währungen wie der Bitcoin irgendwann klassische Währungen? Die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, hält das für möglich. Auf einer Konferenz der Bank of England in London sagte Lagarde, dass virtuelle Währungen in den nächsten 20 Jahren nationale Währungen ablösen könnten.

Demnach seien virtuelle Währungen derzeit noch keine Alternative für klassische Währungen, weil sie zu "schwankend, zu riskant, zu umständlich" und die ihnen zugrunde liegenden Technologien noch nicht ausgereift seien. Langfristig gesehen könnte sich dies aber ändern: Kryptowährungen könnten, so Lagarde, eine eigene Rechnungseinheiten mit eigenen Zahlungsmethoden werden. "Sie erlauben unmittelbare Transaktionen ohne zentrale Verrechnungsstelle, ohne Zentralbanken", sagte Lagarde, die seit 2011 IWF-Chefin ist.

Der IWF-Direktorin zufolge könnten gerade Länder mit schwankenden Währungen und schwachen Institutionen davon profitierten, indem sie ihre eigene Währung nicht nach dem Dollarkurs ausrichten, sondern nach einer virtuellen Währungseinheit. Eines Tages könnten Kryptowährungen "einfacher und sicherer" sein als physische Geldeinheiten.

Auf Dauer könnten sie sich zudem als stabiler erweisen. "Die Ausgabe könnte gänzlich transparent erfolgen und von einer vorher festgelegten, glaubwürdigen Regel gesteuert werden; von einem Algorithmus, der stetig kontrolliert werden könnte", sagte Lagarde. Auch eine "smart rule", die Änderung makroökonomischer Umstände berücksichtigt, könnte an die Stabilität solcher Währungen geknüpft sein.

Bedarf in der "shared economy"

Laut Lagarde gebe es gerade in Ländern, in denen eine dezentrale "shared economy" existiert, einen Bedarf nach neuen Zahlungsmethoden. Diese Wirtschaften basierten auf unmittelbaren Zahlungen zwischen Einzelpersonen. Diese würden zum einen häufig und zum anderen oft über Grenzen hinweg durchgeführt werden, ohne dass große Geldsummen fließen.

"Nehmen Sie die vier Euro für Hinweise eines Gärtners aus Neuseeland oder das Geld für eine professionelle Übersetzung eines japanischen Gedichts […] Diese Zahlungen können heute mit Kreditkarten und E-Money-Methoden durchgeführt werden." Die Gebühren seien aber angesichts der kleinen Beträge sehr hoch, gerade wenn es sich um Überweisungen ins Ausland handelt. Kryptowährungen wären hierfür praktischer.

Die derzeit bekannteste virtuelle Währung ist der Bitcoin. Er wurde 2008 von einem Mann mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto gegründet. Beim Bitcoin existieren weder Scheine noch Münzen, sondern lediglich digitale, verschlüsselte Datenblöcke, die einen bestimmten finanziellen Realwert einnehmen. Der Bitcoin gilt als besonders stabil, weil bei der Gründung die Umlaufmenge auf eine Obergrenze von 21 Millionen fixiert wurde.

Technologische Entwicklungen nicht verschlafen

Lagarde verglich virtuelle Währungen mit dem Internet und warnte davor, die technologischen Entwicklungen nicht zu verschlafen. "Vor nicht allzu langer Zeit haben Experten behauptet, dass sich persönliche Computer nicht durchsetzen werden, und dass Tablets nur als teure Kaffeetabletts genutzt werden würden." Deshalb sei es nicht weitsichtig, virtuelle Währung bereits im Vorfeld abzulehnen, so Lagarde.

In ihrer Rede, die "Central Banking and Fintech – A Brave New World?" überschrieben ist, wirft Lagarde die Frage auf, wie neue finanzielle Technologien Zentralbanktätigkeiten in der nächsten Generation verändern werden. Neben Kryptowährungen nennt Lagarde auch künstliche Intelligenz und neue Modelle der Finanzvermittlung als Herausforderungen, die die Finanzbranche nachhaltig verändern werden.