Es waren zwei Worte, die die Landwirtschaftsbranche auf Jahre erschüttern sollten: "wahrscheinlich krebserregend". So bezeichnete eine Untergruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) das weitverbreitete Herbizid Glyphosat. Aktivisten riefen zum Boykott, viele Politiker forderten das sofortige Verbot. Was folgte, war eine der heftigsten Debatten über die Praktiken europäischer Landwirte seit Langem.

Oft ging es dabei exklusiv um die möglicherweise krebserregende Wirkung des Pflanzenschutzmittels – um die Zukunft der Landwirte ging es selten. Für sie ist Glyphosat eines der wichtigsten Hilfsmittel überhaupt. Ein endgültiges Verbot würde einen Großteil von ihnen wirtschaftlich hart treffen. Gerade deswegen dürfte sie die aktuelle Position der EU-Kommission erschüttert haben. Sie will Glyphosat noch maximal sieben Jahre zulassen. Dann soll der Unkrautvernichter vom Markt verschwinden. Im schlimmsten Fall, also wenn die entsprechenden Ausschüsse sich nicht auf eine Verlängerung einigen können, läuft die Zulassung sogar Ende dieses Jahres aus.

Für die europäischen Bauern gleicht das einer Katastrophe. "Die Erforschung und Zulassung von neuen Wirkstoffen dauert im günstigsten Fall zehn bis 15 Jahre", beklagt Michael Lohse vom Deutschen Bauernverband. Kurzfristig werden die Landwirte auf teurere Pflanzenschutzmittel zurückgreifen müssen. Die Konsequenz: Billige Auslandsware könnte die Produkte deutscher Bauern verdrängen. Forscher der Universität in Gießen gehen in der Folge von einem europaweiten Schaden von 1,4 bis 4,2 Milliarden US-Dollar aus, sollte das Pflanzengift verboten werden.

Einmal sprühen und das Thema Unkraut ist abgehakt

Bisher ist die konventionelle Landwirtschaft stark abhängig von Glyphosat, dem am häufigsten verkauften Herbizid der Welt. 800.000 Tonnen werden jährlich produziert, was ungefähr ein Drittel aller Pflanzenschutzmittel der Welt ausmacht. In vielen Ländern findet man den Wirkstoff auf nahezu jedem Feld. In Deutschland ist die Verbreitung überschaubarer, aber dennoch breitflächig. Mehr als 5.000 Tonnen sprühen die Bauern hierzulande jedes Jahr auf ihre Felder. Rund 40 Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen behandeln sie mit dem Unkrautvernichter. Bei Wintergerste oder auch Winterweizen sind es bis zu 70 Prozent aller Flächen, die dem Pflanzengift ausgesetzt sind.

Zum Einsatz kommt Glyphosat insbesondere, weil es günstig und nahezu überall einsetzbar ist. Landwirte nutzen das Hilfsmittel etwa, um Obst und den Wein frei von Sträuchern zu halten, auf Raps- oder Maisfeldern den Wildwuchs zu schmälern oder nach der Ernte das Feld möglichst rasch unkrautfrei zu bekommen. Für sie gilt: Einmal sprühen und das Thema Unkraut ist abgehakt. Das spart die aufwendige und kostenintensive Arbeit mit dem Pflug.

Mit dem Verbot von Glyphosat könnte das vorbei sein. Christoph Schäfers, Professor am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie in Schmallenberg beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und sagt: "Es gibt zurzeit kein chemisches Mittel, das so effektiv ist wie Glyphosat. Entweder sind die Ersatzstoffe toxischer oder unwirksamer oder beides." Dementsprechend sei es nicht verwunderlich, dass sich das Schutzmittel so breitflächig durchgesetzt habe. Ein weiterer Grund sei zudem, dass die Nebenwirkungen eigentlich sehr gering seien. Das wurde auch jahrelang von allen Behörden bestätigt, bis der Bericht der WHO eine Debatte um den Unkrautvernichter auslöste. Von der Nutzung abgehalten hat es die meisten Bauern aber nicht.

Produktion wandert ins Ausland oder die Preise steigen

Dass Glyphosat eines der wichtigsten Instrumente in der Bodenbearbeitung ist, bestätigen gleich mehrere Studien. Die Forscher der Gießener Universität fanden bereits 2012 heraus, dass ein Verbot des Unkrautvernichters weitreichende Konsequenzen für die deutschen Landwirte haben würde. Die Betriebskosten könnten um bis zu elf Prozent steigen. Insbesondere zusätzliche Maschinen und Arbeit würden ins Gewicht fallen. Das führt nicht nur zu Mehrkosten für die Betriebe. Der Pflugeinsatz würde den Boden auch deutlich mehr als bisher strapazieren, sagt Lohse vom Bauernverband. "Die Gefahr von Bodenverdichtungen steigt", sagt er. Das hätte eine schlechtere Luft- und Wasserversorgung von Pflanzen und Mikroorganismen zur Folge und würde die Bewirtschaftung deutlich erschweren.

Das Julius-Kühn-Institut (JKI) kommt zu ähnlichen Einschätzungen. Die Einrichtung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft spricht von einem Rückgang des Deckungsbeitrags von im Schnitt 40 Euro pro Hektar. Deckungsbeitrag bedeutet in diesem Fall: der Erlös, den ein Landwirt nach Abzug der Produktionskosten erwirtschaftet. Hochgerechnet auf die genutzte Landwirtschaftsfläche in Deutschland wären das knapp 668 Millionen Euro, die die deutschen Landwirte verlieren würden. Es sei allerdings wichtig, und das betonen die Forscher ausführlich, wie die jeweilige Einzelsituation aussehe. Es sei ein Unterschied, wie das Feld vorbereitet werde, welche anderen Maßnahmen man ergreife und was man überhaupt anpflanze. Unter extrem ungünstigen Bedingungen, etwa beim Anbau von Äpfeln, seien die Mehrkosten höher als beim Anbau von Weizen oder Raps. Zum Anbau von Äpfeln schreiben die Forscher deshalb: "Ein vollständiger Verzicht erscheint daher wirtschaftlich kaum vertretbar."

Die Folgen? "Liegen auf der Hand", sagt Experte Schäfers vom Fraunhofer-Institut: "Entweder wandert die Produktion ins Ausland oder die Preise werden nach oben gehen." Ob der Kunde aber tatsächlich bereit sei, die höheren Preise zu zahlen, könne er nicht einschätzen.