Für die Touristen am Hafen von Piräus ist es gleich geschafft: Mit ihren Rollkoffern und Rucksäcken drängen sie durch die spätsommerliche Wärme zu den Anlegern, von hier geht es nach Paros, Naxos, Santorin, Kreta und wie die Inseln alle heißen. Wie es nur ein paar Meter weiter aussieht, interessiert die unbeschwerten Urlauber sicher nicht. Den Kleintransporter, den Erwin Schrümpf durch das Getümmel steuert, nehmen sie nicht wahr. Bis unters Dach ist der Wagen vollgepackt mit Hilfsgütern: Medikamente, Babynahrung, Windeln, Verbandsmaterial, medizinische Geräte. "Auf den ersten Blick pulsiert hier das Leben", sagt der Österreicher. "Aber das ist nur Fassade." Seit fünf Jahren versucht er mit seinem Verein Griechenlandhilfe die größte Not zu lindern.

Ein kleiner Park inmitten des Hafengeländes, "hier leben sie", sagt Schrümpf. Zwölf Menschen bevölkert die Grünanlage, doch es werden schnell mehr. Einige sitzen auf Bänken, anderen gehen ziellos umher. Sie kommen in der Hoffnung auf eine warme Mahlzeit. Etwas abseits rührt Myrto mit einem Holzlöffel in zwei großen Kochtöpfen. Einmal in der Woche baut die 22-jährige Studentin mit einigen Kommilitonen hier einen Gaskocher auf, heute kochen die jungen Leute Huhn in Zitronensoße, dazu gibt es Reis und grünen Salat. "Angefangen haben wir vor zwei Jahren, um die Flüchtlinge zu versorgen, die damals zu Tausenden am Hafen von Piräus gestrandet waren", sagt Myrto.

Die Flüchtlinge sind längst weg, sie leben jetzt in staatlichen Lagern am Stadtrand. Geblieben sind die griechischen Obdachlosen. "Und es werden immer mehr", sagt Schrümpf. 500 Schlafsäcke hat sein Verein bereits verteilt. Von denen, die heute zum Essen kommen, weiß er genau: "Für viele hier ist es die einzige warme Mahlzeit in der Woche."

Auch Makis ist hungrig. "32 Jahre bin ich zur See gefahren", erzählt der 61-Jährige, "zuletzt auf einer Fähre. 2013 ging die Reederei in Konkurs, seitdem bin ich arbeitslos." Als nach zwei Jahren die letzten Ersparnisse aufgebraucht waren, verlor Makis auch seine Wohnung. Jetzt lebt er am Hafen, was er besitzt, passt in seinen Rucksack. In vier Jahren hofft der Seemann auf eine Rente: "Viel wird es nicht sein, vielleicht 400 Euro, aber das reicht hoffentlich für ein Dach über dem Kopf."

"Die Menschen sind erschöpft und mutlos"

Mehr als ein Viertel seiner Wirtschaftskraft hat Griechenland seit Beginn der Krise 2009 verloren. Mehr als 150.000 kleine und mittlere Firmen gingen kaputt. Die Arbeitslosenquote stieg von 7 auf 27 Prozent. Arbeitslosengeld wird in Griechenland höchstens ein Jahr lang gezahlt, eine Grundsicherung wie Hartz IV gibt es nicht. Vom Verlust des Arbeitsplatzes ist es deshalb oft nur ein kleiner Schritt in Armut und Obdachlosigkeit.

In den Statistiken hat Griechenland jetzt die Wende geschafft: 2017 wird die Wirtschaft wieder wachsen. Hilfskredite von über 250 Milliarden Euro sind seit 2010 ins Land gegangen. Doch sie dienten vor allem dazu, Altschulden zu refinanzieren und die Banken zu retten – bei der Bevölkerung ist von dem Geld nichts angekommen. Zwei von drei Griechen trieb laut einer Umfrage im Sommer die Sorge um, dass sich ihre finanzielle Lage in den nächsten zwölf Monaten weiter verschlechtern würde.

Erwin Schrümpf im Gespräch mit Obdachlosen in Piräus © Gerd Höhler

"Die Menschen sind erschöpft und mutlos", sagt Schrümpf. Der Salzburger gründete seinen Verein 2012, nachdem ihn eine Fernsehdokumentation über die Zuständen in griechischen Krankenhäusern tief bewegt hatte: "Am nächsten Morgen habe ich begonnen, bei örtlichen Firmen um Sachspenden zu betteln – und war überrascht, wie spontan die Hilfsbereitschaft war." Wenig später gab Schrümpf sein gut gehendes Geschäft mit EDV-Zubehör auf, heute widmet er sich ganz dem Projekt: Fast jeden Monat pendeln er und seine 40 ehrenamtlichen Mitarbeiter zwischen Österreich und Griechenland. Schwere Güter werden per Sattelzug verfrachtet, Leichteres wie die Medikamente kommt in den Kleintransportern: Jährlich kommen so rund 100 Tonnen Hilfsgüter zusammen. "Die Not nimmt nicht ab, sie wird immer größer", sagt Schrümpf.

Schon ist der Österreicher wieder unterwegs mit seinem Ford Transit, es geht von Piräus ans andere Ende von Athen. In der kommunalen Sozialambulanz im Stadtteil Dafni warten Elena und Penelope. Die jungen Frauen leiten die Einrichtung, zu der auch eine Apotheke gehört, die kostenlos Arzneimittel an Bedürftige ausgibt. Vier große Pakete hat Schrümpf diesmal mitgebracht – Spenden von Pharmafirmen und Ärztemuster.