Kein Ort Großbritanniens hat die Einwanderer aus anderen europäischen Ländern so schlecht integriert wie Boston im Süden Lincolnshires. Das ist das Ergebnis einer Studie vom Januar 2016. Ein halbes Jahr später stimmten drei Viertel der Bostoner für den Austritt aus der EU – mehr als irgendwo sonst in Großbritannien.

Damit ist Bostonein symbolischer Ort im Streit um den Brexit geworden. Nirgends in Großbritannien ist die Zahl der Immigranten aus Osteuropa so rasant gestiegen wie hier. Noch vor anderthalb Jahrzehnten lebten fast nur Engländer in Boston. Jetzt kommt jeder fünfte Bewohner aus dem Ausland.

"Ich habe eine ganz starke Berufung empfunden, hierher zu kommen", sagt Alyson Buxton, die anglikanische Pfarrerin dieser Stadt, die vorher in Ely bei Cambridge gearbeitet hat. Sie hat eine Seitenkapelle ihrer Kirche für unser Gespräch gewählt. "Es ist hart hier", sagt sie, aber auch: "Es lässt sich gut hier leben, richtig gut." Buxton stellt zwei Stühle gegenüber voneinander auf und bedeutet mir, auf einem Platz zu nehmen. Die Frau mit den kurzen blonden Haaren ist es gewohnt zu organisieren, zu gestalten, die Dinge nicht zu lassen, wie sie sind. Sie kontrolliert ihre Sätze, hält immer wieder inne, damit ihr kein falsches Wort entkommt, freundlich und abwartend zugleich.  

In Buxtons Kirche St. Botolph, einem massiven, gotischen Backsteinbau mit hohem, filigranem Turm, der die geduckten Häuser der Stadt überragt, stehen die Türen weit offen. Der Raum ist lichtdurchflutet, Stühle stehen um runde Tischchen auf dem ausgetretenen Steinboden. Hier sitzt eine Familie, Vater und Mutter in Jeans und T-Shirt, ihre beiden kleinen Kinder trinken grell-orangen Saft aus Plastikflaschen, vor jedem ein großes Stück dunkler Schokoladenkuchen, dazwischen eine geblümte Teekanne. Das Café hat Reverend Buxton von ihrem Vorgänger übernommen und vergrößert.

Soziale Integration, sagt die Pfarrerin, finde statt, wenn die öffentlichen Räume einer Stadt jedem gehörten. Der helle, weite Kirchenraum solle alle einladen. Schließlich sei Kirche mehr als der Sonntagmorgen. "Die Leute glauben immer noch, sie besuchten die Kirche. Wir wollen, dass sie mehr sind als Besucher, dass sie hierher gehören."

Boston und seine Einwanderer

200.000 Pfund bezahlt sie pro Jahr, allein um die Türen offen zu halten, so viel kosten Heizung und Personal. Im Dezember haben sie Buch geführt, wie viele Menschen in die Kirche kamen, es waren 11.000. Jetzt bewirbt sich Reverend Buxton um Lotteriegeld. Sie will eine Ausstellung über die Menschen in Boston auf die Beine stellen. Im Mittelalter, erzählt sie, gehörte Boston zum Handelsverbund der Hanse, Fremde kämen seit Jahrhunderten hierher. Menschen aus dem Ausland, die zum Wohlstand der Stadt beigetragen haben.

Es war unvermeidlich, wir sind bei dem Thema angekommen, um das es hier gehen muss. Bei dem Thema, das Buxton wie auf Zehenspitzen umkreist, mit der Wachsamkeit einer, die erlebt hat, wie viel Feindseligkeit ein falsches Wort auslösen kann. Es geht natürlich um Boston und seine Einwanderer.

Buxton spricht nie von Immigranten, selten benutzt sie das Wort Fremde. Stattdessen sagt sie Menschen, oft auch Europäer, und dann meist Europäer vom Festland. Worte sind Botschaften. In Buxtons Antworten häufen sich jetzt die Pausen zwischen ihren wohlüberlegten Sätzen. In ihrem Gesicht arbeitet es, sie setzt zu einer Antwort an, bricht ab, überlegt, prüft. Als streite sie innerlich zwischen 'Sag's, wie es ist' und 'Halt dich zurück'.

Dabei ist Buxton keineswegs ängstlich, aber die Pfarrerin hat erlebt, dass Reporter die Situation manchmal nicht gerade besser machen. Einmal sei Newsnight nach Boston gekommen, das große Nachrichtenmagazin der BBC, das vor allem von der intellektuellen Elite gesehen wird. "Sie wollten die Spannungen zuspitzen."