Es hat viel Kritik gegeben an dem Verkauf der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin. Von Mauschelei war die Rede, von einem abgekarteten Spiel zwischen der Bundesregierung und der Lufthansa, die sich nun den größten Teil des einstigen Konkurrenten einverleibt. Und tatsächlich wäre der Deal, wie er jetzt zustande gekommen ist, ohne einen Millionenkredit aus Berlin nicht möglich gewesen. Nur, welches Ziel verfolgt die Bundesregierung mit dieser Wirtschaftspolitik eigentlich?

Eine viel zitierte Aussage von Noch-Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) zum Verkauf von Air Berlin gibt darauf eine Antwort. Dobrindt hatte zu Protokoll gegeben, dass mit der Insolvenz die Möglichkeit bestehe, die Lufthansa zu einem "nationalen Champion" aufzubauen. Aber was bedeutet das?

Auf vielen Strecken innerhalb Deutschlands werden künftig die Lufthansa und ihr Tochterunternehmen Eurowings die einzigen Anbieter sein, sie können die Preise dann maßgeblich bestimmen – und werden sie wahrscheinlich erhöhen. Die Bundesregierung aber nimmt das in Kauf, weil sie etwas anderes verhindern will: eine starke Beeinträchtigung der nationalen Verkehrspolitik.

Der Wettbewerbsexperte Tomaso Duso vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat kürzlich zusammengefasst, was durch den Verkauf von Air Berlin möglich gewesen wäre. Internationale Airlines hätten die Chance gehabt, "in großem Stil in den innerdeutschen Luftverkehrsmarkt einzutreten", sagt Duso. Billigflieger wie Ryanair und Condor oder internationale Konkurrenten wie British Airways und Iberia rechneten sich aber nur wenige Chancen aus, weil sich die Lufthansa schon vor Beginn des Insolvenzverfahrens in eine strategisch vorteilhafte Position gebracht hatte.

Käufer und Verkäufer zugleich

Seit Anfang 2017 mietete die Lufthansa mehr als 35 Flugzeuge samt Crews vom größten Konkurrenten Air Berlin an, der die Flüge vor allem für die Lufthansa-Tochter Eurowings durchführte. Bei der Eröffnung des Insolvenzverfahrens gehörte Lufthansa somit indirekt zu den größten Gläubigern von Air Berlin. Und die Gläubiger entscheiden in einem Insolvenzverfahren, wie mit dem verbleibenden Vermögen des Unternehmens verfahren wird und welche Bieter bei einem Verkauf am ehesten zum Zuge kommen. Lufthansa war also gleichzeitig Käufer und Verkäufer – eine problematische Doppelrolle.

Diese Verquickung von Interessen wäre zu verhindern gewesen, hätte die Bundesregierung nicht den Überbrückungskredit von 150 Millionen Euro gewährt, mit dem der Flugbetrieb von Air Berlin aufrechterhalten werden sollte. Begründet hat die große Koalition diesen Schritt mit dem Argument, mitten in der Ferienzeit nicht viele Tausende Urlauber stranden lassen zu wollen. Doch in diesem Insolvenzverfahren gehörten eben auch Passagiere zu den Gläubigern. Und die müssen üblicherweise auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Insolvenzrechtler halten gerade diesen Überbrückungsredit für sehr bedenklich, zumal es eine solche staatliche Hilfe bisher nicht gegeben hat und die deutsche Wirtschaft anderenfalls auch nicht zusammengebrochen wäre.

Ryanair wollte sein Streckennetz ausbauen

Hätte aber Air Berlin wegen Geldmangels nicht mehr fliegen können – im Fachjargon Grounding genannt –, dann wäre das Unternehmen seine begehrten Start- und Landerechte los gewesen. Und die Behörden hätten diese sogenannten Slots sofort neu vergeben – auch an andere Anbieter: Vor allem Ryanair stand offenbar bereit, um das eigene Streckennetz auf den Kurzverbindungen in Deutschland auszubauen. Das aber wollten Union und SPD offensichtlich nicht zulassen.

Schon jetzt mischt der irische Billiganbieter den innerdeutschen Verkehr ordentlich auf. Zwischen Berlin und Köln beispielsweise fliegt Ryanair für 50 Euro auch am Wochenende hin und zurück und unterbietet damit nicht nur die Preise von Eurowings und Lufthansa meist deutlich. Auch das Staatsunternehmen auf der Schiene, die Deutsche Bahn, hat kaum eine Chance, dauerhaft gegen diese Billigangebote anzukämpfen.

Genau hier liegt das Problem: Will man den deutschen Verkehrsmarkt dem Spiel der freien Marktkräfte überlassen, wenn ein Anbieter diesen mit Niedriglöhnen aufrollt? Und liegt es außerdem auch im umweltpolitischen Interesse, die Bahn zugunsten von Billigfliegern zu schwächen? Die Bundesregierung hat sich in diesen Fragen entschieden. Und zwar für die Lufthansa.

Für den Verbraucher hat das letztlich die stärksten Auswirkungen. Die Preise für Reisen innerhalb der Republik werden vor allem auf den Neben-, aber auch auch vielen Hauptstrecken nun maßgeblich von Bahn und Lufthansa bestimmt. Billiger wird es dadurch sicher nicht.