Es war eine bizarre Szenerie, als sich Sebastian Kurz, der Jungstar der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), und Heinz-Christian Strache, der Frontmann der ultrarechten Freiheitlichen Partei (FPÖ), am Dienstag zum Wahlduell im Fernsehen trafen. Da saßen sich zwei Politiker gegenüber, die darin wetteiferten, wer denn der ärgere Rechtspopulist sei. Das ganze gipfelte in Schreiduellen und einer grotesken Konkurrenz, wer denn der bessere Buddy von Ungarns Premier Viktor Orbán sei. "Ich kann ihnen gerne einen Termin vermitteln", prahlte Kurz mit seiner privilegierten Nähe zu Orbán.

In Deutschland würden sich die beiden um ein Wählerpotenzial von 13 Prozent balgen. In Österreich werden, wenn die Umfragen nur annähernd stimmen, beide Parteien zusammen auf gut 55 Prozent der Wählerstimmen kommen.

Antiausländer, Antimigration, Antiislam – das war bisher das Leibthema der FPÖ. Doch in den vergangenen Monaten hat ÖVP-Mann Kurz alles getan, die Radaupopulisten rechts zu überholen. Kaum ein Problem, für das nicht Zuwanderer verantwortlich gemacht werden, vom Budgetdefizit bis zu niedrigen Pensionen. "Und wenn es um Verkehrspolitik ginge", witzelte der Politikwissenschaftler und Fernsehanalyst Peter Filzmaier, "würde er sagen, das eigentliche Problem sind Burka-Trägerinnen, die in der zweiten Fahrspur vor islamischen Kindergärten parken."

Revolverblätter dominieren

Österreich zuerst, Österreicher vor, Immigration am besten bei null oder "Minuszuwanderung" – das ist im österreichischen Wahlkampf mittlerweile Mainstream geworden. Und das in einem Land, in dem weder der gefühlte Alltag noch die harten Zahlen Anlass für eine tiefe Krisendiagnose geben: Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit sinkt und die sozialen Gräben, die das Land zerreißen, sind auch nicht so tief wie in anderen Ländern. Wie konnte es dann eigentlich so weit kommen?

Erstens: die Schieflage des medialen Diskurses.

Anders als in Deutschland ist Österreichs medialer Diskurs ganz massiv vom Boulevard geprägt. Der Platzhirsch am Boulevard, die Kronen-Zeitung, hat eine Verkaufsauflage von mehr als 700.000 Exemplaren täglich, das ist umgelegt so, als würde die Bild acht Millionen verkaufen. Und dabei liefert sie sich auch noch ein Wettrennen mit zwei weiteren Revolverblättern, der Zeitung Österreich und dem Gratisblatt heute. All diese Blätter begannen schon eine aggressive Antiausländer-Kampagne, da war Bild noch ganz ergriffen von der Willkommenskultur. Was in Deutschland Boulevard genannt wird, ist im Vergleich zu den rechten Kampfblättern in Österreich linksliberales Intelligenzformat.

Aber das ist noch nicht das Ende vom Lied. Rechte Facebook-Seiten und Websites treiben den aggressiven Diskurs voran und spielen mit dem Boulevard Pingpong, und die Freiheitliche Partei ist im Netz eine echte Macht. Strache hat Hunderttausende Facebook-Fans und teilt gerne die Aufhetz-Artikel der Kronen Zeitung, womit er ihr Traffic verschafft, was diese wieder dazu veranlasst, sich dankbar zu zeigen und vornehmlich solche Artikel online zu stellen, die von Strache geteilt werden können.

Mit der Website unzensuriert.at hat die FPÖ außerdem ein ihr nahestehendes Internetmedium, das den ganzen Diskurs noch einmal eine Schraube weiter ins Hysterische dreht. Qualitätsmedien können hier kaum mehr dagegenhalten, oder eben: allenfalls dagegenhalten, was schon heißt, sie agieren bestenfalls aus einer Defensive heraus. Außerdem kann man die Medien, die im hysterischen Antimigrationsdiskurs noch gegen den Strom schreiben, ohnehin an den Fingern einer Hand abzählen – selbst dann, wenn man mit der Hand in die Kreissäge gekommen ist.

Zweitens: die Schieflage des Diskurses in der Politik.

Die Spielanordnung in der österreichischen Innenpolitik ist seit Jahren schon folgende: Die FPÖ fordert in der Opposition eine restriktive Ausländerpolitik, worauf die Volkspartei in der Koalition diese Forderungen übernimmt. Schließlich glaubt sie, selbst den harten Hund spielen zu müssen, um der FPÖ den Wind aus den Segeln nehmen zu können. Die ÖVP stellt seit Jahren die zuständigen Minister, vor allem den Innenminister (beziehungsweise die Innenministerin). Die Sozialdemokraten katapultiert das stets in moralische Zwangslagen, die regelmäßig darin münden, dass sie umfallen und den Forderungen der ÖVP nachgeben, da in dieser Spiel- und Diskursordnung ja schließlich niemand als Ausländerfreund dastehen will.

Wahl in Österreich - Die Wahl zwischen rechts und rechts? Am 15. Oktober wählen die Österreicher ein neues Parlament. ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz sieht den Chef der rechten FPÖ, Heinz-Christian Strache als schärfsten Konkurrenten. © Foto: AFP-TV