Falls die Europäische Union demnächst zerbricht, dann womöglich wegen ein paar Gläsern Nutella. Zumindest mahnen das derzeit lautstark die Politiker mehrerer osteuropäischer Länder an, die sich zu einem länderübergreifenden Bündnis formiert haben. Ein Bündnis gegen die "Zweiklassengesellschaft in der EU" und dagegen, der "Mülleimer Europas" zu sein.

Es geht ihnen dabei ums Essen und um den zunehmenden "Lebensmittelrassismus" der großen Konzerne, der sich zum Beispiel an Nutella zeige. Denn Schokocreme ist nicht gleich Schokocreme, und sie selbst werden mit der B-Ware abgespeist. So empfinden sie es jedenfalls und deshalb wollen die Slowakei, Tschechien, Polen, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Bulgarien, Rumänien und Litauen nun dagegen kämpfen.

Der Vorwurf an die Westländer: Deren große Lebensmittelkonzerne würden im Osten Europas Nahrungsmittel von minderwertiger Qualität verkaufen. Was dort mit bekannten Markennamen in den Handel komme, habe wenig mit den Produkten zu tun, die andernorts in der EU verkauft werden. Lebensmitteltests diverser Prüfstellen hätten ergeben, dass die Rezepturen deutlich abwichen.

Steckt in Fischstäbchen weniger Fisch?

So seien in Limonaden mehr Austauschstoffe wie Sirup statt Raffinadezucker festgestellt worden. In Fischstäbchen stecke weniger Fisch, in der Wurst mehr Fett und Flüssigkeit statt Fleisch. Und Tütensuppen enthielten weniger Gemüseanteile und Fleischkrümel sowie insgesamt weniger Instantpulver. Das sei "einer der größten Skandale der jüngsten Vergangenheit", wetterte kürzlich János Lázár, Leiter der Staatskanzlei des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán.

Seit Monaten nähren einige Lebensmittelanalysen tatsächlich den Verdacht, dass die Vorwürfe, zumindest teilweise, wahr sein könnten: Die ungarische Lebensmittel-Sicherheitsbehörde verglich 24 Produkte, die sie bei Discounterketten in Österreich und Ungarn kaufte und stellte deutliche Unterschiede fest. Das slowakische Landwirtschaftsministerium ließ 22 Markenprodukte untersuchen und kam zum Schluss, dass die Rezepturen tatsächlich abwichen. Und eine Studie der Universität Prag im Auftrag einer EU-Abgeordneten entdeckte den geringeren Fischgehalt im Stäbchen und den Sirup im Colagetränk.

Die Hersteller passen die Rezepte an Geschmäcker an

Die Hersteller der betroffenen Produkte entgegnen: Bisher habe ihnen niemand offengelegt, wie überhaupt getestet worden sei. Gab es nur Stichproben und Geschmacksvergleiche? Oder tatsächlich umfangreiche Laboranalysen? Zwar gebe es bisweilen unterschiedliche Rezepturen, mit denen man die Produkte an die nationalen Geschmäcker anpasse, räumen einige Produzenten ein. Aber dass die Qualität der verwendeten Grundstoffe grundsätzlich eine andere sei, etwa bei Milchprodukten, bestreiten alle. Nun wird die Europäische Union eine halbe Million Euro ausgeben, um den Wahrheitsgehalt der Vorwürfe zu überprüfen.

Schon seit Jahrzehnten schmecken Markenprodukte nicht überall gleich, weil viele Hersteller ihre Rezepturen an die Geschmäcker in den Verkaufsländern anpassen. Deshalb weiß man von Nutella, dass sie in Nordeuropa fester ist und nur matt glänzt, während sie rund ums Mittelmeer süßer schmeckt, weil der Süden es süßer mag. Dort ist sie auch cremiger, weil sonst in Frankreich, Italien oder Spanien das Weißbrot zerfleddert. Von Haribo und Coca Cola ist ebenfalls bekannt, dass sie den Geschmack ihrer Süßwaren an ihre Abnehmerländer anpassen.