Geht es nach John Thune, können Attacken wie die von Las Vegas auch ohne eine Verschärfung der US-Waffengesetze verhindert werden. "Ich glaube, die Leute müssen in ihrem eigenen Leben Vorkehrungen treffen, um sich zu schützen", sagte der republikanische Senator von South Dakota einer NBC-Reporterin. Im Fall der Fälle müsse man sich schnell in Sicherheit bringen. Wie? "Machen Sie sich klein."

Mit seinen Äußerungen befindet sich Thune nach dem tödlichsten Angriff mit Schusswaffen, den es in den USA je gegeben hat, voll auf Linie der Waffenlobby National Rifle Association (NRA). Das könnte auch daran liegen, dass ihn die Organisation seit Jahren unterstützt: Seit 2005 erhielt Thune von der NRA insgesamt 630.000 Dollar. Im politisch wichtigen Ranking der Waffenlobby wurde seine Loyalität mit einem makellosen A, also einer eins, belohnt. Mit den Noten bewertet die NRA regelmäßig Abgeordnete, um deutlich zu machen, wie oft sie in ihrem Sinne abgestimmt haben – ein Urteil, das in Washington über die weitere Karriere entscheiden kann.

In den USA gibt es keine Lobbygruppe, die einflussreicher oder aggressiver wäre als die NRA. Allein im Wahlkampf 2016 gab sie fast 55 Millionen Dollar für politische Lobbyarbeit aus. Heute hat die Organisation rund fünf Millionen Mitglieder. Mit einem Jahresumsatz von mehr als 430 Millionen Dollar verfügt sie über große finanziellen Ressourcen, die sie einsetzt, um Kampagnen gegen unliebsame Gesetzgeber zu finanzieren, treue Abgeordnete zu unterstützen – und ihre Kandidaten ins Weiße Haus zu bringen. Wer wissen wolle, warum Politiker auf Waffengewalt mit "warmen Gedanken und Gebeten" reagierten, der müsse sich nur die Spendenbücher der NRA anschauen, schrieb die Los Angeles Times mit Blick auf die Äußerungen von US-Präsident Donald Trump nach der Attacke in Las Vegas.

Verbund von Umweltschützern und Jägern

Diese Stellung hatte die NRA nicht immer. Gegründet wurde sie 1871 als überparteilicher Verbund von Umweltschützern und Freunden des Jagdsports, der erst ehemaligen Soldaten der Konföderation und später Pfadfindern beibrachte, wie sie mit dem Gewehr umgehen. Die Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre machte die Organisation zu einer politischen. Damals verabschiedete der Kongress nach den Attentaten auf Martin Luther King Jr. und John F. Kennedy den Gun Control Act – und schränkte damit den bis dahin nahezu freien Zugang zu Handfeuerwaffen erstmals ernsthaft ein. Waffen konnten nicht mehr über die Grenzen der Bundesstaaten hinweg verkauft werden, das Mindestalter für den Besitz wurde heraufgesetzt. "Morde per Postversand", sagte Präsident Lyndon B. Johnson damals in einer Anspielung auf die Tatsache, dass Waffen bislang per Katalog bestellt werden konnten, sollten der Vergangenheit angehören.

Der harte Kern der NRA wehrte sich. Einflussreiche Mitglieder wie der Abgeordnete John Dingell, ein Demokrat aus Michigan, warnten vor dem drohenden Ende des Zweiten Verfassungszusatzes, der den Besitz und das Tragen von Schusswaffen garantiert. Als Reaktion gründete die Organisation 1975 einen eigenen Lobbyarm, schloss zu moderate Mitglieder aus der Führungsebene aus und konzentrierte sich voll auf die politische Einflussnahme in Washington. Schon 1986 zeigte sich die volle Wirkung der Bemühungen: Nicht einmal 20 Jahre nach dem Gun Control Act verabschiedete der Kongress den Firearm Owners' Protection Act – und drehte damit einen Großteil der Regulierungen zurück.

Seitdem hat sich trotz zahlreicher Versuche der Waffengegner wenig verändert. Den Vorstoß von Bill Clinton, nach dem Angriff an der Columbine High School 1999 schärfere Überprüfungen von Waffenkäufern durchzusetzen, wehrte die NRA genauso ab wie spätere Vorschläge, den Verkauf auf Messen stärker zu regulieren oder Maschinenpistolen aus den Regalen der großen Supermärkte zu verbannen. Jedes noch so kleine Zugeständnis wird von den Funktionären als Einfallstor gesehen, das zwangsläufig in der totalen Entwaffnung mündet. "Es gibt nur schwarz und weiß, wenn es um die Freiheit geht", sagte NRA-Chef Wayne LaPierre 2002 in einer Rede. Wegen der vermeintlichen Verteidigung von Verfassungsrechten bezeichnet sich die Organisation auch gerne als "älteste Bürgerrechtsbewegung des Landes".

USA - Schießstände für Touristen In Las Vegas können Touristen an vielen Schießständen mit Pistolen und Maschinengewehren üben. Nach dem Attentat mit mindestens 59 Toten kommt jedoch Kritik auf. © Foto: Lucy Nicholson/REUTERS