Vor dem Messegebäude der Lone Star Gun Show in Belton, Texas, wehen die amerikanische und texanische Flagge auf Halbmast. In der Halle können die Besucher die gleichen Waffen kaufen, mit denen gerade erst der Attentäter Stephen Paddock fast 60 Menschen getötet und über 500 weitere verletzt hat. Für acht Dollar Eintritt rüsten Waffenliebhaber dort ihr Arsenal auf, vom Scharfschützengewehr bis zur pinken Pistole, farblich passend zur Damenhandtasche. Auf den rund 200 Tischen der Aussteller liegt alles, was man braucht, um schnell und effizient zu töten: Colt M4-Sturmgewehre, Glocks oder Sig Sauers. In einem Regal reihen sich AR-15-Sturmgewehre nebeneinander: Für den modebewussten Schützen gibt es ein rot-schwarz-gesprenkeltes Modell, für den Schnäppchenjäger das Sonderangebot für 670 Dollar. Es ist das Modell, das Paddock für sein Massaker in Las Vegas benutzte.

Auf der Messe findet man die AR-15 an jedem dritten Stand. Der Preis schwankt zwischen 500 und 1.000 Dollar, die Waffe ist damit günstiger als das neuste iPhone. Der Erwerb halbautomatischer Sturmgewehre ist in Texas ganz leicht: Es genügt, 18 Jahre alt zu sein und einen Ausweis mit texanischem Wohnort vorzuzeigen. Die einzige Hürde ist eine Überprüfung durch das FBI, die wenige Minuten bis zu einigen Tagen dauern kann. Eigentlich schreibt ein Bundesgesetz die background checks verpflichtend vor. In Texas betrifft das aber nur lizenzierte Verkäufer: Bei Deals zwischen Privatpersonen wechselt eine Waffe den Besitzer ohne Überprüfung. Auch auf der Waffenmesse in Belton. Unter dem Arm eines älteren Mannes klemmt eine Flinte, "Sonderpreis 250 Dollar". Fast 20 Jahre lang hat er damit geschossen, jetzt will er sie loswerden: "Ich hab's im Rücken."

Das Law Center To Prevent Gun Violence bewertet die US-amerikanischen Bundesstaaten hinsichtlich ihrer Waffengesetze: Je lockerer die Regulierungen, desto schlechter die Note. Während Nevada im unteren Mittelfeld rangiert, erhält Texas mit der Note F die schlechteste Bewertung. Ein Käufer braucht keinen Waffenschein, es gibt kein zentrales Waffenregister. Jeder Texaner kann so viele Waffen kaufen wie er will. In vielen anderen Staaten gelten ähnlich laxe Gesetze.  

310 Millionen Schusswaffen in Umlauf

Davon hat auch Paddock Gebrauch gemacht. Der Täter hatte in seinem Hotelzimmer in Las Vegas 23 Waffen bereit liegen, als er auf die Besucher des Musikfestivals schoss. Zwölf davon waren mit sogenannten bump stocks modifiziert, diese Vorrichtungen lassen halbautomatische Waffen fast genauso schnell schießen wie vollautomatische. Eine AR-15 mit bump stock kommt mit bis zu 900 Schuss pro Minute einem Maschinengewehr sehr nahe. 

Die Funktionsweise ist simpel: Der Schütze drückt ab, der Rückstoß des Schusses löst den nächsten aus. Das ermöglicht mehr Schüsse pro Minute, verringert aber die Treffsicherheit. Vollautomatische Waffen sind in den USA zwar legal, aber nur unter strengen Auflagen zu bekommen. Halbautomatische Sturmgewehre und bump stocks kann jeder problemlos in den meisten Waffenläden erhalten. Knapp 100 Dollar kostet ein bump stock im Internet. Wie man sie an das Sturmgewehr montiert, erklären dreiminütige YouTube-Videos.

Auf der Messe in Belton schlendert ein älterer Mann auf einen Stand zu, er trägt eine "Vietnam-Veteran"-Kappe und eine Weste, an die mehrere Abzeichen genäht wurden. Das "Life-Member"-Emblem der National Rifle Association (NRA), Amerikas mächtiger Waffenlobby, prangt auf seiner Brust. Knapp 300 Waffen hortet er in seinem Tresor, erzählt er stolz. Einmal habe er fünf auf einmal gekauft, das sei sein Rekord gewesen. "Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, öffne ich meinen Safe und frage mich: 'Was trage ich heute?'" Wofür er so viele Waffen brauche? "Es macht Spaß. Und weil ich's kann." Mitten im Gespräch kommt die Veranstalterin der Waffenmesse hinzu, begleitet von einem Polizisten. Berichterstattung ist hier nicht erwünscht. Das Gespräch ist beendet, wir müssen die Halle verlassen. 

Aber die Antworten sind ohnehin vorhersehbar. Fragt man Waffenliebhaber, wozu man Sturmgewehre in Militärqualität braucht, kommt beinahe reflexartig: "Weil ich es kann, das ist mein Recht." Der zweite Verfassungszusatz garantiert jedem US-Amerikaner, Waffen besitzen und tragen zu dürfen. Ob die Gründerväter dabei an halbautomatische Sturmgewehre gedacht haben, ist eine andere Frage. Laut des "Congressional Research Service" sind in den USA ungefähr 310 Millionen Schusswaffen in Umlauf, davon 110 Millionen Gewehre. Exakte Zahlen existieren aber nicht, da es – anders als in Deutschland – kein nationales Waffenregister gibt.

Angst vor Regulierung treibt die Verkäufe an

Für das Recht, Waffen zu besitzen, kämpft die NRA. Die einflussreiche Waffenlobby hat mehr als fünf Millionen Mitglieder und setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, dass die amerikanischen Waffengesetze nicht verschärft werden. Dafür fließt viel Geld: Laut der Organisation Center for Responsive Politics hat die NRA im Wahlkampfjahr 2016 rund 30 Millionen Dollar investiert: 11 Millionen in Donald Trump und 19 Millionen gegen Hillary Clinton. 99 Prozent aller Parteizuwendungen außerhalb des Wahlkampfes flossen im selben Jahr in die Kassen der Republikaner. Die Lobbyarbeit scheint Früchte zu tragen: Im Februar hat Donald Trump ein Gesetz der Obama-Regierung gekippt, dass psychisch Kranke davon ausschließt, eine Waffe zu kaufen. Nach dem Attentat auf die Sandy-Hook-Grundschule im Jahr 2012 wurde eine Verschärfung der Waffengesetze vom Senat nicht bewilligt.

USA - Schießstände für Touristen In Las Vegas können Touristen an vielen Schießständen mit Pistolen und Maschinengewehren üben. Nach dem Attentat mit mindestens 59 Toten kommt jedoch Kritik auf. © Foto: Lucy Nicholson/REUTERS

Nach dem Anschlag in Las Vegas signalisiert die NRA nun Gesprächsbereitschaft. Die US-Behörden müssten sofort überprüfen, ob bump stocks dem Bundesgesetz entsprechen, heißt es in einem Statement. Aber die Lobby bleibt dabei: "In einer Welt, die immer gefährlicher wird, hält die NRA an ihren Zielen fest: auch weiterhin die Freiheit des zweiten Verfassungsartikels zu stärken, um sich, Familien und Gemeinschaften zu verteidigen."

Doch selbst das kleine Zugeständnis in Sachen bump stocks macht die amerikanischen Waffenliebhaber nervös. Die befürchtete Regulierung treibt die Verkäufe an: Nach dem Attentat melden zahlreiche Hersteller: ausverkauft. Auch Slide Fire Solutions, der selbst ernannte Erfinder der Vorrichtungen aus Texas, stoppte vorläufig den Verkauf auf seiner Website. Zu hohe Nachfrage.