ZEIT ONLINE: Herr Hofmann, hat die IG Metall ein Luxusproblem?

Jörg Hofmann: Warum?

ZEIT ONLINE: Sie fordern in der aktuellen Tarifrunde eine Arbeitszeitverkürzung, in bestimmten Fällen soll der Arbeitgeber sogar dafür bezahlen. Das klingt zumindest nach Luxus.

Hofmann: Die Arbeitszeit für einen abgesteckten Zeitraum zu verringern, ist für viele Mitglieder mittlerweile oft genauso wichtig, wie die Frage nach höheren Löhnen. Das zeigen unsere Umfragen.

ZEIT ONLINE: Heißt: Auch dienstags soll Vati jetzt zu Hause bleiben?

Hofmann: Zum Beispiel. Die Beschäftigten sollen den Anspruch haben, die Arbeitszeit von 35 auf bis zu 28 Stunden in der Woche zu reduzieren und zwar zeitlich begrenzt auf maximal zwei Jahre. Danach sollen sie wieder in die alte Arbeitszeit zurückkehren können. Eine solche Wahloption für die Beschäftigten hat es in Tarifverträgen bislang nicht gegeben. Wir müssen Arbeitszeit neu denken. Statt fremdbestimmter Flexibilität brauchen wir mehr Selbstbestimmung über die Arbeitszeit durch die Beschäftigten.

ZEIT ONLINE: Sie fordern, dass der Arbeitgeber in bestimmten Fällen für die Reduzierung zahlt. Warum sollte er?

Hofmann: Wir wollen das Modell für alle Beschäftigten öffnen, auch denen, die nur wenig verdienen und eine Verkürzung allein nicht stemmen können. Deshalb soll es in bestimmten Lebenslagen einen Zuschuss geben, etwa für die Kinderbetreuung, die Pflege von Angehörigen oder Beschäftigte in Schichtarbeit.

ZEIT ONLINE: Aber es gibt doch schon das Elterngeld und das Elterngeld Plus?

Hofmann: In der Regel wird das Elterngeld in den ersten 24 Lebensmonaten eines Kindes beansprucht. Dann beginnt irgendwann die Schule, aber eine verlässliche Ganztagsbetreuung existiert in weiten Teilen der Republik einfach noch nicht. Es gibt viele Kolleginnen und Kollegen, die dann dauerhaft in Teilzeit gehen, obwohl sie gerne mehr arbeiten würden. Diesen Beschäftigten muss es ermöglicht werden, ein oder zwei Nachmittage weniger im Betrieb zu sein. Und die Lohnausfälle muss der Arbeitgeber zumindest teilweise kompensieren, sonst funktioniert es nicht. 

ZEIT ONLINE: Schon jetzt finden viele Unternehmen kaum Fachkräfte. Bei einer Verkürzung von Arbeitszeit verschärft sich das Problem. Wie soll das gehen?

Hofmann: Das ist eine Milchmädchenrechnung. Um für Fachkräfte attraktiv zu sein, ist es ganz entscheidend, welche Arbeitszeitmodelle ein Unternehmen anbietet. Unsere Industrie leistet sich heute immer noch einen Frauenanteil von lediglich 20 Prozent. Das liegt unter anderem auch an der Arbeitszeitkultur. Die Realität ist: Vollzeit plus Überstunden plus Flexibilität plus Leistungsdruck – das macht Vereinbarkeit schwer möglich. Da weichen gerade Frauen auf Jobs aus, die prekär sind, aber in denen sie die Arbeitszeit flexibler einteilen können.

Um für Fachkräfte attraktiv zu sein, ist es ganz entscheidend, welche Arbeitszeitmodelle ein Unternehmen anbietet.
Jörg Hofmann

ZEIT ONLINE: Wie soll mehr Flexibilität in einem Produktionsbetrieb mit drei Schichten am Tag funktionieren?

Hofmann: Es wird immer restriktivere Arbeitszeitmodelle geben. Doch selbst Schichtarbeitern ist geholfen, wenn sie eine Schicht weniger im Dienstplan stehen haben oder mehr über ihren Einsatz mitentscheiden können. Wenn die Industrie so flexibel ist, dass sie jeden Kundenwunsch erfüllen kann, dann müsste sie doch auch  in der Lage sein, das Interesse der Beschäftigten nach mehr Flexibilität aufzunehmen.

ZEIT ONLINE: Immer mehr Experten – darunter sogar EZB-Präsident Mario Draghi – beklagen, dass die Löhne in Deutschland stärker steigen müssten. Kann man sich eine Arbeitszeitdebatte nur in der erfolgsverwöhnten Metall- und Elektroindustrie leisten?

Hofmann: Die öffentliche Debatte über höhere Löhne freut mich natürlich. Was stimmt: In der Exportindustrie haben sich die Löhne vergleichsweise gut entwickelt. Aber gleichzeitig wächst in Deutschland die Zahl der prekär Beschäftigten. Die müssen sich mit Niedriglöhnen, Minijobs oder einem Teilzeitjob über Wasser halten. Das muss sich in der Tat ändern.