Als sie entdeckte, dass die Dichtung der Kloschüssel leckte, dachte die Münchnerin: eine Petitesse. Dafür werde sich bestimmt flott ein Handwerker finden. Ein Dreivierteljahr wartete die Großstädterin auf den Klempner. Dem Nachbarn ging es nicht besser: Der wollte eine neue Küchenarbeitsplatte. Zum Ausmessen war der Schreiner schnell da, aber den Termin für den Einbau verschob er ein Dutzend Male: "Zu viel zu tun!" Und die Berlinerin, die gerade eine Wohnung gekauft hat, ist kurz davor, einen Aushang an Straßenlaternen zu machen: "Fliesenleger dringend gesucht!" Vielleicht klebt sie die Fliesen auch bald selbst.

Es ist Zufall, dass diese Beispiele aus Großstädten stammen, denn sie spielen sich ähnlich auf dem Land ab. Überall fragen sich die Bau- und Reparaturwilligen: Deutschland, wo sind deine Handwerker?

Es ist die Schattenseite des großen Bau- und Immobilienbooms, den die Republik zurzeit erlebt: Noch immer ist der Ansturm auf Eigentumswohnungen und Häuser groß, weil die niedrigen Zinsen die Flucht in Sachwerte befeuern. Zudem haben die Kommunen viel zu lange den Neubau vernachlässigt und holen das jetzt nach. Die Baubranche ist euphorisch: "Die Geschäftslagebeurteilung im Bauhauptgewerbe fällt noch einmal besser aus als im Jahr 2016", heißt es im Konjunkturbericht des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH). Laut Geschäftsklimaindex übertrifft die Stimmung in der gesamten Bau- und Ausbaubranche sogar das große Boomjahr 1992, als Deutschland wegen der Wiedervereinigung einen Bauboom erlebte. In diesem Jahr rechnet die Branche gar mit einem Umsatzplus von sechs Prozent.

Branche am Rand der Kapazitäten

Doch zugleich bringt der Boom die Branche an den Rand der Kapazitäten. Denn was der Verband so feiert, die gestiegene Auslastung im Bau auf 76 Prozent und auf 82 Prozent sogar im Ausbau, heißt übersetzt für den Kunden: Er wartet im Schnitt knapp elf Wochen auf einen Handwerker, also fast drei Monate.

Kunden mit kleineren Reparaturen sollten sich darauf einstellen, dass es noch sehr viel länger dauern kann, sagen die Verbandsvertreter selbst, etwa Jens Christopher Ulrich von der Handwerkskammer für München und Oberbayern: "Die Auftragsbücher sind so voll, dass sich die Handwerker aussuchen können, welchen Auftrag sie zuerst annehmen." Große, lukrative Einsätze bekommen stets den Vorzug vor Kleinstreparaturen. Manche Handwerksbetriebe geben sogar zu, dass sie bei kleineren Anfragen die Kosten ihrer Angebote so hoch ansetzen, dass sich die Kunden freiwillig nicht mehr melden. "Abwehrangebote" nennen sie das. Falls ein Kunde trotzdem zusagt, hat sich für den Handwerker wenigstens der Kleineinsatz richtig gelohnt.

"Da müssen die Kunden jetzt durch", kommentiert es ein Verbandsvertreter, allerdings lieber anonym. Er findet, dass es ein gerechter Ausgleich dafür ist, "dass die Branche zuvor jahrelang durch ein Tal der Tränen gegangen ist". Bis zum Jahr 2010 galt der Bau gar als Sorgenkind der deutschen Wirtschaft. Heute übertrumpft der Bau mit seinen Wachstumsraten sogar andere Branchen. Drei Fünftel aller Betriebe gehen laut ZDH-Umfrage davon aus, dass selbst der Winter den Unternehmen keinen größeren Dämpfer verpassen wird wie sonst üblich. Und dass die Geschäfte 2018 noch besser laufen werden.

Arbeitslosenquote von zwei Prozent

Der Boom könnte aber bald auch zum Problem werden, warnen Experten. Denn die überbordende Auftragslage können viele Handwerksbetriebe nur noch abarbeiten, wenn sie mehr Mitarbeiter einsetzen können. Die aber sind rar. 40 Prozent der Firmen, die offene Stellen zu besetzen haben, klagen, dass sie gar kein geeignetes Personal mehr finden. Der Handwerkermarkt in Deutschland ist wie leergefegt. Inzwischen liegt die Arbeitslosenquote unter Handwerkern bei zwei Prozent. In manchen Bereichen wie der Bauelektrik kommen laut Arbeitsagentur auf 100 offene Stellen bloß 41 Arbeitslose. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Denn viele Unternehmen melden ihre offenen Stellen gar nicht mehr, weil sie glauben, sie finden ohnehin kein Personal mehr, sagen Branchenvertreter.

Inzwischen ist die Lage so brisant, dass die Branche Alarm schlägt: "Das droht zur Wachstumsbremse zu werden", sagt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer. Neben der enormen Nachfrage verstärkt die Demografie die Lage noch. Die geburtenstarken Jahrgänge scheiden allmählich aus, aber es gibt zu wenig Nachwuchs.