Ein paar Tage hat Theresa May noch Zeit. Spätestens dann müssen sich die britische Premierministerin und die EU aufeinander zu bewegt haben. Am 4. Dezember will EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Ergebnisse sehen. Knackpunkt ist immer noch die irische Grenze. Wenn sich hier beide Seiten nicht auf einen gangbaren Kompromiss einigen, wird es mit Gesprächen über ein Freihandelsabkommen wieder nichts.

Das Problem: Die irische Insel ist geteilt. Der südliche Teil, die Irische Republik, bleibt nach dem Brexit Großbritanniens in der EU, im Binnenmarkt und in der Zollunion. Schließlich ist die Irische Republik ein eigenständiger EU-Staat. Der nördliche Teil der Insel jedoch, Nordirland, ist Teil des Vereinigten Königreiches, tritt also mit Großbritannien im März 2019 aus der EU aus. Da die britische Regierung entschieden hat, dass das Vereinigte Königreich auch den Binnenmarkt und die Zollunion verlässt, führt dies zu einer paradoxen Situation.

Mit dem Brexit verschiebt sich die Außengrenze der EU plötzlich mitten ins irische Land. Dabei ist die Grenze seit 20 Jahren verschwunden. Wer auf den Landstraßen fährt, die sich durch die Wiesen Irlands schlängeln, merkt nicht mehr, dass es mal eine Grenze gab.

Die Außengrenze der EU muss jedoch kontrolliert werden. Auch in Irland müsste nach dem Brexit nachgeschaut werden, was in den 177.000 Lastwagen eigentlich drin ist, die monatlich über die grüne Grenze rollen. Was, wenn da Billigwaren transportiert werden, die Nordirland zum Beispiel aus China importiert hat, die aber in der EU verzollt werden müssten oder mit Blick auf Qualitätsstandards gar nicht eingeführt werden dürften?

Grenzüberschreitendes Leben in 140 Vereinbarungen

Die irische Grenze kann aber nicht einfach wieder hochgezogen werden. Großbritannien, Nordirland, die Irische Republik und die Kanalinseln bilden seit 1923 den sogenannten Gemeinsamen Reisebereich, der Bürgern beider Seiten erlaubt, ungehindert, ohne Kontrollen, die Grenze zu überqueren.

Noch wichtiger aber sind die verfassungsmäßigen Bestimmungen des irischen Friedensschlusses vom April 1998. In dem sogenannten Karfreitagsabkommen wurde rechtlich verankert, dass Großbritannien, Nordirland und die Irische Republik dafür sorgen müssen, dass es keine harte Grenze mehr zwischen Nordirland und der Irischen Republik geben wird. Die alten Konfessionsstreitigkeiten sollen nicht wieder aufflammen. Das Leben der Iren soll so reibungslos wie möglich funktionieren, ohne Grenze, ohne Kontrollen, ohne Polizei, Terror, Stacheldraht, Wachtürme und Bombenanschläge – ohne den Schmerz der früheren Jahre.

In mehr als 140 Vereinbarungen wurde das grenzüberschreitende Leben der Iren organisiert, um Normalität herzustellen: So wird Strom über die Grenze geliefert, Apotheken geben Medizin auf Rezepte aus, die Ärzte auf der anderen Seite ausgestellt haben, Handytarife werden wie Inlandsgespräche abgerechnet. Täglich überqueren mehr als 30.000 Iren die 500 Kilometer lange Grenze, um auf der anderen Seite zu arbeiten, Familien zu besuchen oder Kühe zu melken.