Trotz aller politischen Ankündigungen: Von einem Elektroauto-Boom ist Deutschland noch weit entfernt – und es könnte sein, dass die deutschen Autohersteller auf dem gerade entstehenden Zukunftsmarkt nicht nur wegen eigener Versäumnisse schlechte Karten haben. Denn um Elektroautos zu bauen, brauchen die Unternehmen andere Rohstoffe als bisher. Dazu gehören vor allem Kobalt, Lithium, Grafit, Mangan, seltene Erden. In Deutschland aber gibt es sie kaum, und die Länder, in denen sie gefördert werden, können keinesfalls als sichere Lieferanten gelten.

Die Industrie warnt deshalb vor einer Rohstoffknappheit. Die Gefahr von Engpässen steige, sagte Matthias Wachter, Abteilungsleiter Sicherheit und Rohstoffe beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) der Zeitung Welt am Sonntag. "Der Bedarf wächst schneller als die Kapazitäten bei der Förderung." Ohne eine ausreichende Versorgung beispielsweise mit Kobalt, Grafit, Lithium oder Mangan wird es Wachter zufolge "keine Zukunftstechnologien 'Made in Germany' geben".

Neue Technologien, andere Rohstoffe

Völlig neu ist diese Sorge nicht. Erst im Sommer veröffentlichte die Deutsche Rohstoffagentur (Dera) eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung, deren Autoren davor warnen, dass wichtige Stoffe knapp werden könnten. Für die Untersuchung analysierten sie den weltweiten Bedarf bestimmter Zukunftstechnologien, zum Beispiel der Elektromobilität, aber auch von erneuerbaren Energien, der Medizintechnik, Meerwasserentsalzungsanlagen oder RFID-Chips.

Ihr wichtigstes Ergebnis: Vor allem der Bedarf für Lithium, Rhenium, Terbium und Dysprosium "könnte bis zum Jahr 2035 auf mehr als das Doppelte der heutigen (2013) globalen Primärproduktion ansteigen". Auch für Germanium, Kobalt, Scandium, Tantal, Neodym und Praseodym werde der Bedarf dann höher sein als die heutige Fördermenge.

Kinderarbeit und zerstörte Umwelt

Und die dringend benötigten Rohstoffe werden zu einem großen Teil in Ländern abgebaut, die politisch als sehr instabil gelten wie zum Beispiel die Demokratische Republik Kongo. Kobalt etwa wird vor allem dort abgebaut. Laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) beliefert das Land etwa 60 Prozent des Weltmarkts. Das Metall wird vor allem für Batterien gebraucht, aber auch für bestimmte Metalllegierungen, Katalysatoren und Magnete eingesetzt. Die Nachfrage nach Kobalt steigt – Experten schätzen, dass sie im Jahr 2025 bei etwa 155.000 Tonnen liegen wird. Das ist deutlich mehr als die derzeitige Jahresproduktion von 130.000 Tonnen.

Die Demokratische Republik Kongo ist zwar reich an Rohstoffen, aber wegen jahrzehntelanger Kriege zählt sie heute zu den ärmsten Ländern der Welt. Die politische Instabilität habe "in der Vergangenheit zu einer vergleichsweise hohen Preisvolatilität und zu deutlichen Preispeaks geführt", schreibt die BGR.

Sie empfiehlt Unternehmen, die Kobalt aus dem Kongo beziehen,"dezidierte Anstrengungen unternehmen, ihre Lieferketten nachzuverfolgen und deren assoziierte Risiken möglichst genau zu bewerten". Denn: Kriege, Korruption, Armut – unter solchen Verhältnissen wäre es eine Illusion, zu glauben, der Kobaltbergbau ginge menschen- und umweltfreundlich vonstatten. In der Umgebung der Minen sind häufig Böden und Gewässer verseucht und die Menschen krank. Wälder wurden abgeholzt, um Platz für den Bergbau zu machen.

Gemessen an diesen Schäden sind Elektroautos alles andere als umweltfreundlich. Dass Kinder in den Kobaltminen arbeiten, gilt als unstrittig. Amnesty International zufolge riskieren schon Siebenjährige dort ihre Gesundheit – die Organisation macht dafür auch die Automobilhersteller verantwortlich. 

Grafit und Lithium

Andere Förderer der gefragten Rohstoffe, wie etwa die Volksrepublik China, dosieren ihre Exporte sehr genau. Grafit beispielsweise kommt vor allem aus China, das der BGR zufolge rund 70 Prozent des Weltmarkts beherrscht. Das Land sei "mit Abstand" der größte Rohstoffproduzent weltweit, allerdings nicht der größte Exporteur: "China benötigt den Großteil seiner produzierten Metalle und Minerale selbst" und sei sogar "mit Abstand der weltweit größte Importeur von Bergbauprodukten", schreibt die BGR in einer Analyse.

Lithium, ein anderer wichtiger Grundstoff für E-Auto-Batterien, wird zum allergrößten Teil in drei Ländern gefördert: Australien, Chile und – mit einigem Abstand – Argentinien. Die größten Vorkommen der Welt finden sich zwar in Bolivien; aber das Land hat nicht damit begonnen, sie in nennenswertem Ausmaß zu fördern. Auch in Deutschland gibt es Lithium – und vor einigen Wochen erhielt das Unternehmen Deutsche Lithium GmbH die Lizenz, den Stoff abzubauen

Derzeit liegt die Jahresproduktion an Lithium bei weltweit etwa 30.000 Tonnen: viel zu wenig, um die prognostizierte künftige Nachfrage zu decken. Im Jahr 2035 könnte allein in den wichtigsten Zukunftsbranchen der weltweite Bedarf an Lithium bei 110.000 Tonnen liegen, schätzen die Fraunhofer-Forscher.

VW spürt die Macht der Lieferanten

Torsten Brandenburg von der Dera verwies jetzt in der Welt am Sonntag auf die starke Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von ausländischen Lieferanten. "Bei den Rohstoffen, überwiegend Metallen, die man für den Bau von Batterien für Elektroautos benötigt, ist die deutsche Wirtschaft völlig auf Importe angewiesen." Das Angebot werde nicht nur immer knapper, die Minenbetreiber könnten auch die Preise diktieren. Dem Bericht zufolge hat die Dera die Verfügbarkeit von 53 mineralischen Rohstoffen untersucht und nur zwölf der Gruppe mit "geringen Beschaffungsrisiken" zugeordnet.

Volkswagen spüre die neue Macht seiner Lieferanten jetzt schon, schreibt die Zeitung. Die Einkäufer des Konzerns hätten versucht, Kobalt deutlich unter dem derzeitigen Marktpreis einzukaufen und den niedrigen Einkaufspreis auch noch für die kommenden fünf Jahre festzuschreiben. "Die Kobalt-Könige lächelten kühl – und brachen die Gespräche ab, überließen den Wolfsburgern damit nicht mal ein Krümelchen." Die Abfuhr treffe das Unternehmen hart, "denn wer kein Kobalt bekommt, kann keine Lithium-Ionen-Akkus bauen. Und ohne die gibt es keine Elektroautos." 

(mit Material von Reuters)