Die Betriebe der Chemiebranche in Ostdeutschland können seit einigen Monaten eine Wochenarbeitszeit zwischen 32 und 40 Stunden wählen. Potsdamer Modell nennt sich das Ganze, der Tarifvertrag wurde im Frühjahr abgeschlossen. In einem weiteren Tarifvertrag hatten sich der Arbeitgeberverband Nordostchemie und die Gewerkschaft IG BCE bereits im Jahr zuvor auf Arbeitszeiten, die zur Lebensphase passen, geeinigt: Wer wegen kleiner Kinder oder der Pflege von Angehörigen seine Arbeitszeit reduzieren will oder auch in Altersteilzeit gehen möchte, der kann flexibel Teilzeit arbeiten. Betriebe können sogar einen Fonds auflegen, um Gehaltseinbußen zu kompensieren. Das Potsdamer Modell ähnelt den Forderungen, welche die IG Metall kürzlich zum Start der Tarifverhandlungen auf den Tisch gelegt hat.

Es ist das Aus für die klassische 40-Stunden-Woche. Und überraschenderweise sind es die Arbeitgeber, die die neue Flexibilität loben. "Die Regelung ist für beide Seiten ein Gewinn", sagt Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbands Nordostchemie. Aber auch die IG BCE ist zufrieden mit dem Modell. Deren Vorsitzender Michael Vassiliadis sagt: "Das Potsdamer Modell ist der bundesweit erste Manteltarifvertrag mit Wunscharbeitszeit. Es verbindet tariflichen Schutz mit individueller Wahlfreiheit."

Der Abschluss, der zurzeit in den ostdeutschen Betrieben umgesetzt wird, zeigt die neue Verhandlungsmacht der Beschäftigten. Den Unternehmen der ostdeutschen Chemiebranche fällt es immer schwerer, Nachwuchs zu finden – besonders im eher strukturschwachen Osten. "Wir müssen daher attraktive Arbeitsbedingungen bieten", sagt Schmidt-Kesseler. Der Altersdurchschnitt in den Unternehmen erhöhe sich. "In den nächsten Jahren werden starke Mitarbeiterjahrgänge in den Ruhestand gehen – und zugleich zeichnet sich überdurchschnittlich hoher Mangel an Fachkräften ab." Kaum überraschend, dass die Arbeitgeber auch der langjährigen Forderung nachkamen, die Wochenarbeitszeit in Ostdeutschland an die westdeutsche anzupassen. Sie wird von 40 auf 38,5 Stunden reduziert.

Flexibilität ist bislang die Ausnahme

Experten wie der Arbeitsmarktforscher Reinhard Bispinck von der Hans-Böckler-Stiftung bezeichnen das Potsdamer Modell als "innovativ". Bispinck hatte Ende 2016 untersucht, welche Arbeitszeitregelungen sich in den hierzulande gültigen Tarifwerken finden. "Flexible Regelungen zur Arbeitszeit in Tarifverträgen, die den Beschäftigten echte Wahlmöglichkeiten einräumen, sind noch eine Ausnahme", sagt er. Das Recht auf eine tariflich zugesicherte Wahlarbeitszeit komme bisher in nur sehr wenigen Haustarifverträgen vor – nicht aber in Flächentarifen, die die Arbeitsbedingungen für eine ganze Branche regeln. Insofern sei der Abschluss in der ostdeutschen Chemiebranche ein Novum.

Den Unternehmen kommt die Neuregelung aber auch entgegen. Bei der Festlegung der regelmäßigen betrieblichen Arbeitszeit berücksichtigen die Tarifpartner auch das Arbeitsvolumen, die Arbeitszeitsysteme und Arbeitsbedingungen. Die Arbeitszeiten können sogar zwischen Abteilungen in dem gleichen Unternehmen variieren: Ein Mitarbeiter in der Produktion könnte auf eine 32-Stunden-Woche kommen, einer aus der Verwaltung auf 36 Stunden. Mitarbeiter sollen auch aufstocken oder reduzieren können. Wer innerhalb des Zeit-Korridors zwischen 32 und 40 Stunden seine Arbeitszeit reduziert, kann später auch wieder erhöhen. Das kommt letztlich einem Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit gleich. Auch andere Teilzeitmodelle unter 32 Stunden pro Woche sind möglich, allerdings entfällt dann das Rückkehrrecht.

Es geht auch ohne Gesetzesänderungen

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) fordert schon lange mehr Flexibilisierung. Allerdings hatte sie dafür vor allem das Arbeitszeitgesetz im Visier, um etwa die gesetzlichen Ruhezeiten abzuschaffen. Die ostdeutschen Arbeitgeber machen nun vor, dass es auch ohne Gesetzesänderung geht. "Auch mit dem Arbeitszeitgesetz in seiner heutigen Form kann man sehr flexible Arbeitszeitmodelle schaffen", sagt Schmidt-Kesseler.

Das Potsdamer Modell reagiert vor allem auf die Lebenswirklichkeit. Eine aktuelle Studie im Auftrag des Software-Unternehmens Peakon zeigt, dass nur jeder vierte Deutsche mit seinem Arbeitspensum in der dafür vorgesehenen Zeit zurechtkommt. Für die Studie hatte das Unternehmen, das Software für Mitarbeiterkommunikation anbietet, 8.000 Beschäftigte befragt. Nicht einmal jeder Dritte gab an, dass die wöchentliche Arbeitszeit für das Arbeitsvolumen ausreiche.

Auch der demografische Wandel verändert die Prioritäten. Mit den Generationen Y und Z – also den nach 1980 Geborenen – drängen geburtenschwache Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt, die mit der Digitalisierung groß geworden sind. Sie haben oft ein anderes Selbstverständnis von beruflicher Erfüllung: Arbeit soll zwar Teil eines erfüllten Lebens sein, aber eben nicht nur. Jungen Väter übernehmen viel selbstverständlicher als die Generationen vor ihnen Familienaufgaben. Väter unter 35 Jahren machen häufiger und länger Elternzeit. Und viele scheuen sich auch nicht davor, eine Weile im Job die Arbeitszeit zu reduzieren. Flexible, kürzere, aber vollzeitnahe Arbeitszeiten sind gefragt, sowohl von Frauen als auch von Männern. In der ostdeutschen Chemiebranche sind sie nun leichter zu haben.