ZEIT ONLINE: Herr Bastian, Griechenlands Gläubiger überprüfen gerade die Reformerfolge der Regierung von Alexis Tsipras. Hält sie sich an die Vorgaben?

Jens Bastian: Die griechische Regierung findet zwar nicht gut, was sie tun muss, aber sie tut es dennoch. Tatsächlich hat Tsipras bisher "geliefert", mehr noch als seine Vorgänger und anders, als es in Deutschland häufig dargestellt wird. Die Frage ist nur, was geschieht, wenn diese Regierung wieder freie Hand hat. Im August nächsten Jahres läuft das dritte Reformprogramm aus. Danach könnte die Regierung in bestimmten Bereichen von den Vereinbarungen abweichen.

ZEIT ONLINE: Was genau prüfen Griechenlands Geldgeber zurzeit?

Bastian: Die Gläubiger schauen etwa, ob die Steuereinnahmen den Zielen entsprechen. Das wird momentan bezweifelt. Auch im Bereich der Privatisierungen steht noch einiges aus, beispielsweise im Energiesektor. Ein umstrittenes Thema ist die neue Bemessung der Steuerfreibeträge. Ab welchem Einkommen müssen die Griechen Steuern leisten und wann nicht? Hier hat vor allem der Internationale Währungsfonds auf eine Senkung der Freibeträge bestanden, um die Steuerbasis zu verbreitern.

ZEIT ONLINE: Das alles klingt noch nach viel Arbeit.

Bastian: Die Regierung will die Überprüfung am liebsten bis Weihnachten abschließen. Das hat früher durchaus länger gedauert. Es passiert allerdings wiederholt , dass sich die Gläubiger, also die Euroländer, die EZB und der Internationale Währungsfonds, untereinander uneinig sind – etwa über die Höhe des zu erzielenden Haushaltsüberschusses oder den Zuschnitt weiterer Schuldenerleichterungen für Griechenland.

ZEIT ONLINE: Hat sich die Steuerehrlichkeit der Griechen inzwischen verbessert?

Bastian: Es gibt tatsächlich eine interessante Entwicklung. Auf dem Höhepunkt der Krise im Juni 2015 waren Kapitalverkehrskontrollen erlassen worden, die in abgeschwächter Form weiterhin gelten. Seitdem besitzen die Menschen nicht mehr so viel Bargeld, viele Zahlungen werden digital abgewickelt. Die Zahlungsvorgänge sind insgesamt viel transparenter geworden, allein die Mehrwertsteuereinnahmen sind nach Angaben der griechischen Zentralbank im ersten Halbjahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr um rund 15 Prozent gestiegen. Zuvor war Griechenland in weiten Teilen eine Bargeldwirtschaft mit großer Schattenökonomie.

ZEIT ONLINE: Jetzt erleben die Menschen aber geradezu das Gegenteil. Die Steuerbelastung ist immens.

Bastian: Griechenland ist ein Hochsteuerland geworden. Viele private Haushalte und Unternehmen sind schlichtweg überfordert damit, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Ihre Steuerschulden haben fast die Schallgrenze von 100 Milliarden Euro erreicht und nehmen weiter zu. Das ist sehr besorgniserregend. Das Problem ist die Summe der neuen oder erhöhten Belastungen: Einkommenssteuer, Immobiliensteuer, Solidaritätssteuer, Kfz-Steuer und so weiter. Jene Menschen, die ihren Verpflichtungen nachkommen wollen, können es einfach nicht mehr. Es gibt weiterhin zu viel legale und illegale Steuervermeidung, etwa bei den Reedern und der orthodoxen Kirche. Das muss bekämpft werden.