Read the English version of this article here

Selbstüberschätzung gilt hierzulande als schlechte Eigenschaft. US-Präsident Trump ist für viele Deutsche ein überheblicher Ego-Typ. Lächerlich, wenn nicht sogar gefährlich. Wir Deutschen halten uns dagegen für vergleichsweise normal, für zuverlässig und geerdet.

Was aber, wenn das ein Trugschluss ist? Wenn wir nur unter einer speziell deutschen Variante des Narzissmus leiden?

Das mag im ersten Moment verrückt klingen. Doch wenn an diesem Montag in Bonn die COP, die 23. Weltklimakonferenz startet, wird nicht nur klar werden, dass die Welt immer schneller auf die Klimakatastrophe  zusteuert. Es wird auch Bilanz gezogen und damit offenbar, welches Land in den vergangenen Jahren tatsächlich den Ausstoß von Treibhausgasen reduziert hat. Und welches nicht. Und dann stehen wir Deutschen ziemlich dumm da. Wie Großmäuler.

Bonn - UN-Klimakonferenz eröffnet Die Teilnehmer der 23. UN-Klimakonferenz wollen in den kommenden Wochen ein System entwickeln, das die Beiträge einzelner Nationen zum Klimaschutz messbar und vergleichbar macht. © Foto: Wolfgang Rattay/Reuters

Deutschland ist ein schlechtes Beispiel

25.000 internationale Besucher werden lernen: Der Gastgeber ist beim Klimaschutz ein schlechtes Beispiel. Ausgerechnet das Land, in dem einst der erste Weltklimagipfel überhaupt stattfand, das sich einer Klimakanzlerin rühmt, und international immer wieder für wichtige Fortschritte gekämpft hat, versagt in der nationalen Politik. Die letzten drei Regierungen, die Angela Merkel geleitet hat, redeten zwar weltweit gern und viel über den Klimaschutz. Sie taten aber zu Hause nicht viel dafür.

Das sagen die Zahlen: Versprochen hatte Deutschland, die CO2-Emissionen bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent senken. Doch es werden, wenn nicht noch ein kleines Wunder passiert, gerade einmal 32 Prozent sein. Das klingt auf den ersten Blick gar nicht schlecht. Aber ein großer Teil der bisherigen Minderung war schlicht Zufall – er geht auf den Untergang der DDR zurück, als viele veraltete Kraftwerke stillgelegt wurden. In den vergangenen zehn Jahren haben die Bundesregierungen viel zu wenig Sinnvolles getan, um das Wirtschaften und das Leben in Deutschland klimaneutral zu machen.

Eine lange Liste verpasster Chancen

Beispiel Kohle: Kein Land weltweit verbrennt mehr Braunkohle als Deutschland. Und kein Brennstoff ist schädlicher fürs Klima. Trotzdem traute sich bisher keine Regierung zu, einen Plan für den Kohleausstieg zu schreiben, auch die schwarz-rote nicht. Zu groß war die Angst vor der Energielobby und den Gewerkschaften. Die Folge: Auf der Konferenz in Bonn werden Italien, Frankreich, die Niederlande, Großbritannien und Kanada stolz den künftigen Kohleausstieg verkünden. Deutschland nicht.

Beispiel Verkehr: Der Dieselskandal hat offenbart, wie groß die Macht der Autoindustrie ist und wie wenig die Bundesregierung bisher Willens und in der Lage war, die Abgasbetrüger zur Rechenschaft zu ziehen. Bitter ist das nicht nur für die Bewohner der Großstädte und die Autobesitzer. Bitter ist das auch fürs Klima und für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit. Wenn es um den Umbau des Verkehrssektors geht, etwa durch ein Verbot des Verbrennungsmotors oder wenigstens der schweren Dieselfahrzeuge, überholen uns inzwischen Norwegen, Schottland, Frankreich, Finnland, Österreich und Großbritannien.

Und wir lachten über den Veggieday

Die Liste der verpassten deutschen Chancen ist noch länger: Bei der Wärmedämmung von Häusern passiert nichts, weil Horst Seehofer (CSU) im Bundesrat eine bessere Förderung blockierte. In der Landwirtschaft tut sich nichts, obwohl immer mehr Gülle auf den Feldern und immer mehr Kühe, Säue und Rinder in den Ställen für einen erheblichen Teil der CO2-Emissionen verantwortlich sind. Niemand in der Bundesregierung wagt es, dem Bauernverband zu widersprechen, der immer noch mehr exportieren will: deutsches Schweinefleisch, deutsche Steaks, deutsche Milch und Käse rund um die Globus.

Gerade weil sich die deutschen Politiker, allen voran Angela Merkel, international so fortschrittlich gaben, konnten sie die echte Arbeit zu Hause vernachlässigen. Dazu hätte gehört, eine CO2-freie Energieversorgung kostengünstig zu fördern. Die Kohleregionen umzubauen. Sich standhaft gegenüber den Lobbyisten von Daimler und Co zu geben. Und nicht zuletzt hätten die Wähler überzeugt werden müssen, dass ein Hochtechnologieland wie Deutschland so einen Umbau schafft und so moderne Arbeitsplätze in der Autoindustrie oder der Energiebranche hier und nicht in Kalifornien entstehen werden.

Und wir lachten über den Veggieday

Aber die Regierung suggerierte uns lieber: Wir Deutschen gehören im Klimaschutz doch zu den Guten - ohne dass sich irgendwas an unserem Alltag verändert. Klar, es stehen ein paar Windräder mehr in der Gegend und wir zahlen mit der Stromrechnung für Solarpanels. Aber weniger Fleisch essen, ein kleineres Auto fahren, auf den 20-Euro-Flug nach Mallorca zu verzichten – all das ist nicht nötig. Wir glaubten es gern. Und lachten über den Veggieday der Grünen.

Bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung kann eine Psychotherapie dem Patienten helfen, einige Verhaltensweisen zu ändern. Aber der Weltklimagipfel wird keine Therapie. Zumindest bietet er die Gelegenheit, von anderen zu lernen: Von den Norwegern und ihrem E-Autoboom, vom Fahrrad-Paradies Dänemark oder den Steuergesetzen in Großbritannien, das klimafreundliche Autos stärker begünstigt als dicke Schlitten. Im Idealfall könnte die Konferenz eine Inspiration werden – für die Verhandler eine Jamaika-Koalition.