Die Klimapolitik gilt als einer der härtesten Brocken in den Sondierungen für eine Jamaika-Koalition. Zwar haben sich die Unterhändler von CDU, CSU, FDP und Grünen nach heftigem Streit zu den deutschen und internationalen Klimazielen bekannt. Aber wie wollen sie diese Ziele erreichen? Sich darüber zu einigen scheint für sie äußerst schwierig – vor allem zur Kohle liegen ihre Positionen weit auseinander. Für die Grünen gehört ein schneller Ausstieg zum Markenkern.

Dem Ende der Kohlenutzung kommt auch auf internationaler Ebene eine zentrale Bedeutung zu: Auf der Klimakonferenz in Bonn werden die Staaten zwei Wochen lang darüber verhandeln, wie sie das Paris-Abkommen konkret umsetzen wollen. Der rasante globale Aufstieg der erneuerbaren Energien wird dabei wieder ausgiebig gefeiert werden – zu Recht. Doch der Ausbau von Wind- und Solaranlagen darf nicht den Blick auf das Wesentliche verstellen: Schafft die Welt – und damit Deutschland – den Ausstieg aus der Kohle nicht, wird das Pariser Klimaschutzabkommen zur Makulatur.

Vor allem die Schwellen- und Entwicklungsländer könnten aus den deutschen Fehlern lernen: Obwohl hierzulande die erneuerbaren Energien stark subventioniert und ausgebaut worden sind, sind die Emissionen kaum gesunken, vor allem weil der Strom zu großen Teilen noch aus Kohle kommt. Dieses janusköpfige Energiesystem – ein hoher Anteil von emissionsarmen Erneuerbaren auf der einen, emissionsintensive Kohle auf der anderen – droht nun ein Vorbild für weite Teile der Welt zu werden.

Die fallenden Kosten für erneuerbare Energien allein reichen nicht aus, um die Kohleverstromung zu beenden, obwohl die Bedingungen für Wind und Sonne weltweit günstig sind. Im Jahr 2016 wurde – global gesehen – mehr Kapazität aus den Erneuerbaren installiert und ans Netz genommen als aus fossilen Energieträgern. Die Kosten sanken zuletzt deutlich schneller, der Ausbau schritt wesentlich schneller voran als selbst die optimistischsten Modelle angenommen hatten.

In unserer Forschung am MCC konnten wir zeigen, dass 2050 der Anteil von Fotovoltaikanlagen an der globalen Stromversorgung mehr als dreimal so groß sein könnte wie bislang angenommen. Der Anteil der Solarenergie dürfte statt bei 5 bis 17 Prozent eher bei 30 bis 50 Prozent liegen – und zwar selbst dann, wenn der globale Strombedarf weiter zunimmt. In manchen Gegenden der Welt, wie etwa in Indien, ist eine Kilowattstunde aus Wind oder Sonne heute schon günstiger zu produzieren als eine Kilowattstunde aus Kohle.

Zu viele neue Kohlekraftwerke

Aber: Beim globalen Klimaschutz kommt es auf die kumulierten Emissionen an. Jede Tonne zählt. Vor allem Schwellenländer ­– wie Vietnam, Indien oder Indonesien – investieren massiv in zusätzliche Kohlekapazitäten. Werden all diese Kohlekraftwerke gebaut, würde ein erheblicher Teil des der Menschheit noch zur Verfügung stehenden Emissionsbudgets von etwa 800 Gigatonnen CO2 aufgebraucht. Zählt man alle bestehenden, im Bau befindlichen und geplanten Kraftwerke zusammen, würden durch deren lange Laufzeit kumulierte Emissionen von über 300 Gigatonnen entstehen.

Dass die Kohle den schnell wachsenden Schwellen- und Entwicklungsländern als so billig erscheint, liegt auch an den vergleichsweise hohen Finanzierungskosten für die Erneuerbaren in diesen Ländern. Das ist äußerst relevant, weil die Kapitalkosten oft über Investitionen entscheiden. In vielen armen Ländern sind die Risiken und die Kreditzinsen für Erneuerbare derzeit sehr hoch. Deshalb spielen ihre Vorteile – keine Kosten für Brennstoffe, keine CO2-Zertifikate, keine Luftverschmutzung – aus der Sicht der Investoren kaum eine Rolle. So wird der Einsatz klimafreundlicher Stromerzeugung in Schwellen- und Entwicklungsländern durch hohe Kapitalkosten stark behindert.

Gleichzeit sind auch politische Interessen eng mit der Kohle verbunden. So wird Kohle zum Beispiel in Südafrika subventioniert, um sie wettbewerbsfähig zu halten. Dort wie in vielen anderen Ländern ist der Kohlesektor zudem ein wichtiger Arbeitgeber. Zwar kann Solarenergie pro Kilowattstunde unter Umständen mehr Arbeitsplätze schaffen. Allerdings verbirgt eine solche abstrakte Statistik, dass diese Jobs nicht gut miteinander verrechnet werden können: Sie entstehen nämlich meist in ganz anderen Regionen und für ganz anders qualifizierte Fachkräfte.