Schwere Dürren in Ostafrika, verheerende Hurrikane wie Irma, Harvey und Maria in der Karibik und die gigantischen Monsunfluten in Südasien – rechtzeitig vor der UN-Klimakonferenz in Bonn haben sie eines gezeigt: Der Klimawandel ist real, und er trifft Menschen weltweit immer härter. Die reichen Industrieländer scheinen zwar im Moment noch weniger unter seinen Folgen zu leiden. Aber was, wenn Aussagen wie die von Bundesaußenminister Gabriel zutreffen, dass ein Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen noch größere Migrationsströme nach Europa zur Folge haben könnte?

Gabriel ist nicht der einzige, der Klimaflüchtlinge fürchtet. Auch der Stifter des Alternativen Nobelpreises, Jakob von Uexküll, warf jüngst die Frage auf, wie Europa mit 200 Millionen Klimaflüchtlingen umgehen solle, wenn es schon mit einer Million Kriegsflüchtlingen nicht klarkomme.

Doch die Gleichung "je mehr Klimawandel, desto mehr Migration" geht nicht auf. Denn Migrationsentscheidungen sind sehr komplex. Sie werden nicht nur durch die Folgen von Klimaveränderungen beeinflusst, etwa durch Ernteausfälle infolge veränderter Niederschlagsmuster, sondern auch von vielen anderen Faktoren politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Natur.

Der Klimawandel trifft arme Bevölkerungsgruppen, die sich selbst nur sehr begrenzt schützen können, besonders stark: Kleinbauern, Fischer oder städtische Arme. Sie leben ohnehin unter harschen Bedingungen. Entscheiden sie sich, ihre Heimat zu verlassen, dann lässt sich empirisch kaum erfassen, ob Umweltfaktoren oder andere Ursachen die maßgeblichen Beweggründe waren.

Hinzu kommt: Den Armen im globalen Süden fehlen vielfach schlicht die Ressourcen, um überhaupt migrieren zu können. Ihre Immobilität ist angesichts des Klimawandels dramatisch – und ihre Ressourcenbasis wird durch den Klimawandel weiter untergraben. Diese für uns weitgehend unsichtbaren und in der Fachliteratur als "trapped populations" bezeichneten Bevölkerungsgruppen leiden nicht nur unter der steigenden Gefahr durch Fluten oder Wirbelstürme – rund drei Viertel der Todesopfer von Extremwetterereignissen leben in armen Entwicklungsländern –, sondern auch unter schleichenden Umweltveränderungen, zum Beispiel Wasserverknappung und Vegetationsverlusten, die ihre karge Lebensgrundlage schon jetzt bedrohen.

Klimawandel verschlimmert Konflikte

Wo von Umweltwandel betroffene Menschen tatsächlich migrieren, erfolgt dies häufig in zirkulärer oder saisonaler Migration. Das heißt, dass sich einzelne Familienmitglieder – oftmals zeitlich begrenzt – auf den Weg machen, um woanders Geld zu verdienen. Sie versuchen, Ernte- oder Viehverluste der Familie oder des Clans zu kompensieren. Dabei bewegen sie sich in den allermeisten Fällen innerhalb der Grenzen des eigenen Herkunftslandes oder zwischen benachbarten Ländern einer Region. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich ein von Dürren geplagter kenianischer Viehhirte auf den Weg nach Europa macht.

Zudem ist die politisch bedeutsame definitorische Abgrenzung zwischen Flucht und Migration gerade in diesen Kontexten schwierig. Migrationsforscher sprechen von "gemischten Wanderungen", bei denen sich wirtschaftliche Migrationsmotive mit Fluchtursachen wie schwacher Staatlichkeit oder eben auch Naturkatastrophen vermengen. Die Rolle des Klimawandels als Verursacher von bewaffneten Konflikten wird zwar häufig postuliert – etwa im Falle des Syrienkrieges, dem tatsächlich eine mehrjährige Dürre vorausging. Empirisch ist dies aber kaum zu belegen, da auch Gewaltkonflikte zumeist viele Ursachen haben. Dass Klimafolgen für zusätzlichen Stress sorgen, der latente Konflikte weiter verkomplizieren kann, liegt jedoch auf der Hand.

Entsprechend schwer tun sich die Delegierten der UN-Klimakonferenzen, wenn sie neben Kernthemen wie Emissionsminderung, Anpassungsfinanzierung oder Technologietransfer auch noch über Flucht und Migration verhandeln sollen. Seit Mai werden die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Vertreibung von einer unter dem Dach der UN-Klimarahmenkonvention eingerichteten Task Force diskutiert. Im Zuge der Präsidentschaft der Fidschi-Inseln, die selbst stark vom Klimawandel betroffen sind, könnte dieser Task Force bei der Bonner Klimakonferenz besondere Aufmerksamkeit zukommen.

Zielführend ist dabei weder die Debatte, ob es den Klimawandel nun gibt oder nicht, noch die Diskussion, ob und wie der Klimawandel zu neuen Migrationsprozessen führt. Beide lenken vom eigentlichen Problem ab. Die entscheidende Frage ist: Wie kann menschliche Sicherheit gewährleistet und geschützt werden?

Sie sollte auch der Ausgangspunkt des "Global Compact on Refugees" sein, der 2018 vom UN-Hochkommissar für Flüchtlinge vorgestellt wird. Aus ihr ergäbe sich das Ziel, den Schutz und die Versorgung von Flüchtlingen in Entwicklungsländern zu verbessern und marginalisierte Arme stärker in den Fokus zu nehmen. Den Klimawandel als Stressfaktor anzuerkennen, der die fragilen Lebensbedingungen der Armen noch verschlechtert, ist da nur der erste Schritt.