Doch die Einschätzung hat sich als falsch erwiesen. Allerorts wurden Windräder und Solaranlagen installiert, jede dritte produzierte Kilowattstunde ist inzwischen öko. Doch gleichzeitig wurden nur wenige fossile Kraftwerke abgeschaltet: Bei CO2-Preisen von gerade einmal sieben Euro pro Tonne sind sie für Stromkonzerne wie RWE oder Uniper viel zu lukrativ, um sie vom Netz zu nehmen.   

Die Folge sind extreme Überkapazitäten. Das Stromnetz ist nicht nur voll mit Ökostrom, sondern auch mit billigem und dreckigem Kohlestrom. Fachleute wie Felix Matthes vom Öko-Institut schätzen, dass Deutschland etwa ein Viertel seines Kohlestroms nur fürs Ausland produziert. Dass sich etwas ändern muss, ist allen beteiligten Politikern klar. Im Hintergrund macht außerdem die Wirtschaft Druck. Anfang der Woche forderte ein breites Bündnis von Unternehmen wie Siemens, Deutsche Bahn und Aldi die Verhandler auf, "Klimaschutz zur zentralen Aufgabe" zu machen. Ein paar Wochen zuvor hatten dagegen BASF, BP und andere Industriekonzerne eine Energiepolitik gefordert, die weder "Arbeitnehmer noch die Volkswirtschaft" überfordere.

Der Kohleausstieg könnte teuer werden

Aber was würde passieren, wenn Deutschland 20 Kohlekraftwerksblöcke vom Netz nimmt? Auf jeden Fall ginge nicht das Licht aus. Glaubt man Berechnungen des Öko-Instituts, dann kann Deutschland trotz Atomausstieg auf 8.000 Megawatt verzichten, ohne auf Stromimporte, neue Gaskraftwerke oder andere Maßnahmen angewiesen zu sein. Der Nachteil dieses radikalen Schritts: Er könnte teuer werden. Und selbst die symbolische Zahl von 20 Blöcken würde nicht ausreichen, um das Klimaschutzziel zu erreichen. Die restlichen Millionen Tonnen müssten andere Bereiche stemmen. Also mehr Elektroautos. Wiedervernässte Moorflächen. Das aber lässt sich nicht so schnell umsetzen.

Ein Kompromiss könnte eine deutschlandweite CO2-Steuer sein. Ihr können bislang alle verhandelnden Parteien etwas abgewinnen. Die Grünen argumentieren, ihnen sei die eingesparte CO2-Menge wichtig, weniger die Zahl der Kraftwerke. Und bei der FDP darf die Steuer nur nicht Steuer heißen, sondern lieber Abgabe. Eine CO2-Steuer könnte auch den Verkehr, die Landwirtschaft und das Wohnen (Heizen) treffen. Sie würde ähnlich wie ein Mindestpreis wirken und am Ende, zumindest in der Theorie, klimaschädliche Technologien unrentabel machen. Im Gegenzug ließen sich andere Steuern senken. In Großbritannien gibt es die carbon tax bereits seit 2013, allerdings ist ihr Erfolg umstritten. Zudem bedeutet sie eine Doppelbelastung für all die Firmen, die bereits mit CO2-Zertifikaten handeln müssen. Man ahnt: Ein Streit über Ausnahmeregelungen ist programmiert. 

Was wird aus den Tagebauen?

Und damit die Gemengelage noch komplizierter wird, müssen die Sondierer in Berlin auch noch landespolitische Interessen beachten. Mit einem Aus für die Kohle haben vor allem Politiker aus Nordrhein-Westfalen und den Kohlerevieren in Ostdeutschland ein Problem. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) fürchtet um die Arbeitsplätze im rheinischen Kohlerevier. Auch die ostdeutschen Ministerpräsidenten bringen bereits millionenschwere Fonds ins Gespräch, um den Strukturwandel sozialpolitisch abzufedern.

Dabei gehört zum vollständigen Bild, dass der Strukturwandel in beiden Regionen bereits in vollem Gang ist: Nach einer Studie von Arepo Consult für die Grünen-Bundestagsfraktion hängen insgesamt zwischen 42.000 und 74.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt an der Kohle. In keinem betroffenen Bundesland sind es demnach mehr als ein Prozent der Beschäftigten.

Schon jetzt mutmaßen Fachleute, dass es den Landespolitikern um etwas ganz anderes geht. Viele Städte und Kommunen halten Anteile an RWE, Deutschlands größtem Betreiber von Kohlekraftwerken. Nach einer existenziellen Krise berappelt sich der Konzern seit einigen Monaten wieder – ein Trend, über den sich jeder Stadtkämmerer freut. Und der, wegen eines Kohleausstiegs, nicht zu schnell enden soll.