Armin Müller, Geschäftsführer der Deutsche Lithium GmbH © Zacharias Zacharakis für ZEIT ONLINE

Auf einem Feldweg, hinter einer unbewohnten Hütte, sind zwei Arbeiter gerade damit beschäftigt, tief in die Erde hineinzufühlen. "Das ist eine unserer Erkundungsbohrungen", sagt Müller, als er über die kleine Baustelle führt. Die Maschine dröhnt laut, während sie ein langes Rohr in den Boden dreht: 300 Meter tief, um Proben aus dem Gestein zu entnehmen. Seit einigen Jahren liefen an diversen Stellen auf dem Gelände diese Bohrungen, um die Erzschichten und deren genaue Lage für eine Machbarkeitsstudie zu bestimmen. "Man muss sich diese Schichten wie Kappen vorstellen, die sich in unterschiedlichen Tiefen über den Berg wölben", erklärt Müller.

Nach einer guten Viertelstunde ziehen die Arbeiter ein Rohr aus der Tiefe, öffnen es an der Spitze und lassen einen meterlangen grauen Zylinder herausgleiten, etwa so dick wie eine Gurke – den sogenannten Bohrkern. Die Proben verstauen sie dann in Holzkisten. Müller hebt ein Stück des Gesteins aus der Kiste. "Zinnwaldit enthält je nach Zusammensetzung zwischen drei und vier Prozent Lithium", sagt der habilitierte Chemiker, der an der nahe gelegenen Bergakademie in Freiberg studierte und später für den Bayer-Konzern gearbeitet hat. Chemisch weiterverarbeitet werden könnte der Rohstoff später nördlich von Dresden, am BASF-Standort Schwarzheide. Man prüfe derzeit eine Zusammenarbeit, sagt Müller. Auch der Chemiekonzern bestätigt das.

"Wir waren schon angenehm überrascht"

Doch was halten die Menschen aus der Region von dem Vorhaben? Zinnwald gehört zur Stadt Altenberg, die knapp vier Kilometer weiter nördlich liegt. Am Ortseingang ragt ein alter Förderturm aus DDR-Zeiten in die Höhe, ganz in der Nähe soll die Einfahrt zur neuen Lithiummine entstehen: das Mundloch zu einer Rampe in den Berg, vier mal fünf Meter groß, drumherum ein Betriebsgelände. Viel mehr wird man von dem Abbau des Erzes nicht sehen. Vom künftigen Standort erreicht man das Rathaus zu Fuß in ein paar Minuten – ein wuchtiges Gebäude, in dem früher der volkseigene Bergbaubetrieb verwaltet wurde.

Wer heute das Rathaus betritt, dem wird schnell klar, wofür das Erzgebirge jetzt steht: Tourismus und Wintersport. Im Treppenhaus hinauf zum Zimmer des Bürgermeisters hängen großflächige Plakate. Bob-WM 99. Rennrodel-WM 2012. Fotos von Zieleinfahrten und von den Sporthelden der Region. In Altenberg befindet sich eine von vier Bobbahnen in Deutschland, der Eiskanal für den Weltcup. Auch Bürgermeister Thomas Kirsten, ein drahtiger, großgewachsener Mann, war früher Leistungssportler, Biathlet. An seiner Person zeigt sich gut, wie eng die Stadt aber auch verbunden ist mit ihrer anderen Seite, dem Bergbau. Der Vater arbeitete in der Verwaltung des DDR-Betriebes. "Wir waren schon angenehm überrascht", sagt Kirsten, "dass jemand hier wieder Erz gewinnen will."

Altenbergs Bürgermeister Thomas Kirsten © Zacharias Zacharakis für ZEIT ONLINE

Im Bürgermeisterzimmer wippt Kirsten gelassen in seinem Stuhl vor und zurück. Hinter ihm in der Ecke lehnt ein altes Biathlon-Gewehr an der Wand. Wirtschaftlich werde das Lithiumprojekt keine besondere Rolle spielen, sagt Kirsten. Es entstünden ja wohl nicht mehr als 150 Arbeitsplätze, dagegen habe der Tourismus 2.000 Arbeitsplätze geschaffen seit der Wende. "Wir machen 60 Millionen Euro Umsatz und haben 500.000 Übernachtungen pro Jahr", referiert der Bürgermeister. Dennoch habe sich der Stadtrat "einstimmig" für den neuen Bergbau ausgesprochen. Das liege auch daran, dass die Zusammenarbeit mit Armin Müller gut funktioniere. "Das Mundloch zur Rampe wurde verlegt, nachdem wir darauf hingewiesen hatten, dass dort eine unserer wichtigsten Loipen für den Langlauf verläuft", sagt Kirsten.

Der Bergbau verändert die Landschaft, das ist man hier gewohnt. Mitten in Altenberg klafft ein gewaltiges Loch, ein Erdtrichter aus DDR-Zeiten. Der Berg holte sich zurück, was ihm zuvor genommen wurde. Auch allgemeine Umweltfragen spielen für die Gemeinde keine wesentliche Rolle, der Abbau unter Tage erfolgt weitgehend mechanisch, ohne dass umweltschädliche Substanzen eingesetzt werden. Vielmehr muss sich zeigen, welche wirtschaftliche Perspektive das Projekt hat, wie profitabel und damit lebensfähig eine solche Mine in Deutschland überhaupt sein kann.