Da ist sie nun also, die nächste weltweit unter tönendem Titel medial aufbereitete Schreckensmeldung aus der Offshore-Republik Steueroasien. Nach den Panama Papers vom vergangenen Jahr jetzt die Paradise Papers. Wie schon die vergangenen Enthüllungen enthalten die neuesten Papiere keineswegs überwiegend kriminelle Handlungen, sondern legale Steuertricks vor allem der Reichen und Ultrareichen.

Doch das macht sie zugleich erst wirklich brisant. Sie dokumentieren gewissermaßen die legale Basis von illegalen Geschäften, denn sie zeigen letztlich auch, wie breit Steuer- und damit soziale Verantwortungsvermeidung inzwischen akzeptiert sind. Das betrifft in erster Linie die Politik, deren Vertreter nicht zuletzt ebenfalls von der Steuerumgehung profitieren. Mit Mitarbeitern der britischen Queen, einem Minister aus dem Kabinett Trump und einem Berater des kanadischen Premiers Trudeau ist hier das gesamte politische Spektrum vertreten. In zweiter Linie betrifft es aber auch eine Gesellschaft, die diese Politiker wählt und wiederwählt, oder ihnen eben zumindest die aristokratische Treue hält.

Offshore-Geschäfte - »Paradise Papers« liefern neue Steueroasen-Enthüllungen Insgesamt handle es sich um rund 13 Millionen Dokumente, berichtete unter anderem »Süddeutsche Zeitung«, in denen den Angaben zufolge auch die Queen und der US-Handelsminister Ross auftauchen. © Foto: Don Emmert / Getty Images

Denn auch wenn die jüngsten Papers unbekannte Informationen veröffentlichen, steht die internationale Finanzbranche spätestens seit den Krisen ab 2008 immer wieder im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Eine der zahllosen auch künstlerischen Auseinandersetzungen ist das im Jahr 2013 am Deutschen Theater Berlin und dem Schau­spiel Stuttgart uraufgeführte Stück Das Himbeerreich von Andres Veiel. Es zeigt die Wirkungen der Krise und den Umgang – oder Nichtumgang – mit Verantwortung in der Vorstandsetage einer großen deutschen Bank. In der Rolle eines reuigen Investmentbankers schrie damals Ulrich Matthes im Kampf gegen die Windmühlen längst bekannter, aber sich dennoch nicht ändernder Umstände immer wieder eine entscheidende Frage in den stummen Publikumsraum: "Warum wird da niemand wütend?"

Ja, warum eigentlich? Oder Moment: Stimmt das denn überhaupt noch? In letzter Zeit scheint es doch so, dass immer mehr Menschen wütend sind, auf die Politik, auf die Eliten. Sie sind es aber weniger, weil das oberste Prozent ihnen seit Jahrzehnten gigantische Summen wegnimmt, sondern eher aus Angst, dass ihnen die  – zuwandernden – untersten Prozente in Zukunft etwas wegnehmen könnten. Dabei haben die sprichwörtlichen 99 Prozent hier einen gemeinsamen Gegner. Laut Berechnungen des Ökonomen Gabriel Zucman entgehen dem deutschen Staat jährlich 17 Milliarden Euro Unternehmenssteuern, weil Gewinne in Offshore-Oasen verschoben werden. Das sei ein Drittel des Gesamtaufkommens aus der Körperschaftssteuer. Davon könnte man etwa die Ausgaben für die Grundsicherung um 50 Prozent erhöhen oder fast ein Jahr lang die Kosten für nach Deutschland gekommene Flüchtlinge ausgleichen.

Trotz solcher Zahlen hat sich nach Enthüllungen der Panama Papers keine Protestbewegung formiert, die sämtliche Parteien zu sofortigen Maßnahmen bewegt hätte. Auch die Linkspartei konnte ihr Wahlergebnis nicht um zehn oder 20 Prozentpunkte steigern, die AfD profitierte dagegen von der Flüchtlingsthematik. Warum also?

Ehrfurcht vor den Reichen, nicht Wut

Unsere Gesellschaft ist immer noch von einer Ideologie durchdrungen, für die der Staat ein rotes Tuch ist. Demnach sind nicht Steuervermeidung oder -hinterziehung das Problem, sondern dass der Staat überhaupt finanzielle Beiträge einfordert. Steuerpflicht kommt hier einem Raub gleich. Und vor dem Hintergrund einer vermeintlichen Leistungsethik werden Ultrareiche eher mit Ehrfurcht oder Neid, nicht aber mit Wut bedacht.

Diese Ideologie, auch bekannt unter dem inzwischen zum Unwort gewordenen Namen Neoliberalismus, entstand auch als Reaktion auf die keynesianisch geprägte westliche Nachkriegsordnung. Diese nutzte die gigantische Reichtumsvernichtung zweier Weltkriege, um den im Wirtschaftswunder neu entstehenden Wohlstand etwas gleichmäßiger zu verteilen, als das zuvor der Fall war. Seit dem weltweiten Aufstieg der neoliberalen Globalisierung in den 1970er Jahren hat sich diese Entwicklung aber wieder umgekehrt. Das passierte zunächst langsam, nach dem Zusammenbruch der Ideologiealternative des Sozialismus ging es rasant. Als Bilanz dieser Epoche ist die weltweite Vermögenskonzentration inzwischen wieder so hoch wie zuletzt vor dem Ersten Weltkrieg, so rechnete es der Ökonom Thomas Piketty 2013 vor.