Ein Jahr nach den Panama Papers folgen nun die Paradise Papers: Erneut hat das internationale Netzwerk investigativer Journalisten ICIJ eine Großrecherche zum Thema Steuerparadiese vorgelegt. Das neue Datenleck enthüllt keine illegalen Aktivitäten. Es zeigt aber in beeindruckender Weise, wie gängig es inzwischen ist, solche Schlupflöcher zur Steuervermeidung zu nutzen. Die Daten stammen vor allem von der Kanzlei Appelby, dem Marktführer im Offshore-Geschäft. Die auf den Bermudas ansässige Anwaltskanzlei wirbt damit, das Geschäft mit Briefkastenfirmen professionell zu betreiben. Zu ihren Kunden gehören Premierminister, Hollywoodstars und einige der reichsten Oligarchen der Welt. Die Paradise Papers, die bislang umfangreichste Datenquelle über internationale Offshore-Finanzgeschäfte, enthalten die Namen großer Firmen und berühmter Personen. Darunter sind mehr als 120 Politiker aus fast 50 Ländern.

Betroffene Politiker und Prominente:

US-Handelsminister Wilbur Ross profitierte den Berichten zufolge als Privatmann von Geschäften mit einer Firma, die dem Schwiegersohn des russischen Präsidenten Wladimir Putin und Kreml-nahen Geschäftsleuten gehört. Insgesamt sollen ein Dutzend Berater und Großspender von US-Präsident Donald Trump in den Papieren auftauchen. Die Verbindung ist politisch brisant, da sich die US-Regierung mit Vorwürfen auseinandersetzen muss, während des US-Wahlkamps Kontakte zum Kreml gesucht zu haben.

Indirekt soll auch Queen Elizabeth II profitiert haben: Ihre Vermögensverwalter investierten demnach in eine Kaufhauskette, die Haushaltsgüter auf Raten verkauft – bei Zinssätzen von bis zu 99,9 Prozent. Der Queen sei "nicht bewusst" gewesen, dass sie über einen Fonds auf den Kaimaninseln an der umstrittenen Firma beteiligt sei, zitiert die Süddeutsche Zeitung Beamte der Königin.

Des weiteren taucht ein Vertrauter des kanadischen Premiers Justin Trudeau in den Dokumenten auf. Er soll in fragwürdige Geschäfte mit Briefkastenfirmen verwickelt sein, wodurch dem Staat Millionen Dollar an Steuern entgangen sein könnten.

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos soll Chef einer auf Barbados registrierten Holding gewesen sein, bevor er im Jahr 2000 Finanzminister Kolumbiens wurde.

Der irische Rocksängers Bono investierte den Dokumenten zufolge über Firmen in den Steuerparadiesen Malta und Guernsey in ein Einkaufszentrum in Litauen. Der Frontmann der Rockband U2 betonte, ihm sei versichert worden, dass die Firmen sich voll und ganz an die Steuervorschriften hielten. Der Sänger, der sich seit Jahren für den Kampf gegen Armut in Entwicklungsländern einsetzt, begrüßt die neuen Enthüllungen und forderte öffentlich zugängliche Register in den Steuerparadiesen.

Rund anderthalb Jahre nach den "Panama Papers" waren durch ein neues Datenleck am Sonntag die Steuertricks von Politikern, Konzernen und Superreichen in aller Welt offengelegt worden. Die "Paradise Papers" waren der "Süddeutschen Zeitung" zugespielt und ein Jahr lang von einem internationalen Team aus fast 400 Journalisten ausgewertet worden.

Betroffene Unternehmen:

Die Paradise Papers zeigen die Steuersparmodelle multinationaler Konzerne auf – die aber nicht strafbar sind. Viele Steuertricks über Offshore-Firmen sind legal oder bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone. Das nutzte laut Süddeutscher Zeitung etwa der Sportartikelhersteller Nike. Der Konzern soll auf den Bermudas und später in den Niederlanden mithilfe der Kanzlei Appleby ein System aufgebaut haben, das dem Unternehmen Milliarden Euro an Steuern sparte. Weitere Kunden der Kanzlei sollen etwa Facebook, der Fahrdienstvermittler Uber und der Haushaltsgerätehersteller Whirlpool gewesen sein. 

Auch die Computerfirma Apple, der wertvollste Konzern der Welt, taucht in den Papieren auf. Das Unternehmen suchte demnach einen Standort mit möglichst niedrigen Steuersätzen, an denen auch ein möglicher Regierungswechsel nichts ändern würde.

Der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore gerät aufgrund der Datenanalyse laut Süddeutscher Zeitung in den Verdacht, Schmiergelder für einen Rohstoffdeal im Kongo gezahlt zu haben, was das Unternehmen zurückweist. Der Demokratischen Republik Kongo sollen bei Minengeschäften Hunderte Millionen Dollar entgangen sein.

Betroffene Deutsche:

Die ausgewerteten Daten führen laut Süddeutscher Zeitung in Deutschland zu rund tausend Kunden oder Begünstigten. Ein wirklich prominenter Name ist nicht dabei. Die Erben des Pharmaunternehmers Curt Engelhorn sollen aber etwa mehr Steuern hinterzogen haben, als bislang in einem umfangreichen Strafverfahren ermittelt wurde. 

Glückspielunternehmer Paul Gauselmann soll die laxen Gesetze auf der Isle of Man genutzt haben, um an rechtlich umstrittenen Online-Spielen zu verdienen, die hierzulande überwiegend verboten sind.

Auch Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) soll Appleby – in seiner Funktion als Aufsichtsrat des russisch-britischen Energieunternehmens TNK-BP – um Rat gebeten haben. Die Kanzlei lehnte die Beratung aufgrund eines Konflikts mit einem anderen Mandaten aber ab. Wenig später sei Schröder von dem Posten zurückgetreten.

13,4 Millionen Dokumente

Die Paradise Papers sind das Ergebnis von Recherchen des Netzwerks investigativer Journalisten (ICIJ) zur Steuervermeidung. Den Angaben zufolge beruhen sie auf 13,4 Millionen Dokumenten aus Steueroasen. An den Recherchen waren etwa die Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR sowie die New York Times, die BBC, der Guardian und Le Monde beteiligt.

Die Datensätze stammen von der Anwaltskanzlei Appleby, dem Treuhand-Unternehmen Asiaciti Trust mit Sitz in Singapur sowie Unternehmensregistern aus 19 Steuerparadiesen wie der Isle of Man, Malta und den Bermudas.

Offshore-Geschäfte - »Paradise Papers« liefern neue Steueroasen-Enthüllungen Insgesamt handle es sich um rund 13 Millionen Dokumente, berichtete unter anderem »Süddeutsche Zeitung«, in denen den Angaben zufolge auch die Queen und der US-Handelsminister Ross auftauchen. © Foto: Don Emmert / Getty Images