Während in Berlin CDU, CSU, FDP und Grüne die Möglichkeit einer künftigen Koalition ausloten, verhandelt die Welt in der alten Hauptstadt Bonn über die globale Klimapolitik. Als Gastgeber des UN-Gipfels sollte Deutschland die Gelegenheit nutzen, klare eigene Umsetzungspläne für den Klimaschutz zu vereinbaren. Das betrifft auch den Kohleausstieg.

Wir haben drei Möglichkeiten, den Ausstieg aus klimaschädlichen Technologien zu gestalten. Die erste wäre zügig, geordnet und die neuen Marktchancen nutzend, die sich beispielsweise durch erneuerbare Energien und Elektromobilität auftun. Die zweite: zu spät und abrupt, mit chaotischen, unvorhersehbaren wirtschaftlichen und sozialen Folgen. Die dritte, ein "Weiter-wie-bisher", führt direkt in die Klimakatastrophe. Es wäre die schlechteste Option. Deutschland sollte sie nicht riskieren, sondern stattdessen die Chance nutzen, sich an die Spitze der grünen Transformation zu setzen, die dafür nötigen Innovationen voranzutreiben und die neuen Märkte aktiv zu erobern. Die Weichen dafür muss die neue Regierungskoalition jetzt stellen.

Egal für welche Option die Parteien sich entscheiden werden: So oder so stehen Umbrüche bevor. Bis zu einem Drittel der globalen Ölvorkommen und über 80 Prozent der Kohlevorkommen müssen im Boden bleiben, wenn die Erderwärmung unter zwei Grad Celsius bleiben und ein katastrophaler Klimawandel verhindert werden soll. Für ihre Besitzer werden sie damit wertlos – wird das Energiesystem tatsächlich für den Klimaschutz grundlegend umgebaut, führt das zu einer drastischen Umschichtung von Vermögenswerten. Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf fossilen Energien beruht, müssen dann empfindliche Verluste in Kauf nehmen. Doch zugleich werden durch den Ausbau erneuerbarer Energien neue Vermögenswerte und wirtschaftliche Chancen geschaffen.

Klimafreundlich wirtschaften hilft dem Gewinn – nicht nur der Moral

Schon jetzt lässt sich an einigen Beispielen besichtigen, welche Risiken in fossilen Geschäftsmodellen stecken. Die Aktien des deutschen Stromerzeugers RWE haben in den vergangenen zehn Jahren fast 80 Prozent ihres Wertes verloren. Ähnlich schlecht erging es E.ON, der Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) und Vattenfall, das sein deutsches Braunkohlegeschäft nur mit einem hohen Verlust in Höhe von rund drei Milliarden Dollar an die tschechische Energie Holding (EPH) verkaufen konnte. Aus Sorge, ohne den Ausstieg aus der Braunkohle noch mehr zu verlieren, nahm Vattenfall das in Kauf.

Nicht nur die Unternehmen selbst, auch ihre Geldgeber sind betroffen. Den meisten Banken, Anlagefonds und Investoren dürfte gegenwärtig nicht klar sein, welche Verlustrisiken sich in ihren Büchern verbergen. Einige Fachleute sehen die Gefahr einer "Kohlenstoffblase", ähnlich der Preisblase auf den Immobilienmärkten, die zur Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 führte. Auch hier waren Banken und andere Investoren Risiken eingegangen, die sie nicht mehr überblicken konnten – bis zum großen Crash. Platzt die Kohlenstoffblase, wären auch Rentenkassen und Lebensversicherungen betroffen – und damit die Altersvorsorge breiter Bevölkerungsteile.

Transparenz kann helfen, das zu verhindern. Um die Gefahren abzuschätzen, müssen Investoren Zugang zu den nötigen Informationen haben. Das Financial Stability Board, ein internationales Gremium zur Überwachung von Finanzmarktrisiken, diskutiert zum Beispiel, wie man Unternehmen und Fonds in die Pflicht nehmen kann, ihre Kohlenstoffrisiken zu bewerten und offenzulegen. Vorausschauende Anleger hätten so die Möglichkeit, Investitionen in fossile Wertanlagen zu meiden. Einige tun das bereits jetzt. So hat der weltweit größte Pensionsfonds, der aus Öleinnahmen finanzierte norwegische Oljefondet, damit begonnen, aus fossilen Energien auszusteigen. Der Trend zeigt: Klimafreundliches Investieren wird nicht mehr nur von moralischen Motiven getrieben, sondern kann das Ergebnis einer Abwägung unternehmerischer Chancen und Risiken sein.

Chancen für Kommunen

Die großen deutschen Energieversorger haben den Umstieg auf erneuerbare Energien bisher verpasst: Weniger als zehn Prozent der deutschen Gesamtkapazität gehören ihnen und an der bundesweiten jährlichen Wertschöpfung der Erneuerbaren von rund 17 Milliarden Euro haben sie wenig Anteil. Die Kommunen hingegen sind mit rund elf Milliarden Euro Wertschöpfung viel stärker involviert. Darin steckt für die Energiewende eine Chance: Bürger und Gemeinden können direkt an der Wertschöpfung durch erneuerbare Energien profitieren.  

Für die bisherigen Kohleregionen aber muss ein sozialer Ausgleich geschaffen werden. Die sozialen Kosten des Strukturwandels können hoch sein, wie das Beispiel des Ruhrgebiets zeigt. Doch wenn Wirtschaft, Gesellschaft und Politik den Wandel nicht offensiv angehen, werden sie verlieren.

Ein klarer Ausstiegsplan aus der Kohle böte der Transformation einen verlässlichen Rahmen. Je früher die Unternehmen und Investoren mit dem Umbau ihrer Geschäfte und Portfolios beginnen, desto reibungsloser gelingt der Übergang – und desto mehr kann Deutschland von den Chancen profitieren. Den Strukturwandel zu fördern und die sozialen Kosten in den Kohleregionen zu mildern, muss als gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe im Koalitionsvertrag festgehalten und staatlich finanziert werden. An einem derart transparenten und geordneten Kohleausstieg sollten alle Parteien ein Interesse haben. Die Alternative ist nicht nur für das Klima, sondern auch aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht zu riskant.