Kurz vor dem Ende der Verhandlungen wurde es auf der Bonner Klimakonferenz doch noch emotional. Raijeli Nicole war um Fassung bemüht, als sie den reichen Staaten zurief: "Wir stehen an der Frontlinie des Klimawandels". In ihrer Heimat Fidschi mussten bereits erste Fischerdörfer dem Meeresspiegelanstieg weichen. Die Pazifische Regionaldirektorin der Entwicklungsorganisation Oxfam rief die Industrieländer zu mehr Solidarität, Führung und Verantwortungsbereitschaft auf. Doch statt sich rasch zu einigen, stritten die Staaten bis zum frühen Samstagmorgen über letzte technische und finanzielle Details. 

Nach einem Jahr extremer Unwetter, steigender Emissionen und Rekordklimaschäden hatten die Vertreter der besonders verletzlichen Länder – unter ihnen die Inselstaaten – von den Industriestaaten mehr Engagement im Umgang mit den unvermeidlichen Schäden gefordert. Doch abgesehen von ein paar finanziellen Zusagen, unter anderem von Deutschland und Schweden, blitzten sie weitgehend ab. 

Diplomatischer Erfolg

Aus Sicht der Klimadiplomatie war der Gipfel wohl dennoch ein Erfolg – denn große Erwartungen an ihn hatte es ohnehin nicht gegeben. In Bonn wollten die mehr als 190 Staaten ein Regelwerk vorbereiten, nach dem ab dem Jahr 2020 das Pariser Klimaabkommen in die Praxis umgesetzt werden soll. Es ging um technische Details, zum Beispiel um die Frage, wie Emissionen zu messen und zu verbuchen seien – eine wichtige Grundlage für die weitere Arbeit. Jetzt gibt es einen ersten Entwurf für das Regelbuch, mehr als 260 Seiten lang. Um ihn so weit zu kürzen, dass er in der Praxis taugt, werden die Delegationen im kommenden Jahr ziemlich viel Zeit und Mühe brauchen. Ihr selbst gesetztes Ziel für Bonn haben sie dennoch erreicht.

Vor zwei Jahren in Paris aber endete die Klimakonferenz mit einem großen Versprechen, viel ehrgeiziger, als die allermeisten der mit dem Klein-Klein der Klimadiplomatie vertrauten Beobachter damals erwartet hatten: Die Staaten gelobten, alles zu tun, um die Erderwärmung auf einen Wert deutlich unter zwei Grad Celsius zu stoppen. Möglichst aber wollten sie sogar 1,5 Grad schaffen.

Gemessen daran sind sie bisher nicht sehr weit gekommen. In Bonn verabredeten sie deshalb auch, das ganze kommende Jahr weiter im Dialog darüber zu bleiben, wie jedes einzelne Land seine Klimapolitik noch ehrgeiziger gestalten kann. Denn ehrgeiziger müssen die Vertragsstaaten von Paris werden, wenn sie ihr Versprechen ernst nehmen. Das wissen sie alle, und auch in Bonn hörte man dazu keinen Widerspruch.

Drei Punkte, die Mut machen

Das Besondere am für 2018 geplanten Talanoa-Dialog: Nicht nur die üblichen Diplomaten sollen in ihm mitreden dürfen, sondern auch Klimawissenschaftler, Umweltschützer und andere Vertreter der Zivilgesellschaft. Für die besonders gefährdeten Länder wie Fidschi ist das allerdings ein schwacher Trost. Zusätzlich sollen die Industrieländer, die die bisherige Erderwärmung vor allem verursacht haben, bis zum Jahr 2020 regelmäßig gesondert Auskunft darüber geben, wie sie ihre Klimapolitik verbessern wollen.

Das sind die zentralen Fortschritte der Verhandlungen in Bonn. Sie fallen erwartungsgemäß aus – und reichlich unspektakulär. Wichtigere Dinge passierten außerhalb des Verhandlungsprozesses:

  • Deutschland präsentierte auf dem Gipfel eine Initiative, die in den kommenden Jahren 400 Millionen Menschen weltweit gegen Klimaschäden versichern soll. Das ist ein wichtiger Schritt angesichts der immer höheren Vermögenswerte, die durch extreme Wetterereignisse zerstört werden, und der Armut der meisten Betroffenen. Sie sind meist nicht in der Lage, sich selbst zu schützen.
  • Angeführt von Kanada und Großbritannien kündigten mehr als 20 Staaten, Regionen und Unternehmen an, aus der Kohle auszusteigen. Die klimaschädliche Kohle liefert noch rund 40 Prozent der Energie weltweit, aber das neue Antikohlebündnis erhöht den Ausstiegsdruck auch auf andere Staaten. Auch auf Deutschland, das bislang nicht dabei ist.
  • Die offizielle Delegation der USA, die unter Präsident Donald Trump planen, aus dem Pariser Abkommen auszutreten, störte die Verhandlungen nicht – und sie wurde in den Schatten gestellt von einem alternativen Bündnis aus US-Bundesstaaten, Städten, Universitäten und Unternehmen. Das Bündnis vereint einen großen Teil der US-Wirtschaftskraft und wurde in Bonn von hochrangigen Politikern repräsentiert. Auf dem Gipfel verbreitete die Allianz unablässig: Wir sind noch dabei! Wir erfüllen das Pariser Versprechen der USA, mag unser Präsident noch so sehr dagegen twittern.

Was aus Bonn bleibt: Das Pariser Abkommen lebt, und der Trend weg von Kohle, Öl und Gas hin zu einer klimafreundlichen Wirtschaft ist ungebrochen – trotz Widerstands auf höchster Ebene. Und viele Akteure arbeiteten auf dem Gipfel daran, ihn zu beschleunigen; nicht nur die offiziellen Verhandler der Nationalstaaten.  

Aber für Fidschi ist das immer noch zu langsam. "Ich spreche nicht über die Zukunft. Ich spreche über die Gegenwart", sagte Raijeli Nicole in Bonn über Stürme, Fluten und Dürren. "Dies ist die Realität."